Vor wenigen Wochen machte eine Universität in den USA Schlagzeilen: die „Texas A&M University“ erteilte dem Philosophieprofessor Martin Peterson ein Verbot, in seiner Lehrveranstaltung Texte des antiken Philosophen Platon zu behandeln.
Peterson hatte geplant, Auszüge von Platons „Symposion“ in seinem Seminar zu verwenden. Im „Symposion“ geht es unter anderem um Liebe und Beziehungen. Nun wurde seitens der Universität beanstandet, dass viele Stellen aus dem „Symposion“ nicht vereinbar seien mit dem gültigen Bild von sexueller Identität und biologischen Geschlechtern.
Abgesehen davon, dass ein Verbot historischer Texte prinzipiell ein Beleg dafür ist, nicht verstanden zu haben, dass diese Texte damals wie auch unsere Kultur heute Teil einer sich immer verändernden Geschichte sind, steht dieses Verbot auch für ein umfassenderes Phänomen: die Wahrnehmung der Philosophie als Bedrohung, die man ausschalten muss.
Philosophie als Gefahr

J. L. David: „Der Tod des Sokrates“, Quelle: wikimedia.
Insbesondere Sokrates ist zur Symbolfigur dieses Konflikts geworden. Er wurde der „Verführung der Jugend“ und der „Gottlosigkeit“ angeklagt und schließlich hingerichtet. Er steht am Anfang einer langen Reihe von Philosophinnen und Philosophen, die in irgendeiner Weise unter Repressionen leiden mussten, von Verhaftungen und Veröffentlichungsverboten bis hin zu Verbannungen und Hinrichtungen. Davon betroffen sind nicht nur Philosophen längst vergangener Zeiten wie Aristoteles, Anaxagoras, Seneca, Boethius, Giordano Bruno, Diderot, Spinoza oder Voltaire, sondern auch Bertrand Russel oder Jacques Derrida, die zeitweise für ihre politischen Meinungen inhaftiert wurden.
Und auch heute müssen (weniger bekannte) Philosophinnen und Philosophen fliehen, um Verhaftungen zu entgehen oder sind von Zensurmaßnahmen bedroht. Jetzt nicht nur im Iran, Nordkorea und Russland, sondern auch in den USA.
Warum ist das so?
Werfen wir einen kurzen Blick auf Sokrates, den Urvater der verfolgten Philosophen. Was hat er getan, das ihn zu einem Verdachtsfall machte? Er hat diskutiert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sokrates in der „Schule von Athen“
Er hat die Leute auf dem Markplatz oder sonstwo angesprochen und ihnen auf den Zahn gefühlt. Über das, was sie dachten, über ihre Einstellung zur Gesellschaft, den Göttern, dem Menschen an sich usw. Die eine Seite der Medaille ist diejenige, dass man auf diese Weise viele althergebrachte Ansichten infrage stellt und so zu einem tiefen Nachdenken kommen kann, ob das, was man bisher glaubte, überhaupt berechtigt ist. Die andere Seite der Medaille ist diejenige, dass die meisten das nicht wollen. Und Sokrates sich damit viele Feinde machte.
Sokrates wurde verurteilt, weil er mit seinem Fragen als Gefahr für die Gesellschaft angesehen wurde. Und das ist eigentlich der Kern der vielen historischen und auch aktuellen Repressionen. Und ein Hinweis darauf, wo die Macht der Philosophie liegt und welche Eigenschaften der Philosophie oft als gefährlich angesehen werden – Eigenschaften, die nicht nur gegenüber der Politik wirksam sein können.
Welche sind das?
