Michael Hebenstreit,
systemischer und wirtschaftsphilosophischer Managementberater, stellvertretender Vorsitzender des „Verbands für Philosophie und Unternehmensberatung“ (VPU) und Mitglied des Redaktionsteams „Philosophische Methoden in der Beratung“ im Gespräch mit Michael Rasche über das neue Buch „Methodos – Einführung in das methodische Denken„.
Homepage: www.hebenstreit-michael.de
MH: Unser „Verband für Philosophie und Unternehmensberatung“ hat beschlossen, eine Reihe zum Thema „Philosophische Methoden in der Beratung“ zu veröffentlichen, um das Thema Philosophie stärker in der Beratungsbranche zu verankern. Wir freuen uns, dass nun der erste Band dieser Reihe draußen ist: „Methodos: Einführung in das methodische Denken“ von Michael Rasche. Wir fragen den Autor: worum geht es in dem Buch?
MR: Wie der Name es verrät: es geht um methodisches Denken. Denken jetzt nicht als etwas Zufälliges, sondern als etwas Zielgerichtetes, das Probleme lösen will und das die Grundlage für gute Entscheidungen sein will. Dazu braucht es bestimmte, festgelegte Schritte, die man durchgeht und die ich in meinem Buch beschreibe.
MH: Wie müssen wir uns dieses methodische Denken vorstellen? Dieses Denken soll uns helfen, logisch zu handeln?
MR: Jein. Natürlich spielt Logik eine gewisse Rolle. Aber man darf nie vergessen, dass wir Menschen keine logischen Wesen sind. Wir können logisch denken, aber wir sind keine Maschinen, die nach logischen Formeln funktionieren. Es geht daher letztlich nicht um Logik, sondern um Rationalität. Es geht letztlich um Begründungen. Wir handeln aufgrund von Werten, die wir haben und die wir für uns als verbindlich anerkennen. Die spannende Frage ist nun: welche Werte haben wir eigentlich? Sind das gute und tragfähige Werte? Passen sie zu der Welt, in der ich lebe? Stimmt meine Sicht auf die Welt überhaupt mit der Welt überein? Was motiviert uns? Was behindert uns? Wie kann ich dem methodisch auf die Spur kommen? Dabei kann die Logik helfen, aber es geht nicht darum, uns zu logischen Wesen zu machen. Das wäre ja schrecklich.
MH: Um diese Schritte zum methodischen Denken zu beschreiben, greifst du weit in die Geschichte zurück: du setzt bei den alten Griechen an. Sokrates, Platon, Aristoteles und wie sie alle heißen. Wie kommt das? Sicher auch ein bisschen Nostalgie?
MR: Ja, sicher ist es auch Nostalgie. Oder einfach persönliche Leidenschaft. Ich interessiere mich seit vielen Jahrzehnten für die alten Griechen, für den Beginn der Philosophie. Ich fand in meiner Zeit an der Universität als Student, aber auch als Professor die Frage sehr spannend, wie und warum damals bei den alten Griechen die Philosophie losging. Genauer: dass man nicht mehr den alten Göttergeschichten zutraute, die Wahrheit über die Welt zu erzählen, sondern dem eigenen Verstand. Dass man die Natur beobachtete, dass man Thesen aufstellte, dass man Argumente gewichtete, dass die Wissenschaften entstanden. Diesen Beginn fand ich immer ungeheuer spannend.
Dass ich in diesem Buch von diesem Beginn erzähle, hat aber nicht nur nostalgische Gründe, sondern auch inhaltliche. Denn es erzählt von dem Beginn des methodischen Denkens damals und will diesen Beginn heute beim Leser wiederholen. Wie die Menschen damals Schritt für Schritt das methodische Denken entwickelt haben, so können wir es auch heute tun: unser Denken methodisch neu aufbauen. Dass dabei von Sokrates und vielen anderen erzählt wird, macht es zudem auch etwas anschaulicher und interessanter.
MH: Warum ist methodisches Denken heute so wichtig? Heute, wo uns die Künstliche Intelligenz doch immer mehr vom Denken abnimmt?
