In der letzten Woche jährte sich zum 50. Mal der Todestag einer wirklich großen Frau des letzten Jahrhunderts: Hannah Arendt, die am 4. Dezember 1975 in New York verstarb.
Die 1906 in der Nähe von Hannover geborene Hannah Arendt war im preußischen Königsberg aufgewachsen – der Stadt Immanuel Kants, dessen Werke sie mit 14 Jahren gelesen hatte.

Hannah Arendt 1933, Quelle: wikimedia.
Sie studierte später Philosophie im Umfeld der bedeutendsten Philosophen jener Zeit: Husserl, Jaspers, Jonas … und vor allem Martin Heidegger, mit dem sie zeitweilig eine Liebesbeziehung hatte, die dann später an seinem Engagement für den Nationalsozialismus zerbrach.
Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis ging sie 1933 ins Exil nach Paris – gegen den Rat vieler Freunde und Bekannter. Schneller als diese hatte sie aber begriffen, was der Nationalsozialismus ist und was das für sie als Jüdin bedeutet.
Seit 1941 lebte sie New York und wurde nach dem Krieg vor allem der Öffentlichkeit bekannt durch ihr Buch über den Eichmann-Prozess in Jerusalem und das Stichwort der „Banalität des Bösen“, das sie zur Charakterisierung von Eichmanns Handeln gebrauchte.
Was macht Hannah Arendt so populär und so wichtig, dass ihr Werk gerade in den letzten Jahren immer mehr beachtet wird?
Die totalitäre Herrschaft
Als Trump 2016 zum ersten Mal zum Präsidenten der USA gewählt wurde, schoss ein Buch weltweit in den Verkaufszahlen durch die Decke: Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Sie hatte dieses Buch nach dem II. Weltkrieg geschrieben, natürlich unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, aber auch des Stalinismus, die für sie beide die perfekten Beispiele „totaler Herrschaft“ waren.
Die Entstehung einer totalitären Herrschaft – die sie ja damals in Deutschland selbst miterleben musste – war das große Lebensthema für Arendt.

Reichsparteitag 1937, Quelle: wikimedia.
Jede Art von Ideologie – so Arendt – birgt das Potential in sich, eine gewaltbereite und totalitäre Bewegung und dann einen totalitären Staat zu formen. Historisch sie dies bisher nur im Nationalsozialismus und im Stalinismus gelungen.
Damit sind „normale“ Diktaturen keine totalitären Staaten. Diese sind gekennzeichnet durch folgende Faktoren:
- Ideologisches Fundament
- Massenbewegung
- Führerprinzip
- Allumfassende Propaganda
- Gewalt
- Völlige Kontrolle
- Freier und unabhängiger politischer Wille wird ausgemerzt
- Wille zur Weltherrschaft
Die Ursache der Entstehung eines totalitären Staates, so Arendt, ist die Auflösung traditioneller sozialer und politischer Strukturen. Diese Auflösung mündet in eine Massengesellschaft.
In dieser Massengesellschaft können sich Ideologien ausbreiten und immer weiter radikalisieren, ohne auf Widerstand zu stoßen. Das Totalitäre an dieser neuen Herrschaft ist die völlige Auslöschung des Individuums: selbstbestimmtes Handeln, ja sogar die Annahme, das man selbst über einen individuellen Wert und eine individuelle Würde verfügt, wird unterdrückt und verschwindet.
Eine solche totalitäre Herrschaft sichert sich intern durch Propaganda ab und durch Gewalt. Diese Gewalt, so Arendt, ist eine logische Konsequenz einer totalitären Herrschaft: sie strebt nach Gewalt und kann auf Dauer nicht ohne Gewalt existieren. Die Gewalt entspricht der internen Logik dieser Herrschaft.
Vom tätigen Leben
Das letzte große Werk von Hannah Arendt, das 1958 erschien, trägt den Titel „Vita activa oder Vom tätigen Leben.“ Dieses Werk gibt dem, was sie vorher über den totalitären Staat gesagt hatte, noch einmal eine tiefere Begründung.
Der Mensch, so Arendt, agiert auf dreierlei Weise: indem er arbeitet, herstellt und handelt. In diesen drei Tätigkeiten beschreibt Arendt verschiedene Ebenen, die der Mensch in seinen Tätigkeiten anzielt, von der Sicherung der eigenen Existenz bis hin zum politischen und sozialen Engagement.
Was ist nun in der Moderne passiert?

