Mit der Rhetorik verhält es sich wie mit einem Medikament: der Gebrauch entscheidet darüber, ob es sich um etwas Gutes oder um ein Gift handelt.

Die Rhetorik hat in Deutschland nicht gerade einen guten Ruf, der sicherlich mit der rhetorischen Praxis des Naziregimes zusammenhängt. Seitdem gilt die Rhetorik als ein Mittel, andere Menschen durch die Sprache böswillig für die eigenen Zwecke zu manipulieren. Doch es gilt obiger Satz über die Medizin: der Gebrauch entscheidet, ob die Rhetorik ein Mittel zur Durchsetzung guter oder schlechter Ziele ist.

Seit einigen Jahrzehnten wandelt sich das öffentliche Bild der Rhetorik – wohl auch angeregt durch Personen wie Walter Jens, den ersten Inhaber des einzigen deutschen Rhetorik-Lehrstuhls in Tübingen. Seitdem wird auch in der Öffentlichkeit immer klarer, wie wichtig rhetorische Kenntnisse für jeden sind, der mit seiner Sprache andere Menschen überzeugen will – auch wenn sich dies offensichtlich noch nicht überall herumgesprochen hat, wie etwa die traurige rhetorische Praxis im Bundestag eindrucksvoll belegt.

Die Rhetorik wurde erstmals im alten Griechenland entwickelt. Rhetoren wie Gorgias, Isokrates oder Demosthenes sind bis heute glanzvolle Vorbilder der Redekunst, die theoretischen Schriften des Aristoteles („Rhetorik“), Cicero („Der Redner“) oder Quintilian („Ausbildung des Redners“) sind immer noch wichtige Fundgruben und Inspirationsquellen für jeden rhetorisch Interessierten.

Cicero (106-43 v. Chr.)

Die fünf Produktionsschritte

Die antike Rhetorik kennt insgesamt fünf Schritte, in denen eine Rede verfasst und gehalten wird. „Niemand der Redner sein will, darf einen einzigen dieser Punkte vernachlässigen“, sagt Cicero (Brut. 214), und das wollen wir hier auch nicht tun.

1. Stoffauffindung (inventio)

Logischerweise geht es zu Beginn darum, das eigene Thema zu finden. Aus der Fülle von Informationen und Situationen sucht der Redner „sein Thema“. Er stellt eine Hypothese auf, stellt konkrete Einzelfälle zusammen und sucht vor allem Argumente für und gegen seine These. Dieses Suchen von Argumenten stellt die Hauptaufgabe in diesem Arbeitsschritt dar und zur Hilfe hat die antike rhetorische Literatur Suchkategorien erstellt, mit denen man personen- oder problembezogene Argumente auffinden kann. Diese Sammlungen werden zumeist als „Topik“ bezeichnet und sind oft äußerst umfangreich. Fundorte für Argumente sind beispielsweise Themen wie soziale Stellung, Nation, Religion, Erziehung, Alter usw. Aus all diesen Feldern lassen sich – je nach Bedarf – eigene Argumente entwickeln.

2. Gliederung (dispositio)

Die Argumente werden sortiert und gegliedert. Hierbei geht es nicht um einen rein logischen Aufbau, sondern um einen möglichst sachgemäßen Aufbau, der überzeugend für den Adressaten ist. Hierzu gibt es verschiedene Modelle. Oft gebräuchlich waren (und sind) eine zweigliedrige antithetische Anordnung (gegen – für die These), sowie eine dreigliedrige Anordnung (für-gegen-für). Herauszuheben ist die fünfgliedrige Anordnung (für-gegen-für-gegen-für), die auch den fünf Akten des klassischen Dramas entspricht. Wichtig ist hierbei, dass das stärkste Argument immer am Schluss kommt, bei der fünfgliedrigen Anordnung wird das zweitstärkste Argument am Anfang genannt. Außerdem ist hier zu beachten, dass diese Anordnungen Beschränkungen darstellen: es ist nicht sinnvoll, eine Vielzahl von Argumenten zu diskutieren, was jeden Hörer überfordern würde. Sinnvoller ist es, sich auf maximal fünf Argumente (3 für, 2 gegen) zu beschränken.

