Der Dom in Essen. Voller Menschen. Der Gesang eines Chores ist zu hören. Kerzen flackern, Schwaden süßen Weihrauchs liegen in der Luft, im Altarraum versammelt viele Dutzend Priester in ihren Gewändern, unter ihnen der Bischof. Vor ihm liegen zwei Männer auf dem Boden, die zu Priestern geweiht werden. Einer von denen war ich.

Heute vor genau 25 Jahren, am 1. Juni 2001, wurde ich im Essener Dom von Bischof Hubert Luthe zum Priester geweiht. Das ist in vielerlei Hinsicht weit weg.
Nicht nur, weil meine Haare damals noch dunkel waren.

 

Insgesamt 15 Jahre lang war ich katholischer Priester. Vieles von dem, was ich damals war und tat, erscheint mir heute fremd. Dennoch war es alles andere als eine verlorene Zeit. Die Priesterweihe war eine logische Konsequenz meines damaligen Lebens und aus meiner damaligen Sicht war es die richtige Entscheidung. Ich habe in der Zeit als Priester viel gelernt, was ich nicht missen möchte und was mich und meine Persönlichkeit bis heute prägt.

Wenn ich mich festlegen müsste, worin genau der größte Gewinn dieser Zeit damals für mich bestand: es waren die unendlich vielen Begegnungen mit Menschen. Als Seelsorger lernt man wirklich jeden Typ Menschen kennen und weiß nach einiger Zeit: es gibt nichts, was es nicht gibt, und so viel Phantasie kann man gar nicht haben, was einem an Biographien über den Weg läuft.

Ich habe als Priester jedoch nicht nur viel mitnehmen können, ich habe vielen Menschen auch viel geben können. Viele dieser Menschen waren für mich über viele Jahre die Motivation, als Priester durchzuhalten und nicht aufzugeben. Trotz allem Frust über die Kirche. Trotz der Sackgasse, in die sich die Kirche hineinmanövriert hat. Trotz des Zölibats.

Irgendwann ging das nicht mehr. Das Entscheidende war die in mir immer deutlicher werdende Erkenntnis, dass all die Missstände, unter denen die Kirche zu leiden hat, kein Zufall sind, sondern eine logische Konsequenz ihrer Lehre und ihrer Strukturen. Und die Behebung dieser Missstände damit eine Veränderungsbereitschaft der Kirche voraussetzt, die ich ihr zu meinen Lebzeiten nicht mehr zutraue. Nach 15 Jahren trat ich von meinen Ämtern in Kirche und Universität zurück und beschloss zu heiraten.

 

Über dieses Leben in meiner Kirche mit seinen Höhen und Tiefen habe ich vor 1,5 Jahren ein Buch veröffentlicht: „Bekenntnisse – Auflösung eines katholischen Lebens“. Das Schreiben dieses Buches hat mir vieles aus dieser Zeit in der Kirche wieder in Erinnerung gerufen und hat auch mir selbst viele rote Fäden sichtbar gemacht, die ich bis dahin nur schwach oder vielleicht sogar gar nicht gesehen hatte.

Ich habe viele Zuschriften bekommen, die mir deutlich machten, dass sich die Mühe des Bücherschreibens gelohnt hat. Viele Menschen berichteten, dass dieses Buch ihnen geholfen habe, die Kirche besser zu verstehen und damit auch ihre eigene, immer größer werdende Distanzierung zur Kirche.

Nun, 10 Jahre nach meinen Rücktritt lebe ich in Rotterdam in den Niederlanden, glücklich verheiratet mit der besten Frau, die es auf der Welt gibt, und mit zwei tollen Söhnen, die hier als kleine „Käsköppe“ immer größer werden.

 

Der Dom zu Essen, Quelle: wikimedia.

Vor genau 25 Jahren wurde ich zum Priester geweiht und ich hätte mir damals nie vorstellen können, wie diese 25 Jahre danach verlaufen sind. Viele große und kleine Überraschungen, Höhe- und Tiefpunkte und schließlich das Leben als Familienvater.

Was ist die wichtigste Erfahrung, die ich in diesen 25 Jahren gemacht habe? An erster Stelle sicherlich die Erfahrung, das eigene Leben auf komplett andere Füße zu stellen, mich aus einer Lebenswelt zu verabschieden, die mich insgesamt viele Jahrzehnte getragen hat, und einen Neuanfang zu wagen.

Diese Veränderung war ein langer Prozess: immer wieder grübeln und nachdenken, was das Richtige ist: das alte Leben, das man kennt, oder ein neues Leben, das man nicht kennt. Irgendwann stand die Entscheidung für das neue Leben, verbunden mit der mühsam errungenen und schmerzvollen Erkenntnis, dass Neuanfänge immer auch Abschiede sind und man nichts Neues gewinnen kann, wenn man nicht anderes – auch Schönes und Wichtiges – hinter sich lässt.

Das Leben als Priester war in vielerlei Hinsicht ein goldener Käfig. Goldene Käfige können schön sein – aber es sind eben Käfige. Und das Gold seiner Stangen sollte einen nicht davor zurückschrecken lassen, ihn zu verlassen. Und wie klein dieser Käfig letztlich war, wurde mir erst später deutlich.

Beim TEDx Heidelberg 2019, Quelle: youtube.com.

Vor ein paar Jahren konnte ich am TEDx in Heidelberg teilnehmen und durfte dort sprechen über „Was ich lernte, als ich aufhörte, ein katholischer Priester zu sein.“ Alleine, dass man für dieses Thema zu einem TEDx eingeladen wird, zeigt schon eine sehr spannende Mischung: einerseits ein völliges Unverständnis, dass heutzutage jemand Priester wird, andererseits aber auch ein gewisses Faszinosum, das dieser Tätigkeit noch immer anhaftet. Das erfahre ich seitdem immer wieder, wenn ich unterwegs bin. Der Klassiker, abends an der Hotelbar: sobald meine Biographie bekannt wird, kommt alles auf den Tisch, Privates, Spirituelles, was auch immer. Was mir auch immer wieder deutlich macht, welch große Chancen die Kirchen eigentlich noch hätte. Eigentlich.

 

Im Ritus der Priesterweihe gibt es einen Satz, der mir immer haften geblieben ist: „Ahme nach, was Du vollziehst.“

Dieser Satz ist in seinem ursprünglichen Sinn auf die Messfeier bezogen: was der Priester dort tut, soll sich auch in seinem Leben wiederfinden. Dieser Satz hat aber noch eine tiefere Ebene und die ist für mich immer wichtig gewesen: dass das, was man tut, etwas mit dem zu tun hat, woran man glaubt. Es geht um Authentizität und Glaubwürdigkeit. Um mir die zu bewahren, habe ich vor 10 Jahren diesen Neuanfang vollzogen.

Denn es gilt auch der Satz von Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ In diesem Sinne werde ich heute Abend auf meine letzten 25 Jahre anstoßen.