Es gibt Bücher, die – einmal an das Licht der Öffentlichkeit getreten – die Gesellschaft und die Kultur derart verändern, das man nicht mehr zurück kann. Man kann ein solches Buch kritisieren, aber man kann es nicht auslöschen, weil es eine Idee in die Welt gesetzt hat, die alles Bisherige auf den Kopf stellt.

Zu diesen wenigen Büchern, die etwas Derartiges ausgelöst haben, zählt ein Buch, das am 4. November 1899 von einem Arzt aus Wien veröffentlicht wurde: „Die Traumdeutung“ des Sigmund Freud.

Sigmund Freud – geboren 1856 – war bereits seit geraumer Zeit praktizierender Arzt und sehr interessiert an der menschlichen Psyche. In diesen Jahren begann man die menschliche Psyche neu einzuschätzen: aus einer hysterischen Person, die wegzusperren ist, wurde ein Kranker, um dessen Heilung man sich bemühen kann.

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In den 1890er Jahren begann Freud mit der Entwicklung einer neuen Sichtweise auf die menschliche Psyche, die er „Psychoanalyse“ nannte und die durch „Die Traumdeutung“ öffentlich bekannt wurde.

Freud wurde als Begründer der Psychoanalyse in der Folgezeit zu einem international gefeierten Autor. In den 30er Jahren geriet Freud in Konflikt mit dem Nationalsozialismus – nicht zuletzt, weil er jüdischer Herkunft war. Nach dem Anschluss Österreichs konnte Freud mit seiner Familie nach London flüchten, wo er am 23. September 1938 verstarb.

 

“Die Traumdeutung”

Worum geht es in seinem Werk „Die Traumdeutung“ und warum lohnt es sich auch heute noch, dieses Buch in die Hand zu nehmen?

In den Träumen passiert Unglaubliches. Das, was im Traum passiert, passiert dort nicht aus Zufall, sondern bildet etwas ab, das in der Vergangenheit passiert ist. Dinge, die wir sonst nicht weiter beachten oder sogar aus unserem Gedächtnis streichen wollen, tauchen in den Träumen wieder auf. Freud spricht hier von einem „Verdrängungsmechanismus“, der aber in den Träumen ausgeschaltet ist und damit einen Blick in unser Innerstes gewährt.

Freud beschreibt in seinem Buch minutiös, wie diese Verdrängung funktioniert, welche Erlebnisse der Vergangenheit welche Bilder auslösen usw. Das Spannende und Revolutionäre dieses Buches sind die beiden Ebenen, zwischen denen diese Verdrängung bzw. dieser innere Kampf abläuft: das Bewusste und das Unbewusste, die Ebene des bewussten Nachdenkens, der Reflexion auf der einen Seite, und die Ebene des Instinktes und des Intuitiven auf der anderen Seite.

Das Spannende: das, was den Menschen beherrscht, ist zumeist nicht das Bewusste, sondern das Unbewusste. Und in den Träumen kann der Mensch Einblick in das bunte Leben seines Inneren nehmen und damit in eine Welt, die ihn zwar jeden Tag beherrscht, er aber meistens kaum wahrnimmt:

„Die Traumdeutung aber ist die Via regia („Königsweg“) zur Kenntnis des Unbewussten um Seelenleben. Indem wir der Analyse des Traums folgen, bekommen wir ein Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten und allergeheimnisvollsten Instruments, freilich nur ein kleines Stück weit, aber es ist damit der Anfang gemacht.“

 

“Die Traumdeutung” heute

Was können wir heute aus diesem Werk von Sigmund Freud mitnehmen? Die Details der Traumanalyse sind sicherlich nicht nur für Fachleute interessant, aber eben oft langatmige und sehr detailverliebte Beschreibungen – zumal die Einzelheiten der Traumanalyse in der heutigen Forschung alles andere als unumstritten sind.

Dennoch lohnt es sich, dieses Buch zu lesen, weil man bei der Lektüre ein Gespür dafür bekommt, was das Unbewusste ist. Man bekommt ein Gespür dafür, wie mächtig etwas in uns drin ist, das wir eigentlich kaum beherrschen können und dass unsere optimistische Annahme demaskiert, wir könnten uns selbst völlig kontrollieren und hätten uns und unsere Psyche im Griff.

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„Das Unbewusste ist das eigentlich reale Psychische“, schrieb Freud ziemlich am Ende seiner „Traumdeutung“ und die Wahrheit dieses Satzes muss man erst einmal verdauen.

Dennoch ist dieses Buch kein Grund, am Sinn und Zweck von solchen Dingen wie Rationalität und Vernunft zu zweifeln. Dieses Buch lehrt, dass Rationalität und Vernunft vielleicht nicht so mächtig sind, wie wir oft hoffen, aber dennoch sind sie wichtig. Sie funktionieren aber nicht gegen das Unbewusste unserer Psyche, sondern nur mit ihr.

Rationalität und Vernunft – wie sie auch in der Philosophie vermittelt werden – müssen also immer versuchen, das Irrationale und Unvernünftige zu integrieren. Nicht abzustoßen oder zu unterdrücken, sondern zu integrieren.

 

Konsequenzen

Hieraus ergeben sich viele Konsequenzen für unser tägliches Leben, auch für die Gestaltung des beruflichen Lebens, und zwar nicht nur individuell, sondern auch sozial.

Weder eine Gesellschaft noch ein einzelnes soziales Gebilde wie ein Unternehmen kann auf Dauer funktionieren, wenn es diese Ebene des Unbewussten missachtet, also die Ebene dessen, was wir oft sinnigerweise als „menschlich“ bezeichnen.

Bei aller notwendigen Sicht auf Rationalisierung und Effektivitätssteigerung: wenn diese Faktoren die einzigen sind, nach denen ein Unternehmen sich selbst aufbaut, dann wird dieses Unternehmen genauso krank wie ein Mensch, der sich selbst nur und ausschließlich auf Leistung trimmt. Wir wissen, dass ein Mensch eine solche Lebenshaltung nur über einen begrenzten Zeitraum durchhalten kann. Dies gilt jedoch nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für eine Ansammlung vom Menschen, wie ein Unternehmen sie darstellt.

„Das Unbewusste ist das eigentlich reale Psychische“, schrieb Freud. Für Unternehmen hätte er schreiben können: „Das Unbewusste ist das eigentlich reale Innenleben des Unternehmens.“

 

Literaturempfehlungen:

Freud, Sigmund: Die Traumdeutung.

Lohmann, Hans-Martin: Sigmund Freud.

Meyer, Andreas: Sigmund Freud zur Einführung.