3. Stilisierung (elocutio)

Aristoteles (384-322 v. Chr.)

Neben dem ersten Schritt (Stoffauffindung) ist die Stilisierung der am umfangreichsten beschriebene Schritt der antiken Rhetorikliteratur. Die bisher zusammengestellten Argumente sind nun in eine sprachliche Glanzform zu bringen. Hierzu gibt es zahlreiche rhetorische Figuren (Metapher, Metonymie, Hyperbel …) oder kunstvolle Gliederungen (Parallelismus, Chiasmus …), die vielleicht noch aus dem Deutschunterricht bekannt sind. Im Unterschied zum antiken Gebrauch sollte man etwas vorsichtiger mit den verschiedenen rhetorischen Figuren umgehen, da sie dem heutigen Ohr schnell gekünstelt klingen. Dennoch sollte man sich dem antiken Grundanliegen stellen, auf die Schönheit der Sprache zu achten, die natürlich sowohl dem Anliegen als auch der Hörerschaft angemessen sein muss.

 

4. Einprägen (memoria)

Die Fähigkeit des Auswendiglernens war in der Antike hochgeachtet. Die antiken Lehrbücher enthalten oftmals sehr genaue Anweisungen, sich den Stoff zu verinnerlichen. Ein Beispiel ist bis heute in der Rhetorik sehr beliebt, das von Quintilian überliefert ist: das Haus. Man prägt sich die Rede ein, indem die zu behandelnden Argumente als fünf Zimmer gedacht werden, die man in der Rede durchschreitet. In jedem Zimmer stehen einige Gegenstände, welche den eigentlichen Inhalt der Rede bilden. Diese Methode hilft zum einen, sich den Stoff gut sortiert einzuprägen, zum anderen hilft sie aber auch, wenn man einen Black-Out hat: man stockt nicht, sondern geht „in das nächste Zimmer“, die Rede geht argumentativ sinnvoll weiter.

5. Vortrag (actio)

Eine Rede lebt nicht nur von den Worten, sondern auch von Mimik und Gestik, von der gesamten Körperhaltung, vom Tonfall des Redners, seiner Sprechgeschwindigkeit, der Lautstärke usw. Auch diese Dinge müssen für jede einzelne Rede geübt werden und sind entscheidend dafür, ob der Vortrag ankommt oder nicht. Dieser Arbeitsschritt zielt vor allem auf die Emotionen der Zuhörer. Eine Rede lebt nicht nur vom Inhalt, sondern ganz wesentlich davon, wie dieser Inhalt transportiert wird. So schreibt Aristoteles in seiner Rhetorik (8,14): „Es ist klar, dass derjenige, der die Wirkung seiner Worte durch Gesten, Stimmführung, Kleidung und überhaupt Schauspielerei unterstützt, am ehesten Mitgefühl weckt.“ Das Stichwort „Schauspielerei“ verweist aber auch auf die große Gefahr: diese Dinge müssen zum Redner passen, wenn nicht, werden sie als Schauspielerei wahrgenommen, was in jedem Fall kontraproduktiv ist.

Fazit

Das Reden ist eine fundamentale Art des Menschen, sich miteinander zu verständigen. Die Griechen waren die ersten, die sich diese Verständigung sehr genau angesehen haben und sie verbessern wollten. Das Anliegen, die eigene Sprache so zu gestalten, dass das, was man sagen will, auch überzeugend beim Hörer ankommt, ist bis heute aktuell. Vielleicht machen die antiken Rhetoriker neugierig auf diese uralte Kunst und helfen, die eigene Sprache zu überprüfen und zu verbessern.

 

Literaturempfehlungen:

Fuhrmann, Manfred: Die antike Rhetorik. Eine Einführung.

Stroh, Wilfried: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom.

Ueding, Gert: Klassische Rhetorik.