Bestimmte Ereignisse machen Geschichte, andere nicht. Aus bestimmten Ereignissen werden Mythen, sie bestimmen das Selbstbild einer Nation. Andere Ereignisse werden vergessen oder verdrängt – obwohl sie eigentlich genauso bedeutend waren wie die, die zu Mythen wurden. Der weitere Verlauf der Geschichte entscheidet, was zur Geschichte gehört. Geschichte macht Geschichte.

In diesen Tagen feiern die Vereinigten Staaten von Amerika ihren 250. Geburtstag: am 4. Juli 1776 erklärten die englischen Kolonien in Nordamerika ihre Unabhängigkeit. Es war der Beginn einer Geschichte, die diese Kolonien zur mächtigsten Nation der Welt gemacht hat. Bis heute leben die USA von ihrem Gründungsmythos und wenn wir heute die Krise der USA verstehen wollen, lohnt sich ein Blick auf den Ursprung dieser Nation, denn, so sagte bereits Heidegger, „Herkunft bleibt aber stets Zukunft“: woher ich komme, das bestimmt auch meine Zukunft. Das gilt auch für die USA.

 

„Das erste Thanksgiving“ der Pilgerväter (Brownscombe 1914), Quelle: wikimedia.

Der Gründungsmythos der USA beginnt mit der „Mayflower“, die 1620 in Nordamerika eintraf. An Bord befanden sich die „Pilgerväter“, 102 puritanische Auswanderer, die sich in der Neuen Welt ein neues, freies Leben aufbauen wollten. Was auch gelang. Ihre Haltung und ihr Kampf um ein freies, selbstbestimmtes Leben prägen bis heute die USA.

Während die Mayflower zum Mythos wurde, geriet ein anderes Schiff in Vergessenheit, das wenige Monate vorher in Nordamerika ankam. Auch dieses Schiff stellte einen wichtigen Anfang in der Geschichte Nordamerikas dar, der bis heute nachhallen sollte, aber eher verdrängt worden ist: am 20. August 1619 landete die „White Lion“ in Virginia. An Bord die ersten afrikanischen Sklaven, die in Nordamerika ankamen. Der Beginn einer langen, traurigen Geschichte.

Ankunft der White Lion 1619, Quelle: wikimedia.

Die „White Lion“ wurde nicht Teil des amerikanischen Mythos, die Mayflower schon. Die Puritaner, die auf ihr nach Amerika gekommen waren, mussten aus Europa fliehen: ihre Art, das Christentum zu leben, wurde in Europa verfolgt. Sie glaubten sich als Auserwählte, die wie damals Israel durch das Tote Meer nun in Amerika im Gelobten Land eintraf um die von Gott erwählte Nation endlich in Freiheit aufbauen zu können. Mit diesem heiligen Eifer besiedelten sie das Land, errichten Farmen und Siedlungen. Erfolg galten ihnen als Zeichen der Erwähltheit Gottes. Entsprechend eifrig und fleißig legten sie los und wurden oft wirtschaftlich erfolgreich.

Der Mythos, der mit ihnen begann, prägt die USA bis heute. Befeuert wird er durch die lange Geschichte der Besiedlung des „Wilden Westens“: der Aufbruch in neues Land, wo man in Freiheit und Eigenständigkeit ein eigenes Leben errichten kann.

 

Originalurkunde der Erklärung, Quelle: wikimedia.

Vor genau 250 Jahren erklären die USA in ihrer Unabhängigkeitserklärung als erste Nation der Welt, dass jeder Mensch gleich ist:

„Wir halten folgende Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich erschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, und dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

So entstand in den USA ein Lebensgefühl, das in Europa unbekannt war: Aufbruch und Freiheit. Der Farmer im Mittleren Westen hatte keinen König über sich und auch sonst keinen, auf den er Rücksicht nehmen musste. Er war frei und diese Freiheit bestimmten eine Mentalität und einen Unternehmensgeist, die auch später in den urbanen Zentren Amerikas gelebt werden sollten und die Amerika bis heute zu einem weltweit attraktiven kulturellen Anziehungspunkt gemacht haben.

Was wir in den letzten Jahren beobachten können: dieser amerikanische Traum verblasst. Mit Trump sehen wir eine hässliche Seite der USA, die vielen bis dahin unbekannt war. Die es aber immer gab. Und die Existenz dieser hässlichen Seite ist die Erklärung für Trump und das, was gerade in den USA passiert.

