Vor wenigen Tagen, am 25. August, war der 250. Todestag des schottischen Philosophen David Hume. 1711 wurde er in Edinburgh geboren, wo er auch 1776 verstarb. Hume gilt neben John Lock als bedeutendster Philosoph der britischen Insel.

Statue von David Hume, Quelle: wikimedia.
Seine Heimatstadt hat Hume immer ein ehrendes Andenken bewahrt, vor einigen Jahren kam es jedoch zu sehr unschönen Szenen. Hume wurde Rassismus vorgeworfen, seine Statue wurde mit Farbe beschmiert, ein Gebäude der Universität, das seinen Namen trug, wurde umbenannt.
Der Hintergrund: wie auch bei anderen Philosophen seiner Zeit lassen sich bei Hume verstreute Äußerungen finden, die in der Tat rassistisch sind. So hat er etwa den „Verdacht“, dass „Neger von Natur aus den Weißen unterlegen seien“.
Wie bei so vielen anderen historischen Persönlichkeiten stellt sich jedoch die Frage, ob es angemessen ist, sie mit heutigen Kriterien zu beurteilen oder sie auf einzelne Sätze zu reduzieren, die für ihr Gesamtwerk keine Bedeutung haben. Obiger Satz etwa entstammt aus einer Fußnote.
Es geht hierbei ausdrücklich nicht darum, solche Sätze gutzuheißen. Die Frage ist aber, ob man jemanden verurteilen kann, weil er vor 250 Jahren so (verkehrt) dachte wie die anderen Menschen vor 250 Jahren.
Doch was bleibt von David Hume? Was an ihm rechtfertigt es, dass man sich an ihn erinnert? Was ist sein Vermächtnis?
Der Aufklärer
David Hume war ein Mann der Aufklärung. Ähnlich wie Hobbes, Locke, Rousseau, Voltaire, Leibniz, Kant und viele andere in ganz Europa. Sie alle kämpften dafür, dass der Mensch nicht durch Kirche oder Könige bevormundet und unterdrückt wird, sondern der Mensch selbst sein eigenes Schicksal und das seiner Gesellschaft in seine Hände nimmt, durch den Gebrauch der Vernunft. Nicht mehr ewiggültige, unveränderliche Glaubenssätze sollen das Leben der Menschen bestimmen, sondern er selbst soll es tun. Wie das geschehen kann, wie der Mensch seine Vernunft entwickeln kann, wie er im Austausch mit anderen Menschen eine Gesellschaft aufbauen kann: all das sind die Fragen der Aufklärung, die bis heute eigentlich nichts von ihrer Relevanz verloren haben.
David Hume setzte hier in verschiedenen Bereichen wichtige Eckpfeiler, insbesondere im Bereich der Erkenntnislehre. Für den heutigen Beobachter am spannendsten und inspirierendsten ist jedoch seine Ethik.
„Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften“
Hume war ein Kämpfer für die Vernunft. Aber er kannte auch ihre Grenzen. Ist es überhaupt möglich, dass die Vernunft das Handeln des Menschen wirklich bestimmt? Hume verneint dies mit folgendem Gedankengang.

David Hume, Quelle: wikimedia.
Jede Art von Erkenntnis – auch ethisch-moralische Erkenntnis – hat eine körperlich-emotionale Grundlage. Die Vernunft sortiert etwas, das nicht sie selbst ist. Die Vernunft kann dann entscheiden, ob etwas gut oder schlecht ist: die Vorauswahl, über die sie entscheidet, kann sie nicht beeinflussen. Damit bleibt die Vernunft an die Emotionalität gebunden, sie ist „Sklavin der Leidenschaften“.
Entsprechend ist es sinnlos, eine Art Vernunft einzufordern, die „nur“ vernünftig ist und nicht auch emotional.
Eine Entscheidung für die Vernunft, so Hume, ist bereits eine emotionale Entscheidung.
Mit diesen Fragen berührt Hume eine wichtige Grundsatzfrage der Philosophie: was ist oder kann die Vernunft eigentlich? Inwiefern ist es überhaupt wichtig, seine Entscheidungen rational zu hinterfragen? Gibt es überhaupt rationale Entscheidungen oder sind es nur nachträgliche Begründungen emotionaler Entscheidungen?
Kürzlich wurde ein bekannter deutscher Philosoph gefragt, ob ethisches Grundwissen bessere Menschen mache. Er verneint, er habe noch keinen kennengelernt.
Die Antwort, die Hume geben kann: Emotionalität und Rationalität nicht als Gegensätze zu begreifen und darum zu wissen, dass alles, was einem Vernunft und Rationalität vorgeben, nichts wert ist ohne ein emotionales Fundament.
„Humes Gesetz“
Als „Humes Gesetz“ wird ein simples Prinzip bezeichnet: aus einem Sein kein Sollen.
Mit anderen Worten: aus der Beschreibung oder Erkenntnis einer Sache soll man kein moralisches Prinzip ableiten, weil es sich um zwei verschiedene Ebene handelt.
Bei der einen Ebene geht es um „richtig“ oder „falsch“, bei der anderen um „gut“ oder „schlecht“.

David Hume, Quelle: wikimedia.
Nehmen wir ein simples Beispiel aus dem Alltag (meinem Alltag …): das Zimmer der Kinder ist nicht aufgeräumt. Aus der Beobachtung des Chaos im Kinderzimmer ergibt sich schnell die moralische Forderung: „Räumt auf!“
Das kann richtig sein, muss aber nicht. Hume ist nicht dagegen, das Kinderzimmer aufzuräumen, aber er sagt: da gehen zwei Sachen zusammen, die nicht unbedingt zusammen gehören müssen.
Vielleicht verhindert das Chaos im Kinderzimmer noch größeres Chaos im sonstigen Haus und sollte daher toleriert werden. Vielleicht stört zu viel Ordnung die Entwicklung der Kinder, vielleicht wird ein kindliches Kunstwerk zerstört. Es ist alles möglich.
Noch einmal: Hume sagt nicht, dass Kinderzimmer nicht aufgeräumt werden sollen. Aber er warnt davor, aus einem Blick in das Zimmer sofort eine moralische Forderung abzuleiten, sondern vielmehr zu schauen: macht diese Forderung eigentlich Sinn?
Wovor Hume warnt, sind die Schnellschüsse, mit denen moralische Forderungen aus Situationsanalysen abgeleitet werden, wie es eigentlich in der Politik, aber auch in den Unternehmen alltägliche Praxis ist.
Hume heute
Hume verstarb vor 250 Jahren. Das ist lange her. Er und die anderen Aufklärer mussten gegen die Kirche und die Könige kämpfen. Diese haben heute ihre Machtstellung weitgehend verloren. Dennoch bleibt das Anliegen der Aufklärung und damit auch das Anliegen Humes aktuell: zu schauen, wie Vernunft funktioniert, wie Vernunft das Leben beeinflussen kann, wo Grenzen der Vernunft sind und wo Feinde der Vernunft sind.
All das bleibt und deshalb lohnt es sich auch heute, sich mit Leuten wie Kant oder Hume zu beschäftigen.