Deutschland und weite Teile Europas befinden sich im eisernen Griff des Corona-Virus. Die Länder gehen immer mehr dazu über, das öffentliche Leben komplett stillzulegen, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Was sich hier so leicht schreibt, „öffentliches Leben stilllegen“ bedeutet in der Realität, sich selbst entweder in seinen eigenen vier Wänden einzusperren oder mit der Angst vor einer Infektion leben zu müssen, wenn man diese vier Wände verlässt – sei es, um sich zu versorgen, sei es um zu arbeiten.

Ich gestehe, noch vor wenigen Wochen nicht an das geglaubt zu haben, was gerade in Europa passiert – obwohl ich die Nachrichten aus China durchaus verfolgt habe. Es war meinerseits die Annahme, dass das mit dem Virus schon nicht so schlimm sein wird und wenn doch, dann würden die europäischen Regierungen schon Vorkehrungen treffen. Zwei Fehler.

Es verstrichen wertvolle Wochen, ehe die Regierungen der einzelnen europäischen Länder anfingen, aktive Maßnahmen zu ergreifen.

Ein Vergleich mit einigen asiatischen Ländern (Taiwan, Singapur, Japan usw.) zeigt, dass es auch anders geht: es wurde schnell und effektiv reagiert. Die Kernkompetenz: Wissen, wer das Virus hat. Entsprechend wurden alleine in Südkorea mehr Tests durchgeführt als in ganz Europa und den USA zusammen.

Woran lag das? Warum schlief Europa?

Der Grund ist der gleiche, warum vor den Anschlägen des 11. Sept. die arabischen Terroristen in den USA Flugstunden nehmen konnten, in denen es nur ums Starten, aber nicht ums Landen ging. Das FBI sah das, reagierte aber nicht, weil die Idee fehlte, wie man diese Informationen zusammenbindet. Die Schablone war nicht da und damit waren die Informationen nutzlos.

Ähnlich war es bei Europa und dem Corona-Virus: die Informationen aus China waren da, aber es fehlte die Idee, was das eigentlich bedeutet, weil so etwas noch nie da war. Die asiatischen Länder besaßen diese Idee: vor einigen Jahren tobte bereits das Sars-Virus in ihren Ländern. Sie hatten Vorkehrungen getroffen, sie wussten die Informationen zu verarbeiten. Die europäischen Regierungen nicht und ich auch nicht – wie wohl die meisten anderen.

Ausdruck dieser Unerfahrenheit ist auch die nicht immer gelungene Krisenkommunikation. Wenn beispielsweise Regierungsvertreter die Menschen beruhigen wollen, dann ist es kontraproduktiv zu sagen, dass die Geschäfte “noch” genug Lebensmittel haben (wieso “noch”?) oder es keinen Sinn machen würde, “montags zu hamstern, wenn es die Sachen auch noch am Mittwoch gibt” (was die Frage provoziert: und Freitag?).

Es sind viele Versäumnisse gemacht worden. Hier müssen sich die europäischen Regierungen vor allem die Frage gefallen lassen, ob sie im Laufe des Februar angemessen auf die Bedrohungslage reagiert haben. – Was nicht geht, ist, den Regierungen vorzuwerfen, bewusst (!) die eigene Bevölkerung dem Virus ausgeliefert zu haben, wie es etwa die AfD tut. Und hier sind wir bei dem, was neben den medizinischen Fragen eine sehr unschöne Folge des Virus ist: die Ideologisierung, das Einspannen vor den Karren eigener politischer Agendas, die Verschwörungstheorien.

 

Ideologisierung

Wenn ich in diesen Tagen im Internet unterwegs bin und die verschiedenen politischen Interpretationen dieser Virus-Pandemie lese, bekomme ich oft einen Würgereiz, so dumpfes oder zynisches Zeug kommt einem unter die Augen.

Alice Weidel (AfD) spricht von einer „bewussten“ Vernachlässigung der Bundesregierung, Politiker der Linken sprechen beim Ausbruch der Seuche von einer Folge des „Neo-Liberalismus“ und “Kapitalismus”, Klima- und Umweltaktivisten in einem apokalyptischen Wahn davon, dass nun die Erde endlich gegen die Menschheit zurückschlagen würde. So schreibt der Comedian Schlecky Silberstein:

„Wir erleben hier gerade ein unfassbares Wunder, das beweist: Die Abwehrkräfte dieses wunderschönen Planeten funktionieren!“

Sätze, die unglaublich zynisch und menschenverachtend sind und einen durchaus fragen lassen, mit welchem Recht er sich selbst das Lebensrecht zubilligt, das er den zumeist älteren Opfern des Virus verwehrt.

