Die griechische Sage erzählt, dass Narziss der Sohn eines Flussgottes und einer Nymphe gewesen sei. Er sei ein wunderschöner Mann gewesen, umworben von Frauen wie Männern, die er allerdings alle zurückwies. Narziss wurde daraufhin verflucht und fortan von unstillbarer Selbstliebe erfüllt. Als er eines Tages sein eigenes Abbild im Wasser sah, wollte er es umarmen und ertrank.

 

Quelle: www.wikipedia.org

Soweit die griechische Sage. Der „Held“ dieser Sage ist der Namensgeber des „Narzissmus“. Wenn man diese Sage im Hinterkopf hat, kann man schnell den Fehler begehen, „Narzissmus“ als eine gewisse Selbstverliebtheit oder einen übertriebenen Egoismus zu bezeichnen.

Das gibt es auch bei einem Narzissmus der schwächeren Ausprägung. Aber oft bedeutet „Narzissmus“ nicht nur eine gewisse Selbstverliebtheit, sondern eine massive Persönlichkeitsstörung mit fatalen Folgen.

Pathologischer Narzissmus

Mit der Präsidentschaft von Donald Trump ist das Thema Narzissmus in aller Munde. Aber auch hier lange Zeit mit dem bekannten Fehler: es ist nicht nur Selbstverliebtheit. Die Folgen davon bekommen die USA jeden Tag zu spüren.

Aber Narzissmus betrifft nicht nur die Leitung der USA, sondern auch die Leitung vieler Unternehmen. Hier finden sich überdurchschnittlich viele Narzissten. Auch hier gilt: man lässt es oft laufen, weil das Problem des Narzissmus nicht bekannt ist.

Was ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Self Love, Man, Mirror, Archetypes, Awareness, ErrorWichtigstes Kennzeichen ist, dass die Person nur und ausschließlich eigene Bedürfnisse wahrnimmt. Bedürfnisse anderer Menschen existieren für sie nicht. Sie werden nicht bewusst ausgeklammert und weggeschoben, es gibt sie nicht. Narrzissten sind völlig empathielos.

Das einzige, was zählt: wie kann der andere helfen, dass die eigenen Bedürfnisse gestillt werden? Entsprechend dienen alle Dinge, die es gibt, Familienmitglieder, Arbeitskollegen, das Unternehmen, die Gesellschaft usw. nur einem Zweck: dem Narzissten selbst.

Entsprechend verfügen Narzissten auch über keinen ethischen Kompass. Sie lügen, manipulieren, betreiben Mobbing. Man kann es an Trump sehen: der lügt nicht, weil er lügen will. Sondern weil für ihn in jeder Sekunde nur und einzig zählt, mit welchem Satz man etwas für sich rausschlagen kann. Ein Narzisst ist nicht gegen die Wahrheit, sie zählt einfach nicht, hat keine Bedeutung.

Narzissmus in der Führung

Es gibt in den Führungsetagen überraschend viele Narzissten. Der Grund dafür ist klar und auch an Trump sichtbar:

Narzissten sind ehrgeizig, sie können sich oft gut verkaufen, weil sie von klein auf gewöhnt sind, ihre Mitmenschen in eine bestimmte Richtung – die eigene – zu schieben. Entsprechend gewinnend und charmant können sie nach außen wirken. Zudem haben sie wenig Skrupel, sich in Machtspielen durchzusetzen, weil das eh ihre eigene Natur ist.

Tie, Necktie, Adjust, Adjusting, ManEntsprechend viele Narzissten befinden sich in den Führungsetagen. Forscher haben übrigens kürzlich herausgefunden, dass viele Top-Manager die gleiche psychische Grundstruktur wie Schwerverbrecher im Gefängnis haben. Der Grund: die Narzissten, die intelligent oder reich genug sind, auf legalem Wege Macht über die Mitmenschen zu haben, steigen auf in der Gesellschaft; diejenigen, die das nicht können, laufen nachts mit dem Messer durch den Park. Die psychische Grundstruktur ist die gleiche.

 

Spätestens hier wird klar, dass narzisstische Persönlichkeiten auf der Leitungsebene keine gute Idee sind. Zum einen geht das direkte Umfeld oft sehr schnell an den ständigen Lügen und Manipulationen zugrunde. Zum anderen ist auch kein langfristiges Arbeiten möglich, weil die langfristige Perspektive den Narzissten überhaupt nicht interessiert, sondern nur das Hier und Jetzt. Abgesehen von der prinzipiellen Frage, ob es gut sein kann, wenn sich der große Ehrgeiz überhaupt nicht auf das Unternehmen bezieht, sondern auf das eigene Ego. Die USA lassen grüßen.

 

Warum erkennt man sie nicht?

Es ist gar nicht so einfach, einen Narzissten zu identifizieren. Um den Hauptgrund dafür in einem Satz zusammenzufassen: man kommt nicht auf die Idee, dass jemand so dreist ist.