Denken wir zurück an die „White Lion“: die Freiheit der USA galt nicht für jeden. Thomas Jefferson, ein Mann der europäischen Aufklärung und Autor der Unabhängigkeitserklärung („Alle Menschen gleich erschaffen“) war selbst der Besitzer von 600 Sklaven. Ähnlich wie George Washington. Das Land, das die Farmer im Westen in Freiheit und euphorischer Aufbruchstimmung in Besitz nahmen, war nicht unbesiedelt: es gehörte den Ureinwohnern, die gewaltsam vertrieben und fast völlig ausgerottet wurden.

 

Die Geschichte der USA hatte immer auch eine sehr dunkle Seite und der heutige Konflikt ist nicht zu verstehen ohne diese dunkle Seite. Natürlich, die USA sind die älteste noch heute existierende Demokratie der Welt: seit 250 Jahren sind sie Demokratie … diese Sicht gilt aber nur, wenn man Demokratie reduziert auf die Herrschaft der Weißen, nicht als die aller Menschen in den USA.

Getrennte Eingänge für Weiße und Schwarze in einer Bar in North Carolina (1940), Quelle: wikimedia.

Die USA hatten immer den Anspruch, für Freiheit und Gleichheit aller Menschen zu stehen. Diesem Anspruch konnten die USA jedoch nie gerecht werden. Zum einen konnte logischerweise nicht jeder vom Tellerwäsche zum Millionär werden. Es entstand zwar unermesslicher Reichtum, aber es gab auch Armut. Und wenn großer Reichtum und nicht existierende Sozialpolitik aufeinandertreffen, fragen sich viele Arme eben: was ist das für eine Gesellschaft, wenn der Reiche keine Steuern zahlen muss und machen kann, was er will, und ich nicht mal das Geld habe, um zum Arzt zu gehen?

Zum anderen blieb ein gewisser Rassismus immer präsent in der amerikanischen Gesellschaft. Dass Schwarze nicht im gleichen Bus oder Restaurant wie Weiße sitzen durften, galt nicht nur im 19. Jahrhundert, sondern in vielen Bundesstaaten bis in die Mitte der 1960er Jahre, als die „Civil Right Acts“ diesen Spuk endlich beendeten. Den tief liegenden Rassismus konnten sie nicht beenden.

 

Der Konflikt spitzte sich im Laufe der Jahre immer weiter zu. Die (nicht-hispanische) weiße Mehrheit bröckelt immer mehr und wird in wenigen Jahren in den USA zur Minderheit geworden sein. Die sozialen Medien lassen keine Möglichkeit mehr zu, Konflikte nicht auszutragen. Zudem wurde 2009 mit Barack Obama erstmals ein Schwarzer zum Präsidenten der USA gewählt.

Große Teile der weißen Bevölkerung sehen den amerikanischen Mythos gefährdet: sie wollen die Mayflower retten und weiterhin vergessen, dass es auch die „White Lion“ gegeben hat.

Das extreme Resultat dieser Zuspitzung ist Trump. Es wäre das Dümmste, was man machen kann, in ihm einen zufälligen Ausrutscher zu sehen. Er ist das Ergebnis des Wunsches vieler Amerikaner, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Und Trump liefert: die Geschichte wird umgeschrieben. Schwarze, Indigene und andere Nicht-Weiße verschwinden aus Büchern und Museen, weil es „nicht patriotisch“ ist. Und wenn Trump Bilder verbreitet, in denen sein Vorgänger Obama als Affe dargestellt ist, dann gießt er mit diesem plumpen Rassismus noch einmal Öl in das Feuer, das eh schon lodert.

 

Die Unabhängigkeitserklärung wird dem Kongress vorgelegt (Trumbull 1816), Quelle: wikimedia.

Vor 250 Jahren erklärten die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit und taten dies mit dem Anspruch, dass „alle Menschen gleich erschaffen“ sind. Sie waren die erste moderne Nation, die diesen Anspruch für sich festlegte, und das alleine macht aus dem 4. Juli 1776 bereits ein großes Datum für alle Menschen in der Welt, das es wert ist, gewürdigt zu werden.

Dass die USA diesen Anspruch selbst nur ungenügend leben konnten, ist das eine. Wie sie mit diesem Versagen umgehen, ist das andere, und dieses andere wird darüber entscheiden, welche Zukunft die USA haben, zumindest als Supermacht und geistiges Vorbild der westlichen Welt.

In diesem Sinne: viel Glück, Amerika!