 

Unvernunft  Dummheit

Neben Zynismus und Menschenverachtung legt das Virus bei vielen Menschen eine weitere Seite auf: Unvernunft, die man auf als Dummheit interpretieren könnte.

Viktualienmarkt am 15.3. (Quelle: www.sueddeutsche.de)

Warum private Partys mit 100 Leuten, wenn die Disko schließt? Warum tummeln sich 30 Kinder zusammen auf dem Spielplatz, wenn die Schule zu ist? Was machen Tausende vor zwei Tagen dichtgedrängt in München auf dem Viktualienmarkt? Warum die eigene Tochter bei einer Schulfreundin übernachten lassen, wenn man selbst Symptome aufweist und die Tochter sich schon infiziert haben kann?

Ein Bekannter aus Deutschland erzählte mir gestern, dass ein ihm bekannter Arzt kürzlich aus Italien gekommen sei, seitdem stark husten muss, aber nichts meldet, weil er seine Praxis nicht zumachen will. Hier kann Dummheit in Menschenverachtung umschlagen.

Diese Aktionen sind es, die die immer drastischeren Maßnahmen für alle hervorrufen. Es müsste die jetzigen staatlichen Maßnahmen in diesem Ausmaß nicht geben, wenn jeder verantwortungsvoll mit der aktuellen Situation umgehen würde.

 

Menschlichkeit!

Spanier, die auf ihren Balkonen dem medizinischen Personal applaudieren, Italiener, die zusammen singen, Freiwillige im Ruhrgebiet, die Schutzmasken nähen, hier in Rotterdam Menschen, die Hilfsangebote auf Zetteln ins Fenster hängen: es gibt auch Positives zu berichten.

Das Coronavirus ist nichts Positives. Es schränkt das tägliche Leben ein, es raubt die Gesundheit, es tötet. Das Virus selbst ist nichts Positives und jede positive Interpretation („Die Natur schlägt zurück!“) ist menschenverachtend und wird dem nicht gerecht, was in und an den Krankenbetten zur Zeit passiert.

Aber das Virus ist eben da und es stellt sich die Frage, wie man damit umgeht. Eine Krisensituation legt offen, wie jemand tickt. Und das zeigt sich auch jetzt. Hier gibt es oben geschilderte Fälle von Ideologisierung, Zynismus und Unvernunft, aber auch Akte hoher Menschlichkeit und Solidarität, die ebenfalls zum Vorschein kommen.

Es sind Akte des Zusammenstehens, der nachbarschaftlichen Hilfe, der wie auch immer gearteten Unterstützung des medizinischen Personals, des gegenseitigen Mutmachens.

Das Corona-Virus wird vorübergehen. Wann und mit welchen Auswirkungen genau, vermag noch keiner zu sagen. Ganz abgesehen davon, dass bis zu einem endgültigen Verschwinden des Virus (bis zum Impfstoff) noch viele Monate vergehen werden, in denen sich die Gesellschaften in Europa fragen müssen, wie sie ein tägliches Leben in einigermaßen normalen Bahnen mit diesem Virus gestalten wollen.

Aber irgendwann ist es geschafft. Die europäische Gesellschaft wird danach eine andere sein, die Digitalisierung wird weiter vorangeschritten sein, das Thema globalisierte Lieferketten wird neu bedacht werden, das Gesundheitswesen und diejenigen, die in ihm arbeiten, aber auch Grund- und Freiheitsrechte des Bürgers werden vielleicht eine neue Wertigkeit erfahren.

Was ein Gewinn dieser Zeit sein könnte – nicht sein muss, sondern sein könnte: eine Wiederentdeckung der Menschlichkeit, des Werts menschlichen Lebens und des Werts menschlichen Zusammenseins.

Die fällt allerdings nicht vom Himmel, sondern muss in diesen Wochen begonnen werden. Von uns allen.

Denn die Frage, wie man mit dieser Situation umgeht, ob man vernünftig und besonnen ist, sich selbst und den anderen gegenüber verantwortungsbewusst ist, ist zuallerst eine Frage der eigenen Haltung, der eigenen Idee, die man vom Menschen hat.

“Was ist der Mensch?” Diese Frage beantwortet jeder anders. Aber diese Antwort ist entscheidend dafür, wie man sich in diesen Wochen verhält.