Was ist “Compliance”?

Das Thema „Compliance“ steht auf der Agenda der Unternehmen ganz weit oben – gerade der großen Unternehmen. Was nicht heißt, dass die Umsetzung dieses Themas immer funktionieren würde.

Unter „Compliance“ versteht man die unternehmensinterne Festschreibung von Regeln, die den ethischen Standard eines Unternehmens festlegen und vor allem Mechanismen hervorbringen soll, Regel- und Gesetzesverstöße zu erkennen und zu ahnden. Dies gilt insbesondere für Bereiche wie Umweltschutz, Markenrechte oder Arbeitnehmerrechte. Gerade aufgrund dieser engen Anbindung an die staatlichen Gesetze und die Rechtsprechung liegt das Compliance-Management zu einem großen Teil in Händen von Juristen.

Die Rolle der Philosophie

In seinem Kern ist das Compliance-Management eine juristische Aufgabe; dennoch ist sie nicht nur juristisch, sondern auch philosophisch. Dies wird deutlich durch einen Blick auf die Rechtswissenschaft selbst bzw. auf die Gesetzgebung. Die Erstellung von Gesetzen ist die Anwendung eines bestimmten Wertekanons auf das konkrete Leben und nimmt Maßnahmen ins Auge, wenn gegen diesen Wertekanon verstoßen wird. Dieser Wertekanon wird in der Gesetzgebung nicht geschaffen, sondern er wird übernommen, und er wird ganz wesentlich von der Philosophie übernommen.

Es ist nicht die Rechtswissenschaft selbst oder die Gesetzgebung, die besagt, dass es moralisch schlecht ist, das Nachbarhaus abzubrennen oder einen Menschen auszurauben.



Diese moralische Wertung entsteht durch das faktische Leben und durch die ethische Reflexion des faktischen Lebens in der Philosophie. Die Philosophie trägt durch ihre Arbeit zur Entwicklung und Stärkung einzelner Werte bei: sie definiert und analysiert Werte und macht sie dadurch greifbar. Die Gesetzgebung und die darauf aufbauende Rechtsprechung greifen auf diesen Wertekanon zurück bzw. auf die philosophische Reflexion der Werte, und regeln die Maßnahmen, die sich aus den Verstößen ergeben.

Ähnlich wie die Rechtswissenschaft selbst bzw. die Gesetzgebung ist auch das Compliance-Management auf die Philosophie angewiesen, wenn sie effektiv und nachhaltig sein soll. Dies gilt auf zwei verschiedene Fragen hin.

 

1. Welcher Wert verbirgt sich hinter dem Gesetz?

Ein Compliance-Management ist blind, wenn es Werte durchsetzen will, die es gar nicht kennt. Compliance bedeutet nicht nur, legalistisch den Buchstaben des Gesetzes zu erfüllen. Ein solches Vorgehen scheitert bei der nächsten Maßnahme, die zwar irgendwie legal ist, aber trotzdem in der Öffentlichkeit als unmoralisch und verwerflich gilt. Ein solcher Konflikt entsteht, wenn nur das Gesetz, aber nicht der Wert beachtet wird, der hinter dem Gesetz steht und den das Gesetz nicht definieren, sondern durchsetzen will.

Die Philosophie definiert die einzelnen Werte und macht sie greifbar für den analytischen Umgang. Welcher Wert steckt dahinter, dass Korruption verboten ist? Wann sind Tierversuche ethisch zu rechtfertigen und wann nicht? Warum ist Produktpiraterie moralisch schlecht?

 

2. Welche Werte sind da?

Neben der philosophischen Bewertung, welche ethischen Werte sich eigentlich hinter dem Buchstaben des Gesetzes verbergen, kommt ein weiterer, wichtiger Aspekt philosophischer Arbeit im Compliance-Management hinzu: die ethische Analyse der Ist-Situation: welche Werte werden eigentlich im Unternehmen gelebt und welche Maßnahmen braucht es, korrigierend in den Wertekanon des Unternehmens einzugreifen?



Die Analyse der Ist-Situation darf sich nicht auf die bloße Frage der Legalität eines bestimmten unternehmerischen Handelns beschränken. Auch hier gilt es, dass viele Dinge als unethisch und unmoralisch gelten, obwohl sie gesetzlich erlaubt sind. So mögen etwa die kürzlich an das Licht der Öffentlichkeit geratenen Tierversuche der Automobilhersteller legal sein, dennoch ist das Echo in der Öffentlichkeit verheerend und der Ruf der betroffenen Unternehmen in erheblichem Ausmaß ruiniert.

Der Unterschied zwischen dem Buchstaben und dem Geist eines Gesetzes ist nicht nur zu beachten, wenn es um eine effektive Analyse des Gesetzes selbst geht, sondern auch in der Analyse des Unternehmens und in der juristischen Erstellung eines „Compliance Management Systems“.

Fazit

Während in den USA die Verbindung zwischen Compliance und Ethik sehr eng gesehen wird („Compliance & Ethics“), ist diese Sichtweise in Deutschland nach wie vor sehr umstritten. Vertreter einer „reinen“ Compliance, die auf dem Gedanken der Legalität und Gesetzeskonformität beruht und Vertreter einer „konformistischen“ Compliance, welche die allgemeine Ethik einbeziehen wollen, halten sich bislang die Waage.

Angesichts der Tatsache, dass nicht nur akademische Philosophen, sondern auch jeder normale Bürger sehr wohl weiß, dass sich Ethik und Moralität nicht auf den Buchstaben des Gesetzes beschränken, dürfte die Entwicklung des Compliance Managements der nächsten Jahre hin zu einer weiteren Öffnung zur philosophischen Ethik führen.

Literaturempfehlungen:

Bay, Karl-Christian; Hastenrath, Katharina: Compliance-Management-Systeme: Praxiserprobte Elemente, Prozesse und Tools.

Moosmayer, Klaus: Compliance: Praxisleitfaden für Unternehmen.

Preusche, Reinhard; Würz, Karl: Compliance.