Moderne Fabrikarbeit bei Henry Ford, Quelle: wikimedia.
Eigentlich dient die Ebene des „Arbeitens“ der eigenen Existenzsicherung: Essen, Waschen usw. Es geht um Herstellung und Verbrauch von Konsumgütern, die nur dazu da sind, verbraucht zu werden, um die grundlegenden Bedürfnisse zu stellen.
Dem steht eigentlich – so Arendt – die 3. Stufe gegenüber, die des Handelns: der öffentlichen und sozialen politischen Tätigkeit, die den Menschen erfüllt und die der höchste Ausdruck seiner Freiheit und Menschlichkeit ist.
Die Moderne, so Arendt, hat diesen Aufbau zerstört: die Arbeit, die eigentlich nur der Stillung der Grundbedürfnisse dienen sollte, ist an die Spitze der menschlichen Tätigkeit getreten. Soziales und politisches Handeln rutschten in das Private – und verschwanden nahezu.
Es entsteht nun eine fast schizophrene Situation: einerseits geht der Mensch in seinem Konsumzwang immer mehr in einer Massengesellschaft auf und wird immer weniger unterscheidbar, andererseits wird nur noch seine eigene Gefühlswelt zum Maßstab dafür, was gut und richtig ist.
Eine Gesellschaft solcher Menschen, so Arendt, drängt geradezu zu einer totalitären Herrschaft. Die wachsende Gleichheit zwingt zu einer Institution, die diese Gleichheit immer neu garantiert und mit Ideologie, Bürokratie, Propaganda und Gewalt absichert.
Das Rezept?
Was setzt Arendt dem entgegen? Es ist zum einen das – durchaus etwas idealisierte – Bild der athenischen Demokratie: der Bürger, der sich öffentlich einbringt und es als höchsten Ausdruck seiner Freiheit ansieht, sich zum Wohl der Gesellschaft einzubringen.
Hierbei greift Arendt vor allem auf die Aufklärung und auf Kant zurück: der einzelne Mensch als moralisches und politisches Wesen, der sich in seiner Freiheit gewahr wird und in dieser Freiheit die Gesellschaft gestaltet.
Um dies zu tun – und auch da kann sie an Kant anknüpfen – muss der Mensch sich allerdings gegenüber dem aufraffen, was für ihn selbstverständlich ist und was ihn jeden Tag umgibt. Und Aufraffen bedeutet: die eigene Bequemlichkeit zu überwinden, sich seiner Freiheit bewusst zu sein und sie einzusetzen.
Arendt heute?
Hannah Arendt würde sich mit Blick auf die heutige Gesellschaft mehr als bestätigt fühlen. Man kann lange darüber streiten, ob ihre Analysen – gerade die über die Tätigkeiten des Menschen – im Detail haltbar sind. Aber auf eine Sache weist sie mit großer Klarheit hin und an der kommen wir nicht vorbei:

Hanna Arendt 1958, Quelle: wikimedia.
Unsere Freiheit und unsere Individualität sind bedroht durch das, was die moderne Gesellschaft ausmacht. Die Tendenz zur Massengesellschaft, die Arendt sehr kritisch beschreibt, hat sich in den letzten Jahren durch das Internet und die sozialen Medien und jetzt noch einmal durch die KI entscheidend verschärft.
Indem Arendt unterschied zwischen der Stillung von Grundbedürfnissen auf der einen Seite und einem Handeln, das auf freier Entscheidung beruht, das unser persönlichen Entfaltung und Entwicklung dient, setzt sie einen wichtigen Akzent:
Wir sind nicht nur Konsumenten, produzierende und konsumierende Teilchen einer großen Maschine, sondern freie Wesen. Die sich dieser Freiheit allerdings auch bewusst sein müssen, um sie zu entfalten.
Die Moderne, so analysiert Arendt sehr scharf, wirft uns auf uns selbst zurück. Obwohl oder besser: weil wir immer mehr in der Masse aufgehen, werden wir immer mehr auf uns selbst zurückgeworfen. Wir können diesen Effekt jeden Tag in den sozialen Medien beobachten. Und diese „Vermassung“, so Arendt, führt fast logisch in das Totalitäre.
Wir vereinsamen. Und rennen dann womöglich dem hinterher, der verspricht, uns aus dieser Einsamkeit zu befreien:
„Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt, … ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet in der Krise zusammen. … Das eiserne Band des Terrors, mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine »entfesselte« Bewegung reißt, erscheint so als ein letzter Halt.“
Die Ursache der modernen totalitären Staaten, aber auch jeder autoritären Bewegung, wie wir sie heute in allen westlichen Ländern beobachten können, von Trump bis zur AfD, liegt darin, dass sie ein menschliches Grundbedürfnis treffen, das Arendt das Bedürfnis nach Gemeinschaft nennt. Die Moderne macht einsamer.
Die große Frage, vor der wir in unseren Gesellschaften stehen und die uns Arendt in großer Klarheit vorlegt: wie können wir den Menschen aus ihrer Einsamkeit helfen, ohne ihre Freiheit und Individualität zu zerstören? Wie können wir Freiheit und Individualität wecken in einer Gesellschaft, die durch Konsum und soziale Medien immer mehr zu einer Masse wird? Wie können wir in dem, was wir sind und was wir tun, etwas Eigenes und Sinnvolles erkennen, das nichts mit Konsum und Massengesellschaft zu tun hat? Wie können wir wieder uns selbst und unsere Mitmenschen als das wahrnehmen, was sie sind?
Vielen Dank, lieber Herr Rasche, ein hilfreicher und ausgezeichneter Artikel.
Alles Gute zuum neuen Jahr!
Lieber Herr Rasche, danke für diesen treffenden Bericht über das Wirken von Frau Hannah Arendt. Kürzlich habe ich eine Fernsehdokumentation über Frau Arendt gesehen. Ich war fasziniert von dem analytischen Verstand und zugrunde liegenden Weitblick.
Sie würde sich heute in Ihrer Analyse bestätigt fühlen, beim Blick auf das Weltbild von heute: Trump, Putin, Xi Jinping oder Orban.
Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden?