Das Corona-Virus hält die Gesellschaften weiter in Atem. In den meisten Ländern Europas – so auch in Deutschland – scheint der Anstieg der Fallzahlen zurückzugehen, was darauf hindeutet, dass der Höhepunkt der Krise zwar noch vor uns liegt, aber in Sichtweite ist.

Über den Umgang mit dem Virus gibt es – zumindest in den Ländern, in denen öffentliche Diskussionen möglich sind – Diskussionen darüber, ob die angewandten Einschränkungen der persönlichen Freiheit angemessen sind oder nicht. Ist es berechtigt, eine ganze Bevölkerung ins Haus zu sperren? Ist es berechtigt, den Besuch älterer Eltern zu verwehren? Wann müssen die Maßnahmen aufgehoben werden? Was ist mehr wert: ein Menschenleben oder das wirtschaftliche Leben einer Gesellschaft?

Das sind die Fragen, um die es zur Zeit geht, die erregt und emotional diskutiert werden und auf die es keine einfachen Antworten gibt. Von Lösungen ganz zu schweigen.

 

Ethische Grundmuster

In diesen Debatten geht es letztlich um grundsätzliche ethische Fragen. Und hier ist es sehr interessant, dass in den Debatten mehrere Grundmuster bzw. ethische Grundsysteme auftauchen. Diese machen erklärbar, warum wer wie argumentiert und warum sich zwei ethische Meinungen nur schwer oder gar nicht einigen können.

Ob im Unternehmen oder in der Gesellschaft: es geht nicht nur darum, sich verschiedene Meinungen an den Kopf zu werfen und sich wundern, warum das Gegenüber einem nicht folgen will. Es geht wesentlich darum, zu verstehen, warum der andere – und warum man selbst – eine bestimmte Meinung hat. Das gilt in besonderer Weise für die Ethik, weil es hier um sehr grundsätzliche Dinge geht, und die Ethik eines Menschen folgt meistens bestimmten Mustern.

Es würde über einen Blog hinausgehen, diese Grundmuster in Gänze zu erklären. Aber eine kurze Einführung ist sicherlich hilfreich, die aktuellen Debatten zu verstehen. Ein Verständnis dieser Grundmuster hilft sicherlich nicht nur bei der aktuellen Coronakrise, sondern auch sonst in der Beurteilung ethischer Diskussionen bzw. in der Findung einer eigenen ethischen Haltung.

Jeder Mensch verfügt über eine ethische Grundstruktur, die darüber entscheidet, was man ethisch gut oder schlecht findet. Dabei geht es nicht nur darum, dass es evtl. unterschiedliche Werte oder Inhalte sein können, die man gut oder schlecht findet, sondern darum, welche Mechanismen jemand hat, überhaupt solche Werte  zu beurteilen. Bei diesen Grundmustern geht es erst in zweite Linie um die Inhalte, es geht zuerst um den Mechanismus, der die Inhalte hervorbringt.

 

In der aktuellen Corona-Diskussion werden vor allem zwei ethische Meinungen lautstark vertreten:

1.) Es geht um die Gefährdung menschlichen Lebens. Dies berechtigt, das gesellschaftliche Leben runterzufahren und persönliche Freiheit einzuschränken. Diese Argumentation ist „pflichtethisch“.

2.) Die Einschränkung persönlicher Freiheit hat gravierende gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen, die schwerer wiegen als eine Gefährdung menschlichen Lebens, die nicht flächendeckend vorliegt. Diese Argumentation ist „folgenethisch“.

 

Pflichtethik

Die Pflichtethik wird wesentlich mit Immanuel Kant (1724-1804) verbunden. Kurz zusammengefasst besteht laut Kant der ethische Wert einer Handlung in dem Willen, eine ethische Handlung auszuführen. Dies soll der Wille nicht aus Spaß oder aus der Aussicht auf Erfolg heraus tun, sondern durch Einsicht in die ethische Pflicht, die es zu erfüllen gilt.

Immanuel Kant (1724-1804), Quelle: www.wikipedia.org

Zentral für den ethischen Wert einer Handlung, so Kant, ist die „Maxime“. Was ist die Maxime? Die Maxime ist ein Muster einer Handlung, das sich zu einem Prinzip verallgemeinern lässt. Wenn z. B. der Unternehmer faire Preise nimmt, dann besteht die Handlung selbst aus der Benennung der Preise, die Maxime aber ist die Fairness.

Diese Maximen zu erkennen, ist die Aufgabe der Vernunft. Das Werkzeug der Vernunft ist der berühmte „kategorische Imperativ“:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Entscheidend ist damit immer das Abwägen: wenn ich etwas tue, kann es zur Maxime, zu einem Handlungsprinzip für alle werden?

 

Ganz grob kann man sagen, dass in vielen Entscheidungen die deutsche Rechtsprechung im Allgemeinen, aber auch Bundeskanzlerin Merkel im Besonderen der Kantischen Pflichtethik folgen. Für Angela Merkel ist in der Corona-Krise die Frage leitend, wie gehandelt werden muss, um den Wert des Lebens zu schützen bzw. der Maxime zu folgen: das Leben des Menschen hat vor allem anderen Vorrang.