MR: Vielleicht ist gerade wegen der immer größeren Bedeutung der Künstlichen Intelligenz umso wichtiger, das eigene, natürliche Denken zu stärken. Die Künstliche Intelligenz hat in den letzten Jahren gigantische Fortschritte erzielt und wird sich weiter verbessern. Aber es ist keine menschliche Intelligenz und wird auch keine werden. Es ist eine formalisierte Intelligenz, die nach Algorithmen arbeitet. Wir Menschen denken und funktionieren anders. Die Künstliche Intelligenz wird uns sicher in vielen Bereichen helfen können, aber zum einen müssen wir sie kontrollieren können und zum anderen müssen wir sehen, dass viele Bereiche unseres Lebens von der Künstlichen Intelligenz nicht angemessen erfasst werden können. Gerade weil die Künstliche Intelligenz immer präsenter wird, werden wir stärker als je zuvor darauf angewiesen sein, selbst gut denken zu können – für unser eigenes Leben, aber auch für das Zusammenleben mit anderen Menschen, vom einzelnen Unternehmen bis hin zur ganzen Gesellschaft.
MH: Es ist ja der Anspruch der Philosophie, den Menschen die Möglichkeit zu geben, eigenständig eine Situation beurteilen und dann auch ethisch bewerten zu können. Diese Fähigkeit ist wichtig für die Wirtschaft und für die Unternehmen. Trotzdem ist die Philosophie mit ihren Methoden noch nicht sehr präsent in der Beratung der Unternehmen. Weswegen wir ja als Verband unter anderem diese Reihe „Philosophische Methoden der Beratung“ begonnen haben. Woran liegt diese mangelnde Präsenz der Philosophie?
MR: Da gibt es sicherlich mehrere Gründe, angefangen dabei, dass Philosophen allgemein als schwierige und verkopfte Typen gelten, die sich darin gefallen, schwer verständliches Zeug von sich zu geben. Das macht es nicht immer einfach, Türen zu öffnen.
Den Hauptgrund sehe ich aber in der historischen Entwicklung der Beratungsbranche. Die ist ja als Branche noch gar nicht so alt, etwas über hundert Jahre. Und es ist spannend zu sehen, wie die Beratungsbranche natürlich das Bild spiegelt, das man von der Wirtschaft hat oder davon, wie ein perfektes Unternehmen aussehen soll. Vor hundert Jahren wurde ein Unternehmen nur nach den Zahlen beurteilt, und Beratung hieß vor damals vor allem: was muss ich tun, um das Unternehmen und seine Zahlen in den Griff zu kriegen?
Einige Jahrzehnte später wuchs das Bewusstsein, dass ein Unternehmen nicht nur aus Zahlen, sondern auch aus Menschen besteht. Entsprechend bildete sich in der Beratungsbranche im Laufe vieler Jahrzehnte ein weiteres Standbein heraus, das Themen wie Soziologie und Psychologie in den Blick nahm: Arbeitszufriedenheit, Motivation, Führungsverhalten usw.
Was wir nun in den letzten Jahrzehnten erleben, sind neue Bedürfnisse in der Welt der Unternehmen, die das Thema Philosophie stärker als bisher nach vorne schieben. Es ist zum einen das Thema Wissen: wie komme ich zu guten und wirklichem Wissen angesichts einer digitalisierten Welt, in der ich täglich mit schwer einschätzbarem Wissen überschüttet werde. Wie mache ich aus dieser Fülle von Informationen für mich nützliches Wissen? Das zweite sind Ethik und Werte. Frühere Garanten von moralischen Werten – wie etwa die Kirchen – fallen immer mehr aus. An welchen Werten sollen wir uns orientieren? Wie komme ich zu einem inneren Kompass, der mir Sicherheit gibt und tragfähig ist?
Diese Problemlagen sind in dieser Schärfe relativ neu. Die Philosophie ist die akademische Disziplin, die hier helfen kann und daher mehr als zuvor gefragt sein wird, da bin ich mir sicher. Auch mit Blick in andere Länder, die da etwas weiter sind.
MH: Vielen Dank für dieses Gespräch!
Ja, der Einschätzung folge ich. Mit einer gewissen hochnäsigen Selbstinszenierung haben wir Philosophen uns in „den letzten Jahrhunderten“ selbst vom Platz gestellt. Michael Rasches Buch ist sicher ein Baustein für ein neues, zunächst mal handwerkliches Philosophieren. Damit trifft er den Bedarf von Philosophie und Beratung zugleich.