Die Fähigkeiten der Philosophie
- Hinterfragen
Vieles erscheint sicher, fest und unveränderlich. Und bestimmte Personen – von Präsidenten bis zu Bischöfen bis zu Vorgesetzten im Unternehmen – erwecken sehr gerne den Eindruck, dass die Dinge, für die sie einstehen, sicher, fest und unveränderlich sind. Die Philosophie lehrt, dies zu hinterfragen, weil sie weiß, dass die meisten Dinge, die dort benannt werden, sehr wohl veränderlich sind. Weil sie historisch gewachsen sind, weil sie sich eh immer verändern oder weil sie schlecht begründet sind. Die Philosophie geht davon aus, dass man jede Sache erst einmal hinterfragen kann. Das ist erst einmal keine methodische Fähigkeit, sondern eine anerzogene Haltung und eine jahrelang an vielen historischen Positionen erlebte Erfahrung. - Begründen
Begründen zu können, beinhaltet die Fähigkeit, kausale Ketten und logische Folgen erkennen und formulieren zu können. Die Philosophie lehrt die Fähigkeiten, Meinungen und Thesen auf ihre Konsistenz hin zu überprüfen: stimmen sie und decken sie sich mit dem Anspruch, den sie vorgeben? Sind sie logisch aufgebaut und ist das Ergebnis vertretbar? Oder sind sie widersprüchlich? Wo gibt es Lücken in der Argumentation? Neben der Fähigkeit, andere Meinungen auf ihre Begründungen hin zu überprüfen, vermittelt die Philosophie gleichzeitig die Fähigkeit, die eigene Meinung und eigene Thesen rational zu überprüfen und gut zu begründen. - Abwägen
Oft ist so, dass es für zwei verschiedene, sich widersprechende Meinungen jeweils gute Gründe gibt. Welcher Meinung soll man folgen, wenn beide irgendwie recht haben? Nun geht es ans Abwägen. Die Philosophie lehrt, Argumente und Meinungen zu gewichten und gegeneinander zu setzen. Thesen werden in größeren Kontexten eingeordnet und damit werden Kriterien erarbeitet, mit denen man auch einander widersprechende, aber für sich gut begründete Meinungen abwägen und dann zu Entscheidungen kommen kann.
Kritisches Denken
Diese Fähigkeiten sind die notwendigen Grundlagen kritischen Denkens. Kritisches Denken heißt nicht, aus Prinzip alles zu zerreden, was einem vor die Nase kommt, sondern bedeutet, die Fähigkeit zu besitzen, bestimmte Positionen, Meinungen und Thesen zu analysieren: was geben sie vor und was beinhalten sie wirklich? Wie kommen sie zustande? Welche Gründe sprechen für sie und welche gegen sie? Wo gibt es Lücken in der Argumentation? Wie verhalten sie sich mit anderen Positionen?
Diese Fähigkeiten werden systematisch im Laufe eines Philosophie-Studiums erworben. Dieses Studium besteht (im Idealfall) vor allem aus der Lektüre philosophischer Texte und der anschließenden Diskussion dieser Texte. Text für Text und Diskussion für Diskussion wird erlernt, wie Texte und Positionen „funktionieren“: wie sie zustandekommen und ob sie begründet sind oder nicht.
Diese jahrelang geschulten Fähigkeiten sind es, die „kritisches Denken“ möglich machen, nicht im Sinne eines bloßen Herummeckerns, sondern im Sinne einer analysierenden und rationalen Durchdringung.
Dies macht Philosophinnen und Philosophen nicht immer zu angenehmen Zeitgenossen. Dies gilt nicht nur für Sokrates. Immer wieder berichten Studenten egal welcher Disziplin, dass Studenten der Philosophie bei Vorträgen das schlimmste Publikum seien, das sie je erlebt hätten, weil sie aus Prinzip alles zerpflückt hätten. Ähnlich haben wir im „Verband für Philosophie und Unternehmensberatung“ von potentiellen Referenten immer wieder gewisse Sorgen herausgehört, wenn sie hörten, dass sie vor Fachphilosophen vortragen sollten.
Philosophie als notwendiges Korrektiv
Philosophie lehrt kritisches Denken. Kritisch denken zu können, ist da gefährlich, wo es darum geht, dass bestimmte Positionen nicht infrage gestellt werden dürfen, auch wenn sie durchaus fragwürdig sind. Das macht die Philosophie zu einem natürlichen Feind für diejenigen, die unangreifbar sein wollen, die ihre Position unhinterfragt durchsetzen wollen. Auf der anderen Seite wird hier die wichtige Funktion der Philosophie deutlich: als Korrektiv zu fungieren, das eingreift, wenn Machtansprüche zu weit gehen oder Positionen vertreten werden, die schwach oder nicht legitim sind. Auf eine solche korrigierende Funktion ist jede Art Gemeinschaft angewiesen: von einer ganzen Gesellschaft bis zu einem Unternehmen. Das macht die Philosophie nicht immer angenehm, aber bereits das belegt vielleicht, wie nötig sie ist.