Wir haben es alle geahnt! Wenn Papa an Weihnachten den Sohn nicht an die neue Modell-Eisenbahn lässt, weil er selber damit spielen will. Wenn Tante Hiltrud beim Mensch-ärger-dich-nicht so wütend wird, weil sie von ihrem Mann mal wieder rausgekegelt wurde, dass eine wochenlange Ehekrise ansteht:

Wir Menschen spielen gerne. Nicht nur irgendwie gerne, wir sind Spieler.

Und einer, der darüber ein zeitloses Buch geschrieben hat, ist Johan Huizinga.

Johan Huizinga

Johann Huizinga, Quelle: historiek.net

Der niederländische Kulturgeschichtler wurde 1872 in Groningen geboren. Bereits früh verwitwet, wurde der fünffache Vater 1915 auf den renommierten Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte an der Universität Leiden berufen, an dem er sich vor allem durch kulturgeschichtliche Arbeiten („Herbst des Mittelalters“) einen großen internationalen Ruf erarbeitete.

Nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland kämpfte Huizinga sehr engagiert gegen den auch in den Niederlanden durchaus präsenten Antisemitismus. Nach dem deutschen Einmarsch musste Huizinga seine Tätigkeit einstellen und wurde 1942 verhaftet, aufgrund seiner internationalen Bekanntheit aber wieder aus der Haft entlassen. Kurz vor Ende des Krieges verstarb Huizinga am 1. Februar 1945.

 

Was ist ein Spiel?

1939 veröffentlichte Huizinga ein kleines Büchlein, das dann zu seinem bekanntesten werden sollte: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur als Spiel.

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Das Spiel, so Huizinga, ist nicht nur irgendwie bei den Menschen vorhanden, es ist eines seiner Wesensmerkmale. Was es an menschlicher Kultur gibt: Recht, Politik, Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Sport: alles verdankt sich dem Willen des Menschen, zu spielen.

Das Spiel ist die kulturelle Form, einen Wettkampf auszutragen. Der Mensch will sich mit dem anderen messen und dies tut er nach einem Spiel. Ein Spiel ist ein Spiel durch Regeln, an die man sich halten muss und hier beginnt Kultur:

„Am Anfang allen Wettkampfs steht das Spiel, d. h. eine Abmachung, innerhalb einer räumlichen und zeitlichen Begrenzung nach bestimmten Regeln, in bestimmter Form etwas fertigzubringen, was die Lösung einer Spannung bewirkt und außerhalb des gewöhnlichen Verlaufs des Lebens steht.“

 

Spiel als Kultur – Kultur als Spiel

In diesem Spiel entstanden auch Wissenschaft und Philosophie: als ein Wettkampf über die Rätsel der Welt. Dieser spielende Charakter der philosophischen Diskussion wird vielleicht bei einem Sokrates und seinen Wortduellen auf dem Athener Marktplatz deutlicher als bei einem Text von Hegel oder Heidegger, aber das Prinzip, das dahintersteht, ist das gleiche: in einem spielerischen Vorantasten der Wahrheit der Welt auf die Spur zu kommen. So arbeitet Philosophie und so arbeitet Wissenschaft, so entsteht Kultur.

Kultur hat nicht unbedingt ein Ziel, ein Spiel auch nicht. Nur das Spiel selbst. Hat der Fußball einen anderen Zweck? Warum will man Tore schießen?

Und die Wissenschaft? Natürlich hat die Wissenschaft ein Ziel, gerade in Zeiten der Drittmittelanträge.

Aber gerade hier wird deutlich, dass es schief läuft, wenn der spielerischer Charakter verloren geht: indem die Wissenschaft sich immer mehr auf konkrete Ziele begrenzt (und dafür bezahlt wird), hört sie immer mehr auf Wissenschaft zu sein.

Die Wissenschaft lebt vom Hunger nach Wissen. Ohne Ziel, es geht nur um den Spaß daran, etwas zu wissen, den Dingen auf den Grund zu gehen, etwas mehr und besser zu verstehen als die anderen. Das Wissen wird zum Selbstzweck und nur dann ist die Suche nach Wissen kreativ, spannend und wirklich zu neuen Ufern führend, nicht nur im eigenen Saft schmorend.

Die Wissenschaft als Spiel. Die Kultur als Spiel, als ein Selbstzweck, aber ein notwendiger.

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Es ist Huizinga wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Kultur nicht nur aus dem Spiel entstanden ist, sondern sie ist selbst ein Spiel. Jede menschliche Beschäftigung – auch lebensnotwendige Dinge wie die Jagd für den Urmenschen – nehmen die Form eines Spiels an, indem sie feste Regeln bekommen und gleichzeitig den Spiel- und Wettkampftrieb aufgreifen, der im Menschen drin ist. So entsteht Kultur.

Im Laufe der Jahrhunderte gerät der spielerische Charakter der Kultur immer mehr in den Hintergrund, ist zwar noch vorhanden, aber fast unsichtbar. Mit dem Ergebnis, dass der Spieltrieb an anderer Stelle umso deutlicher hervortritt: dass der Sport im Leben des modernen Menschen so präsent ist, hat hier seine Ursache.

 

Innovation als Spiel

Das Buch „Homo ludens“ von Johan Huizinga ist nicht nur kulturhistorisch interessant. Es verrät uns sehr viel über den Menschen, der eben ein Spieler ist.

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Was wir an kulturellen Errungenschaften haben, verdanken wir der spielerischen Tätigkeit. Wirklicher Fortschritt geht nur spielerisch. Fortschritt lebt davon, gedanklich die normale Welt hinter sich zu lassen und etwas Neues zu versuchen, lebt vom Wettkampf, von der Lust am Siegen, von der Lust, Schwierigkeiten zu überwinden. Von der Lust am Spiel.

Diese Lust am Spiel ist auch wesentlich, wenn es um unternehmerische Innovationen geht. Innovation passiert nach den Regeln des Spiels: es ist der Spaß am Neuen, der spielerische Umgang mit der Wirklichkeit, der Wettkampf, die Lust, etwas auszuprobieren. Und dieses spielerische Entdecken und Hervorbringen des Neuen ist nichts Künstliches und nichts Fremdes, sondern in uns Menschen drin.

“Mit logischem Durchdenken der Dinge reicht der menschliche Geist nicht weit genug. Wenn der menschliche Gedanke alle Schätze des Geistes überschaut und alle Herrlichkeiten seines Könnens überprüft, findet er auf dem Grunde jedes ernsthaften Urteils immer noch einen Rest von Problematik. Auf jenem Punkt, wo das Urteil ins Schwanken gerät, kommt das Gefühl des absoluten Ernstes zum Erliegen. An Stelle des alten Wortes ‘Alles ist Eitelkeit’, drängt sich dann vielleicht mit etwas positivem Klang ein Schluß auf: ‘Alles ist Spiel.'”

 

Literaturempfehlungen:

Huizinga, Johan: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel.

Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch.

Rahner, Hugo: Der spielende Mensch.