 

Folgenethik

Völlig anders als die Pflichtethik tickt die Folgenethik, der sog. „Utilitarismus“, der historisch vor allem auf die beiden Engländer Jeremy Bentham (1748-1832) und John Stuart Mill (1806-1873) zurückgeht.

Wie der Name „Folgenethik“ nahelegt, geht es dieser Ethik um die Folgen einer Handlung. Eine Handlung soll sich nicht an irgendwelchen abstrakten Prinzipien ausrichten, sondern daran, ob sie glücklich macht oder nicht. Entsprechend ist der Mensch dazu aufgefordert, so zu handeln, dass das größtmögliche Glück für eine größtmögliche Anzahl von Menschen erreicht wird:

„Das größte Glück der größten Anzahl ist der Maßstab für richtig oder falsch.“

Jeremy Bentham (1748-1832), Quelle: www.wikipedia.org

Der Utilitarismus, wie ihn Bentham und Mill geschaffen haben, ist ausdrücklich kein purer individualistischer Hedonismus: es geht nicht darum, dass jeder nur das tun soll, was ihm selbst das größtmögliche Glück beschert, sondern es geht um das große Allgemeine: die Gesamtheit aller Menschen, deren Glück gefördert werden soll.

 

In der aktuellen Diskussion um die Coronakrise argumentieren viele Menschen folgenethisch: sie sagen, es kann nicht nur um das moralische Prinzip des Lebens gehen (schließlich kann jedes Leben eh nicht geschützt werden), sondern darum, unter Inkaufnahme der Tatsache, dass eh Menschen sterben werden, die gesamtgesellschaftliche Perspektive im Auge zu haben und möglichst schnell den gesunden Menschen wieder ein normales Leben zu ermöglichen – dabei auch vorausgesetzt, dass die vom Virus bedrohten Menschen bestmöglich geschützt werden.

Pflichtethik vs. Folgenethik

Beide ethischen Systeme haben ihre Stärken und Schwächen. Diese beiden ethischen Systeme helfen, die aktuelle gesellschaftliche Debatte zu verstehen, ob die aktuellen Einschränkungen legitim sind und wie lange sie andauern dürfen.

Die offene Frage ist, ob es bei der Corona-Krise um ein ethisch-moralisches Prinzip geht oder um das pragmatische Funktionieren einer Gesellschaft. Und diese Frage ist wirklich offen: was ist wichtiger und was geht vor?

 

Dabei gibt es in den Debatten natürlich Vergröberungen, die der Realität nicht gerecht werden. Angela Merkel hat natürlich auch die Folgen im Blick und nicht nur ein moralisches Prinzip, ähnlich wie auch ein Großunternehmer, der eine baldige Aufhebung der Einschränkungen fordert, nicht automatisch ohne moralische Prinzipien ist.

Dennoch hilft diese Zweiteilung, um die Debatte zu verstehen, wer wie argumentiert und warum sich beide Seiten nur schwer oder gar nicht einigen können. Weil sie ethisch-moralisch je anders ticken und sich auf einer gewissen Ebene gar nicht verstehen können.

Es ist schwer zu beurteilen, ob die Wahrheit zwischen diesen beiden ethischen Haltungen liegt. Der Kompromiss, den die Politik jetzt finden muss und den die Gesellschaft leben muss, der liegt sicher zwischen diesen beiden Haltungen.

Tugendethik

Ein drittes ethisches Grundmuster sei noch erwähnt, das in den aktuellen Debatten keine große Rolle spielt, aber auch seinen Reiz hat: die Tugendethik, die sich auf Aristoteles (384-322) zurückführen lässt (vgl. auch den Blog “Handelt vernünftig” über Aristoteles). Ihr geht es – im Unterschied zu den beiden obigen Ethiken – nicht um die Handlung, sondern um die “Haltung”. Welche Haltung habe ich eigentlich? Was muss ich tun, um dieser Haltung auch gerecht zu werden?

Aristoteles (384-322 v. Chr.) (Quelle: www.wikipedia.org)

Aristoteles spricht hier von Tugenden und meint damit Eigenschaften, die wir für ein ethisch gutes Leben verwirklichen wollen:

„Die Tugend ist eine Haltung des Wählens, der die nach uns bemessene Mitte hält und durch die Vernunft bestimmt wird, und zwar so, wie ein kluger Mensch ihn zu bestimmen pflegt.“

Im Unterschied zur Pflicht- oder Folgenethik geht es der Tugendethik im Zusammenhang mit der Corona-Krise nicht darum, was die Gesellschaft tun soll und was für alle richtig oder falsch ist. Die Tugendethik stellt stattdessen jedem von uns die Frage, wie wir uns jetzt in dieser Krise ethisch verhalten, gegenüber uns selbst, gegenüber den Menschen unserer Umgebung.

Hier liegt die Quelle für diejenigen, die in diesen Wochen Dienst tun in den Stationen der Krankenhäuser, an den Kassen der Supermärkte oder die sich sonstwie solidarisch zeigen.

Auch eine Perspektive, die wir nicht ganz vergessen sollten.

 

Literaturempfehlungen:

Grondin, Jean: Immanuel Kant zur Einführung.

Höffe, Otfried: Einführung in die utilitaristische Ethik: Klassische und zeitgenössische Texte.

Rapp, Christof: Aristoteles zur Einführung.