Vor einigen Tagen jährte sich zum 100. Mal der Geburtstag eines Mannes, der sicherlich zu den großen und einflussreichsten Denkern des letzten Jahrhunderts zählt: Michel Foucault. Er wurde am 15. Oktober 1924 in Poitiers geboren und verstarb im Alter von 57 Jahren am 25. Juni 1984 in Paris.

1961 wurde er bekannt mit dem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“, in dem es um eine interessante „Geschichte des Wahnsinns“ geht, also darum, wie und warum aus einem vielleicht eigenartigen, aber letztlich sich noch im Rahmen der Konventionen bewegenden Zustand eines Menschen etwas Ausgrenzendes wurde, das weggesperrt wurde: warum wurde aus dem, der sich anders verhielt, eine Gefahr, die man ins Irrenhaus packte?

Bereits in diesem frühen Werk sind einige Grundlinien gesetzt, die Foucault dann später in verschiedenen Werken zu den großen Themen seines Lebens ausarbeiten wird: Wissen und Macht.

Macht

Foucault – und das ist vielleicht das Wichtigste, was er hinterlassen hat – plädierte für einen Perspektivwechsel, für eine andere Sicht auf die „Macht“. Was ist Macht? Gewöhnlich versteht man darunter ein Geschehen „von oben nach unten“: einer oben hat die Macht und beherrscht damit jemanden weiter unten.

Foucault hält diesen Machtbegriff für eine Verstümmelung und wenig tragfähig. Für ihn ist „Macht“ kein Besitz, den man hat oder nicht, sondern ein Geschehen, das sich immer und überall abspielt, wo Menschen miteinander zu tun haben. Ein Beziehungsgeflecht.

Macht spielt sich überall ab, wo Menschen miteinander zu tun haben. Es ist kein feste Ordnung, sondern etwas Fluides, das sich immer neu austariert, aber immer präsent ist.

Michel Foucault 1970, Quelle: wikimedia.

„Macht“ spielt sich überall ab, es gibt nicht nur die Macht des Staates oder die Macht der Eltern, sondern jeder Mensch, aber auch jede Institution, vom Krankenhaus bis zur Schule, von der Firma bis zum Sportverein, sind Teil dieses allumfassenden Machtgeschehens.

Diese Macht ist nicht nur negativ und unterdrückend, sie kann auch ermuntern und Produktivität freisetzen.

„Macht“ ist überall aktiv. Foucault lehrt, die Gesellschaft bzw. allgemein das Zusammenleben der Menschen aus der Perspektive der Macht zu lesen. Viele Dinge passieren nicht zufällig, sondern sind eben die Folge eines Machtverhältnisses. Diese Perspektive hilft, gesellschaftliches und zwischenmenschliches Leben zu verstehen und zu ordnen. Die Dinge sind weniger chaotisch als sie aussehen, sie folgen einer bestimmten Ordnung und die kann ich erkennen, indem ich die Machtverhältnisse analysiere – Macht verstanden im Sinne von Foucault als Beziehungsgeflecht.

Wissen und Macht

Eng verbunden mit der „Macht“ ist laut Foucault das „Wissen“. Ein Wissen ist nie neutral. Ein Wissen entsteht aus einem bestimmten Machtverhältnis heraus und ein Wissen bildet zugleich ein neues Machtverhältnis.

Eine Familie ist ein Verbund, in dem sich Macht konstituiert: die Eltern üben Macht aus, aber auch die Kinder üben Macht aus. In diesem Geflecht entsteht ein „Wissen“: eine Üblichkeit, eine Tradition, wie man sich in der Familie verhält. Die Familienmitglieder teilen dieses Wissen, setzen es fort. Macht und Wissen bedingen einander.

Hier gilt: Macht bringt Wissen hervor und Wissen bringt Macht hervor.

Es gilt für jede Form des menschlichen Zusammenlebens, vom Staat bis zum Unternehmen, von der Schulklasse bis zur Fußballmannschaft: von allen Seiten wird Macht ausgeübt und in diesem Machtgeflecht entstehen Regeln und Üblichkeiten, die sowohl eine Folge der Macht sind als auch selbst Macht ausüben.

Wenn ich diese sozialen Gebilde verstehen will, muss ich die Wissens- und Machtverhältnisse freilegen: wer beeinflusst wen, welches Wissen entsteht in diesem Zusammen, wie wird es weitergegeben und wie äußert es sich?

Wissen, so Foucault, ist nicht nur eine Erkenntnis, es ist auch ein soziales Gebilde, eine Diskursform, ein Regelwerk, das festlegt, was gut ist und schlecht, oder wahr und falsch. Wer diesen Diskurs dominiert, legt fest, was Wahrheit ist.

Fazit

Michel Foucault 1974, Quelle: wikimedia.

Michel Foucault hat mit seinem Sprechen von Macht und Wissen vieles verändert. Wissen ist nicht neutral, sondern eine Folge von Machtverhältnissen. Machtverhältnisse sind nicht neutral, sondern eine Folge von Wissen. Mit Foucault im Hinterkopf fällt es schwer, neutral auf menschliche Beziehungen zu schauen: alles wird auf Macht- und Wissensverhältnisse zurückgeführt.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man mit Foucault zynischer auf die Gesellschaft blickt. Aber leider sind Zynismus und Realismus weniger oft voneinander getrennt, als einem lieb ist. Das Wissen, dass es nie und nirgends ein Machtvakuum gibt, hat nicht nur schöne Seiten.

Foucault gibt wichtige Schlüssel an die Hand, jede Art menschlichen Zusammenseins in ihrer Vergangenheit und Gegenwart besser erklären zu können. Und damit vielleicht besser für die Zukunft gestalten zu können.

 

Titelbild: „Michel Foucault, painted portrait DDC_7450.jpg“ von thierry ehrmann, CC BY 2.0