„Fleiß und Faulheit“ sind ein klassisches Begriffspaar. Auch wenn der Begriff „Fleiß“ mittlerweile etwas angestaubt daherkommt, hat er nichts von seiner großen Prägekraft verloren. Schließlich wissen wir: „Ohne Fleiß kein Preis!“ Wenn wir etwas erreichen wollen im Leben, müssen wir uns engagieren und einen gewissen Fleiß zeigen. Wenn wir zu faul sind, werden wir es im Leben zu nichts bringen und das dann auch verdientermaßen.

Zwar setzt sich mittlerweile immer mehr die Erkenntnis durch, dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestehen darf und Phasen der Faulheit sogar hilfreich sind, die für den Fleiß nötigen Kräfte zu sammeln, dennoch ist die öffentliche Wertung noch immer relativ eindeutig: letztlich zählt der Fleiß.

Was kann man als Philosoph über „Fleiß und Faulheit“ sagen?

Bei einem Psychologen ist es relativ eindeutig: er hat zu schauen, wie ein Mensch sich motiviert, was ihm hilft, zu arbeiten und fleißig zu sein, welche Schutzmechanismen er einbauen muss, damit er dabei gesund bleibt oder wieder gesund wird usw.

Im Unterschied dazu schaut der Philosoph darauf, was Fleiß und Faulheit eigentlich sind: wie haben sich diese Werte im Laufe der Geschichte entwickelt? Warum spielte es nicht immer eine Rolle, dass jemand „fleißig“ ist? Welche Veränderungen gab es im Laufe der Geschichte, dass man den Menschen auf einmal über seine Arbeit definierte?

Diese historischen Betrachtungen werden dabei nicht um ihrer selbst willen betrieben, sondern sollen zweierlei bewirken:

  1. Den jetzigen Zustand relativieren: es war nicht immer so, es geht auch anders.
  2. Vielleicht gibt es in der Vergangenheit ja interessante Dinge, die für uns heute einen spannenden Impuls bieten könnten, eine neue Richtung, die wir bisher vielleicht nicht im Auge hatten.

Antike

Richtig ist, dass die Antike durchaus körperliche Ertüchtigung schätzte (man denke an die Olympischen Spiele), aber nicht viel von körperlicher Arbeit hielt. Wer es nur irgendwie konnte, arbeitete nicht körperlich. Dies überließ man den Ärmeren oder Sklaven.

Quelle: www.zeitzeichen.net

Das, worum es den Wohlhabenden ging, war allerdings nicht Faulheit, sondern etwas Anderes: geistige Arbeit an sich selbst, Muße genannt. Muße hieß nicht, sich in die Hängematte zu legen, sondern war Denken und durch dieses Denken Veränderung der Einstellung zu sich selbst und zum Leben ans sich.

Das heißt, diese Menschen betrieben sehr intensiv das, was wir heute als kulturell-geistige Beschäftigung bezeichnen würden: Kunst, Literatur, Beschäftigung mit der Geschichte, der Philosophie, Dichtung usw.

Faulheit wurde verachtet, denn Faulheit bedeutete, sich nicht zu „bilden“, sich nicht dem Bild gemäß zu verändern, das man von einem vollkommenen und glücklichen Leben hat. Es ging um das klassische „Erkenne dich selbst!“, um eine genaue Kenntnis seiner selbst, die dann zur Grundlage zu positiven Veränderungen werden sollte.

Diese Tätigkeit war eine rein verstandesmäßig-denkerische. Dies war sie aus dem Grund, weil man davon ausging, dass die eigentliche Natur des Menschen nicht körperlich, sondern geistig ist. Wenn der Verstand und der Geist des Menschen das sind, was ihn definiert, dann ist Arbeit an sich selbst vorrangig geistige Arbeit.

 

Neuzeit

Diese Haltung blieb wesentlich auch im christlichen Mittelalter bestehen. Die Haltung zur Arbeit und zur körperlichen Tätigkeit begann sich erst im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit zu ändern. Woran lag das?

Der Mensch nahm sich nicht mehr derart wie in der Antike als Teil des Kosmos oder der göttlichen Weltordnung wahr, durch deren geistige Durchdringung er glücklich werden konnte, sondern er fühlte sich immer selbständiger und individueller.

Dies hatte zwei Konsequenzen:

1.) Das Handeln des Menschen wird wichtiger. Nicht mehr die Sakramente der Kirche, sondern das Handeln des Menschen entscheidet über sein Heil. Hier liegt die Wurzel der Reformation, die schließlich – gerade im Puritanismus – dazu führte, dass das Heil des Menschen über seinen Erfolg und über seine Arbeit definiert werden, weil sie Zeichen des Segens Gottes sind.

