Neulich sah ich mich mal wieder nach einer Alternative für Facebook um. Erfolglos.
Warum bin ich bei Facebook? Durch viele Umzüge, aber auch durch viele Aktivitäten hier und dort habe ich ein recht großes soziales Netzwerk: viele Freunde und Bekannte, mit denen ich in Kontakt bleiben will. Nicht, dass ich mit jedem von ihnen jede Woche telefonieren müsste, aber zumindest wissen, was der oder die andere so treibt und ob alles gut ist, will ich schon.
Das klappte auch vor einigen Jahren einigermaßen gut. Ich erfuhr, was die anderen so treiben und wie es ihnen ging. Man blieb in Kontakt. Dieser Kontakt wurde von Jahr zu Jahr schwieriger, weil man mittlerweile nur noch mit Werbung und AI-generiertem, austauschbarem Inhalt zugemüllt wird. Facebook deshalb zu verlassen, ist aber auch schwierig, weil eben alle Freunde und Bekannten bei Facebook hocken.
Hinter diesem Vorgang steckt das Prinzip der „Enshittification“, zu deutsch am besten übersetzt mit „Verscheißigung“.
Was ist das „Enshittification“?
Den Begriff hat 2022 der kanadische Autor Cory Doctorow 2022 erfunden. Nicht, dass er den dahinterstehenden Vorgang wirklich entdeckt hätte, aber der Begriff war einfach klasse und treffend und wurde völlig zu Recht 2023 von der „American Dialect Society“ zum „Wort des Jahres“ gewählt. Es geht um Folgendes:
Phase 1:
Ein wirklich gutes und nützliches digitales Produkt wird auf den Markt gebracht, eine Social-Media-Plattform, ein Verkaufsportal, was auch immer. Dieses Produkt ist wirklich gut und zieht dementsprechend Kunden an.
Phase 2:
Wenn genug Kunden da sind, schaut der Betreiber, wie er mit der Plattform Geld verdienen kann. Bis dahin war die Plattform ein Zuschussunternehmen, nun werden die Inhalte der Plattform Schritt für Schritt von den Bedürfnissen der Kunden auf die Bedürfnisse der Betreiber ausgerichtet. Und das heißt konkret: Geld verdienen mit Werbung.
Dieser Prozess ist nun die eigentliche „Enshittification“: weil das Geldverdienen immer mehr im Vordergrund steht, verschlechtert sich das Produkt für den Kunden: die Aufmerksamkeit ist nun einmal nicht beliebig vermehrbar: es geht weg von den Inhalten, wegen denen der Kunde der Plattform beigetreten ist, hin zu den Inhalten der Werbung.
Das Bannon-Motto „Flood the zone with shit“ wird Schritt für Schritt traurige Realität.
Phase 3:
Die Plattform ist zu einer reinen Geldverdien-Maschine verkommen. Natürlich werden die Inhalte, für die der Kunde sich für die Plattform entschieden hat, nicht völlig über Bord geworfen, aber sie werden auf das Minimum heruntergefahren, das den Kunden noch soeben als Kunden (und damit als Werbekonsumenten) erhält. Der Kunde bleibt der Plattform treu durch den sog. „Lock-in-Effekt“: alle anderen nutzen diese Plattform, also muss ich drin bleiben.
Das Prinzip der Enshittification lässt sich eigentlich an allen Online-Plattformen beobachten: Facebook, Google, Twitter, Amazon, Instagram und wie sie alle heißen. Die nächsten großen Kandidaten sind ChatGPT und andere AI-Anbieter. Bei ihnen bricht gerade die 2. Phase an: die Qualität der kostenlosen Angebote sinkt.
Die „Enshittification“ ist ein Prozess, dem Online-Plattformen nur sehr schwer widerstehen können. Ein Unternehmen ist immer abhängig von seinem Produkt. Der eine verkauft Autos, der andere Waschmaschinen, wieder ein anderer repariert Wasserleitungen. Bei diesen Unternehmen ist es einfach: die Qualität des Produkts muss stimmen, dann kommen die Kunden, sonst gehen die Kunden.
Was aber ist das Produkt eines Online-Unternehmens? Es sind keine Autos oder Reparaturen an Rohren, es sind so diffuse Dinge wie Beziehungen und Aufmerksamkeit. Die entsprechend andere Mechanismen der Vergütung nötig machen. Die Frage ist eben nur, wie weit man dabei geht, die Güte des eigenen Produkts zu zerstören.
Gibt es eine De-Shittification?
Eine „Ent-Scheißigung“ ist schwierig. Sie bedeutet, sich nach Möglichkeit bestimmten Plattformen zuzuwenden, die eine Struktur besitzen, welche die „Ver-Scheißigung“ verhindern.
Hier spielen zwei Kriterien eine ganze große Rolle: Dezentralität und Transparenz.
- Dezentralität: nicht ein einziges Unternehmen, sondern ein dezentrales Netzwerk bildet die Struktur der Plattform aus. Dies ist etwa bei Signal (statt Whatsapp) oder Mastodon (statt Twitter/X) der Fall.
Prinzipiell gilt: je zentraler, desto geldgieriger. - Transparenz: Gibt es offene Protokolle? Ist transparent, was mit den Daten passiert? Welche Möglichkeiten hat der Nutzer, die Hoheit über seine Daten zu behalten?
Prinzipiell gilt: je weniger Daten man abgibt, desto weniger Werbung.
Es ist und bleibt immer eine Abwägungssache. Für viele (auch für mich) geht es ja nicht nur um private Kontakte, sondern auch um beruflich relevante Reichweite. Hier gilt: möglichst viel Eigenständigkeit behalten. Eigene Homepage, eigene Kanäle, eigener Content, eher durch persönliche Kontakte Reichweite erzeugen als durch erkaufte Werbung.
Die Gesellschaft

Elon Musk, Quelle: wikimedia.
Das Problem der „Enshittification“ ist nicht nur eine Geschmacksfrage, sondern auch eine politisch-gesellschaftliche Frage. Die Frage ist, welche Macht wir als Verbraucher bestimmten Unternehmen zubilligen wollen, die diese Macht vielleicht nicht verdienen oder diese Macht für Dinge einsetzen, die nicht in unserem Interesse sind.
Man muss nüchtern zur Kenntnis nehmen, dass die „Enshittification“ nicht nur ärgerlich ist, weil er ein Produkt schlechter macht, sondern weil sie durch ihre Bindung an zentrale digitale Strukturen die Bildung von Monopolen fördert, die durch ihre Algorithmen großen Einfluss auf Stimmung und Meinungsbildung in unseren Gesellschaften haben.
Wenn Leute wie Musk, Zuckerberg oder Bezos mit ihren Vermögen und sonstigen Möglichkeiten den Trumpschen Abbau der Demokratie in unseren westlichen Gesellschaften fördern, dann ist es auch eine gesellschaftliche Aufgabe, diesen Menschen ihre große Macht wieder zu nehmen.