Leitbild

Es gibt solche Stichworte, die dafür sorgen, dass die Angestellten wie auf Kommando entnervt die Augen verdrehen. Das Stichwort “Wir erstellen ein Leitbild!” gehört sicherlich dazu.

Die Wichtigkeit eines Leitbildes dürfte unbestritten sein. Ein Unternehmen kann sich nicht auf dem Markt behaupten, wenn es kein Profil oder keine wahrnehmbare Identität hat. Das Leitbild formuliert dieses Profil, es ist das “Bild”, das das Unternehmen sich selbst gibt und das die Mitarbeiter in die Zukunft “leiten” soll. Es soll eine Vision vermitteln, die nach innen hin motiviert und nach außen den Kunden verrät, was das Unternehmen eigentlich will und wofür es steht.

Zu Recht wird allerdings oft kritisiert, dass ein Leitbild mit der Realität des Unternehmens nichts zu tun hat und mit Elementen bestückt ist, die einfach nur toll klingen und gar nicht verwirklicht werden können (oder nicht einmal sollen).

Unrealistische Forderungen in einem Leitbild nach dem Motto „Freibier für alle“ oder „Rückenwind für alle Radfahrer“ fallen auch auf das Unternehmen selbst zurück. Ähnlich wie allzu selbstverständliche oder phrasenhafte Formulierungen frei nach dem Motto „Wir sind ehrlich“, „Der Kunde ist König“ oder „Wir wollen effizient arbeiten“.

Das Hauptproblem des Leitbildes besteht zumeist darin, dass es nicht oder zu wenig an die Realität des Unternehmens angebunden ist. Ein Leitbild, das eben in die Zukunft leiten soll, hat zu wenig die Ist-Situation des Unternehmens im Auge. Wenn ich nur nach vorne schaue und das vergesse, wo ich mich gerade aufhalte, dann kommen zwar Sätze heraus, mit denen ich die Welt retten will, aber wirklich lebensfähig sind sie nicht.

 

Unternehmensphilosophie

Der Begriff „Unternehmensphilosophie“ wird oft synonym zum „Leitbild“ verwendet, meint jedoch etwas Anderes, und dieses “Andere” hilft, die üblichen Fallen der Leitbildentwicklung zu umkurven.

Um das deutlich zu machen, ist das Wort „Philosophie“ zentral. Was ist „Philosophie“?

Die Philosophie ist die rational durchdachte Beschreibung einer Wirklichkeit. Entsprechend ist die Unternehmensphilosophie die Beschreibung der Unternehmenskultur, der gelebten Wirklichkeit des Unternehmens. Im Unterschied zum „Leitbild“ beschreibt die Unternehmensphilosophie erst einmal nicht das „Soll“, sondern das „Ist“. Dabei bleibt sie allerdings nicht stehen, sondern sie bemüht sich, aus der Analyse der Ist-Situation heraus eine nach vorne gerichtete Vision zu entwerfen.

Eine gute Philosophie besitzt immer auch einen ethischen Anspruch – sonst kann auch eine akademische Philosophie nicht deutlich machen, dass sie eine praktische Relevanz besitzt. Dies gilt auch für eine gute Unternehmensphilosophie: sie besitzt einen ethischen Anspruch. Sie beschreibt nicht nur die Realität des Unternehmens, sondern beschreibt auch das ethische Handeln des Unternehmens (die Teil der Realität ist).

Eine gute Unternehmensphilosophie ist nicht zu trennen von der Unternehmensethik.

Der Anspruch einer Unternehmensphilosophie ist nicht nur diejenige, die Kultur oder Ethik des Unternehmens zu beschreiben, sondern auch, diese zu verändern – allerdings immer mit Blick auf die Ist-Situation. Die Unternehmensphilosophie bietet eine Orientierung für das Agieren eines Unternehmens und dabei ist sie umso erfolgreicher, je näher sie an der gelebten Realität ist.

Es macht wenig Sinn, ein Leitbild zu entwickeln, das nur und ausschließlich tolle zukünftige Ziele festschreibt, aber die aktuelle Situation nicht im Blick hat.

Die Zukunft fällt nicht vom Himmel, sondern wird aus der Gegenwart entwickelt.

Ein Unternehmen ist ein lebendiges Gebilde. Ich kann bei Veränderungen nicht bei Null anfangen (ich kann das Unternehmen ja nicht komplett auslöschen und dann wieder neu aufbauen). Entsprechend muss auch ein Leitbild, das ja die Zukunft beschreiben will, in der Gegenwart verankert sein. In Veränderungsprozessen geht es immer um die Frage, in welche Richtung das sich bereits Bestehende weiterentwickeln soll, nicht darum, das Bestehende auszulöschen oder auch nur zu mißachten.

Diesen Anspruch kann eher eine „Unternehmensphilosophie“ verkörpern als ein „Leitbild“, das schon aufgrund seines Namens den Akzent zu sehr in die Zukunft verlagert und daher schnell Gefahr läuft, Worthülsen zu produzieren, die mit der Realität nichts zu tun haben.

 

Fazit

Das Scheitern oder vielmehr die Belanglosigkeit vieler Leitbilder ist kein Zufall. Die Ursache liegt meistens in einer mangelnden Verbindung des Leitbildes zur Realität des Unternehmens.

Ein Leitbild kann natürlich die Ist-Situation des Unternehmens beachten und nicht nur in die Zukunft gerichtet sein. Aber der Name „Leitbild“ macht schon einen Schwerpunkt deutlich, der eben in die Zukunft verweist: ein Bild, das einen „leiten“ und damit in die Zukunft führen soll.

Es hat Konsequenzen für den weiteren Prozess, mit was für einer Fragestellung man beginnt. Und das Leitbild fragt nach der Zukunft. Diese Frage ist in Ordnung, wenn sie aus der Gegenwart heraus entwickelt wird und nicht völlig an der Realität des Unternehmens vorbei geht, aber bereits der Begriff “Leitbild” ist immer eine Gefahr dieses Anliegens.

Die Unternehmensphilosophie besitzt schon durch ihren Namen oder ihre grundsätzliche Fragestellung einen anderen Schwerpunkt: sie ist eine Beschreibung der Ist-Situation, wie ja die Philosophie die rationale Beschreibung der Wirklichkeit – also der ganz großen Ist-Situation – darstellt. Diese Wirklichkeit des Unternehmens ist in erster Linie die Unternehmenskultur, also das, was sich faktisch jeden Tag im Unternehmen abspielt: Sitten, Gebräuche, Handlungsmuster, Funktionieren und Nicht-funktionieren von Regeln, Visionen, die Auswirkungen auf die Wirklichkeit des Unternehmens haben usw.

All dies ist Teil der Unternehmenskultur und all dies wird beschrieben in der Unternehmensphilosophie, die sich allerdings nicht mit der Beschreibung der Wirklichkeit begnügt, sondern auch in die Zukunft blickt. Sie entwirft Handlungsmuster und Visionen, die das Unternehmen in die Zukunft tragen sollen und auf solche Handlungsmuster und Visionen, die ja letztlich die Identität und das Profil bestimmen, ist jedes Unternehmen angewiesen, wenn es auf Dauer bestehen will.

Ob man die Arbeit an dieser Identität nun Unternehmensphilosophie, Leitbild oder wie auch immer bezeichnet: wichtig ist die Verbindung dessen, was man als Vision und Ziel beschrieben hat, mit der Realität des Unternehmens. Ansonsten gilt: auf Papier können die tollsten Sachen geschrieben stehen, Papier kann aber auch verdammt geduldig sein.