2.) Nicht Gott, sondern natürliche Kräfte regieren die Welt. Die Welt und auch die Gesellschaft in der Welt werden durch die Vernunft erklärbar. Entsprechend wichtig wird es, dass der Mensch sich vernünftig in die Gesellschaft einordnet und fleißig an ihr mitbaut.

Quelle: www.wikipedia.org

-> Die Konsequenz dieses neuen Menschenbildes: der Mensch hat viele Pflichten zu erfüllen und eine zentrale Pflicht ist der Fleiß. Faulheit wird verurteilt. Der Mensch wird über die Arbeit definiert und entsprechend muss er arbeiten.

Natürlich gibt es zu dieser harten Haltung immer Gegenbewegungen, beginnend mit der Romantik um 1800, über die 68er und ihre Kritik am Kapitalismus (Arbeit nicht! Recht auf Faulheit!) bis zum heutigen Tag, wo die immer größere Verbreitung von Auszeiten und „Sabbaticals“ einen immer gewichtigeren Gegenakzent gegen die alten Pflichtkataloge setzt.

 

Zukunft: Digitalisierung

Was bedeutet dies für die Zukunft? Wo soll es hingehen?

Die Arbeit der Zukunft wird wesentlich durch die Digitalisierung bestimmt werden. Erste Anzeichen sind bereits erkennbar, aber es ist nur das laue Lüftchen vor dem großen Sturm. Experten gehen davon aus, dass ein Großteil unserer Aufgaben und unserer Arbeit in der Zukunft nicht mehr nötig sein und verschwinden wird.

Was bedeutet dies für die Arbeit der Zukunft? Mehr Faulheit?

Schauen wir auf das, was die Digitalisierung leisten kann und was sie nicht leisten kann.

Die Digitalisierung wird Abläufe beschleunigen und automatisieren. Und sie wird die Arbeit reduzieren, in denen es um solche technischen Abläufe jeder Art geht.

Quelle: www.pixabay.com

Was die Digitalisierung nicht kann, sind die Bereiche, in denen es um den Menschen selbst geht. Dies liegt letztlich darin begründet, dass die KI zwar immer größere Fortschritte macht, es ihr aber nie gelingen wird, menschlich zu denken und zu empfinden.

Die KI kann Informationen sammeln, ordnen und daraus Schlüsse ziehen, aber wirkliches Denken im Sinne von Verstehen ist etwas Anderes. Die KI kann sich nicht freuen, nicht lieben – die KI kann Empfindungen simulieren, aber nicht selbst empfinden. Sie kann Verstehen simulieren, aber nicht selbst verstehen.

Hieraus ergeben sich die Gebiete, in denen der Mensch in der digitalisierten Welt mehr als gefragt sein wird. Ein Mensch in der digitalisierten Arbeitswelt wird in diesen Gebieten seine Tätigkeit entfalten.

 

Die alte neue Muße

Diese Gebiete sind spannenderweise die Gebiete, um die es der antiken Muße ging: der Mensch, der denkend an sich arbeitet, der kreativ ist, der künstlerisch tätig ist, der darum weiß, dass er ein kulturelles Wesen ist, der sich politisch und sozial engagiert.

Auf diese Weise wird die antike Muße zum Impuls für New Work. Dies wird auf die Frage von Fleiß und Faulheit hin bedeuten:

  • Die Grenzen von Fleiß und Faulheit werden verschwimmen. Die „Arbeit“ wird weniger eindeutiger, wenn die Muße zum notwendigen Teil der Arbeit wird.
  • Das Freizeitverhalten wird immer wichtiger: es wird mehr mögliche Freizeit geben, die spannende Frage ist, was damit gemacht wird: wird sie – mehr als Appell denn als Hoffnung – im Sinne der antiken Muße genutzt? Oder ganz plump: was fängt der Mensch mit sich an, wenn der Fernseher kaputt ist? Ist er in der Lage, mit sich so etwas anzufangen, dass es ihn als Menschen weiterbringt?

Das neue Arbeitsleben wird die alten Klassiker „Fleiß“ und „Faulheit“ ein Stück weit relativieren – diese Entwicklung hat bereits begonnen und sie wird weitergehen. Hier kann ein uraltes Modell aus der Antike wichtige Impulse setzen: die Frage, was der Mensch kann, was ihn zum Menschen macht und wie er dies weiter ausbilden kann, wird nicht trotz, sondern wegen der Digitalisierung wichtiger als je zuvor.