Pinocchio, Nose, Lying Nose, Long, LieDer Narzisst lügt. Der Narzisst schiebt die Dinge in seine Richtung, man findet das komisch oder eigenartig, aber er hat dafür immer eine gute Begründung, die nichts mit ihm zu tun hat. Das nimmt man dann hin, weil man gar nicht auf die Idee kommt, dass alles in die Richtung des Narzissten geschoben wird.

Beispiel Trump: zur Zeit gibt es massive Rassenunruhen in den USA, die von Trump jeden Tag neu angeheizt werden. Jetzt könnte man denken, dass es ihm um die weiße Gesellschaft in den USA ginge, die von den Schwarzen gefährdet würde. Ist jetzt nicht für jeden Menschen eine gültige Begründung, aber es ist eine.

Aber: es geht Trump gar nicht um die Weißen, sondern nur um einen: sich selbst. Seine Wiederwahl. Erst einmal zuckt man vor dem Gedanken zurück, dass jemand will, dass Menschen aufeinander schießen, bloß damit man wiedergewählt wird. Genau von diesem Zurückzucken lebt der Narzisst und bleibt oft unerkannt.

 

Truth, Lie, Street Sign, ContrastSo herrschen Narzissten in Familien und Unternehmen. Das Familienmitglied kommt gar nicht auf die Idee, dass der narzisstische Partner jahrzehntelang irgendwelche Leiden vorgaukelt, um den Rest der Familie in den Griff zu bekommen. So dreist kann doch keiner sein. Der Arbeitskollege kommt gar nicht auf die Idee, dass seit Jahren in seiner Abteilung alle gegeneinander ausgespielt werden und es miese Zahlen gibt, damit der eine Arbeitskollege besser dasteht. So dreist kann doch keiner sein.

Als Nicht-Narzisst ist es nur schwer vorstellbar, dass jemand derart empathielos gegenüber seinen Mitmenschen ist. Erst wenn man sich das vorstellen kann, kann man ihm auf die Spur kommen.

 

Man kommt einem Narzissten dann auf die Spur, wenn man immer mehr das Geflecht seiner Lügen durchschaut – was nicht immer so einfach wie bei Trump ist – und wenn man sich alle seine Aktionen einmal zusammen ansieht: abgesehen von den manchmal komischen Begründungen: was passiert da eigentlich? Wem dienen diese Dinge wirklich? Dann fällt es oft wie Schuppen von den Augen.

 

Was ist zu tun?

Erst einmal ist wichtig, sich klarzumachen, dass Gespräche mit einem pathologischen Narzissten nichts bringen. Wenn man sie ertappt hat, nicken sie schuldig, geben einem recht – und machen weiter wie bisher. Narzissten gelten als schwer oder gar nicht therapierbar.

Entsprechend wichtig ist es, dem Narzissten Grenzen aufzuzeigen, die er nicht überschreiten darf. Das heißt, es ist schlecht, wenn der Narzisst in einer Führungsrolle ist, in der keine Grenzen kontrolliert werden. Der Narzisst braucht eine kurze Leine und sofortiges Einschreiten einer Autorität – was auf Dauer sehr anstrengend ist.

Ein Narzisst kann mit seinem Ehrgeiz vielleicht sogar ein guter Mitarbeiter sein – aber immer nur an der ganz kurzen Leine, die auch nicht lockerer gelassen werden darf nach einiger Zeit, weil Narzissten nicht lernen, sondern immer in alte Muster zurückfallen wollen.

 

Twin, Brothers And Sisters, Self LoveDie hier beschriebene Situation ist die eines pathologischen Narzissmus. Es ist wichtig festzuhalten, dass jeder Mensch – mal mehr, mal weniger – narzisstische Anteile hat, insofern jeder völlig zu Recht Egoist ist und auf seine eigenen Bedürfnisse achtet. Das ist nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht eines jeden Menschen. Auch eine gewisse Eitelkeit und ein gewisser Geltungsdrang stellen noch keinen pathologischen Narzissmus dar.

Der beginnt bei der Empathielosigkeit, somit bei der „Fähigkeit“, anderen Leuten über einen längeren Zeitraum massiv zu schaden, um selbst einen Nutzen zu haben.

 

Führung und Narzissmus

Das Thema „Narzissmus“ wird immer wieder unterschätzt. Narzissmus wird verharmlost als eitler Wunsch, immer im Vordergrund stehen zu wollen. Narzissmus geht aber viel tiefer und er geht auch bei erstaunlich vielen Menschen viel tiefer. Er betrifft viele Menschen und ruiniert Familien genauso wie Unternehmen.

Wenn es um das Thema Leadership im Unternehmen geht, ist es wichtig festzuhalten, dass es das Thema Narzissmus gibt. Dieses Thema ist keines, das man mit bloßen Gesprächen wegbekommt. Hier braucht es klare Grenzen und manchmal auch eine brutale Umsetzung dieser Grenzen, um die Kultur des Unternehmens oder sogar das Unternehmen selbst nicht der pathologischen Macht- und Geltungssucht einer Person zu opfern.

 

Literaturempfehlungen:

Ellis, Andrea: Narzissmus entlarven und verstehen.

Hagemeyer, Pablo: “Gestatten, ich bin ein Arschloch.”

Janssen, Iris: Narzissmus entlarven und verstehen.