Vor wenigen Tagen veröffentlichte ein Forscherteam in Hannover eine Studie über sexuelle Gewalt in der evangelischen Kirche in Deutschland. Die Opferzahl wird mit ca. 2200 beziffert, die Täterzahl mit ca. 1200, von denen etwa ein Drittel aus Amtspersonen besteht, also Pfarrern und Vikaren. Diese Zahlen sind höher als bisher offiziell von der evangelischen Kirche vermutet, dürften jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein, da die Materialbasis der Forscher – Akten der Landeskirchen – nur sehr unterschiedlich vollständig ausgehändigt wurden.

Vor dem Hintergrund des in der katholischen Kirche verbreiteten Missbrauchs und der Analyse seiner Ursachen mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass auch die evangelische Kirche ein Ort solcher Dinge gewesen ist. Immerhin ist sie völlig anders aufgestellt als die katholische: die Pfarrer dürfen heiraten, das kirchliche Amt ist auch für Frauen geöffnet usw.

Gerade konservative Kreise auf katholischer Seite verweisen in den letzten Tagen auf die evangelische Missbrauchsthematik: „Schaut, es liegt nicht am Zölibat und an den kirchlichen Strukturen! Die sind bei dort drüben komplett anders und trotzdem haben die auch die gleichen Missbrauchsprobleme!“

Doch Vorsicht, diese Beurteilung ist etwas vorschnell. Denn die Grundproblematik beider Kirchen ist ähnlicher, als beiden oft bewusst ist.


 

 

Das hohe Amt

Als Hauptursache des Missbrauchs in der katholischen Kirche gilt ein übersteigertes Amtsverständnis. Nun gilt mit Blick auf die evangelische Kirche: Man muss man keine prachtvollen Gewänder haben, um das eigene Amt für unantastbar zu halten. Auch in der evangelischen Kirche konnte der Missbrauch in den Gemeinden lange Zeit existieren, weil der Pfarrer gegenüber den normalen Gläubigen überhöht wurde. Wenn der evangelische Pfarrer in seinem schwarzen Talar hoch über der Kirchengemeinde von der Kanzel predigt, dann gewinnt er durch sein Amt eine Stellung, die ihn auch über den Gottesdienst hinaus unangreifbar und erst einmal per se unschuldig macht.

Auch wenn das evangelische Amt kein Weiheamt ist und daher offiziell und theoretisch keine dem katholischen Amt vergleichbare Bedeutung hat: auch die evangelische Kirche ist inhaltlich wie strukturell durch das Amt getragen, gegen das es innerhalb der Kirche kein ausreichendes Gegengewicht gibt.

 

Das Mitspielen aller

Natürlich haben die aus Laien zusammengesetzten Kirchenvorstände in den Gemeinden gegenüber ihrem Pfarrer mehr Macht as in der katholischen Kirche. Aber es greifen die gleichen Mechanismen, die auch bei den katholischen Laiengremien greifen: zum einen besitzt der Pfarrer schon aufgrund seiner liturgischen Funktion im Gottesdienst eine Aura, die dann auch in den Gremien außerhalb der Gottesdienste wirksam ist. Zum anderen dominiert auch in den evangelischen Kirchenvorständen bei möglichen Anschuldigungen gegenüber dem Pfarrer der Reflex, den Ruf der eigenen Gemeinde und der eigenen Kirche zu schützen – auch zu Lasten der Opfer, denen man nicht glauben kann oder glauben will.



 

Struktureller Konservativismus

„Struktureller Konservativismus“ hat nichts mit allgemeinen konservativen Einstellungen tun – auch wenn es da durchaus Überschneidungen gibt – sondern damit, dass der Bewahrung der eigenen Strukturen ein sehr hoher Wert beigemessen wird. Selbst wenn es dabei (Missbrauchs-)Opfer gibt.

Und in diesem Sinne ist auch die evangelische Kirche eine konservative Kirche. Das mag überraschen. Man darf sich jedoch nicht täuschen lassen durch das große soziale und politische Engagement der evangelischen Kirche, das offen und progressiv wirkt. Dieses Engagement ist nicht viel mehr als Folklore und hat mit der eigentlichen kirchlichen Lehre und Struktur nichts zu tun.

Ich brauche kein ausdrückliches Dogma der Unfehlbarkeit, um eigene Strukturen und Ämter als gottgegeben und unveränderlich zu deklarieren.

Wie die katholische Kirche in ihrer heutigen Form ist auch die evangelische Kirche das Produkt der Veränderungen im Glaubensleben der Menschen seit dem Ende des Mittelalters. im 16. Jahrhundert trennte sich die evangelische Kirche von der katholischen Kirche. Man hatte den furchtbaren moralischen Zustand der katholischen Kirche satt und gründete eine Alternative, die stärker auf den Glauben des einzelnen und auf ein ethisches Leben ausgerichtet war. Damit war das evangelische Christentum in seiner Lehre und in seiner inhaltlichen Ausrichtung nicht freier und progressiver als die katholische Alternative. Weder konnte dort eine Theologie entstehen, die sich inhaltlich wirklich weiterentwickelte, noch wurden der wissenschaftliche Fortschritt und die neue Moderne dort mit offenen Armen empfangen. Man muss sich klarmachen, dass die Entstehung der evangelischen Kirche im 16. Jahrhundert kein Aufbruch in etwas Neues sein sollte, sondern eine „Rück-Führung“ („Re-Formation“) zu den alten Fundamenten und der alten Glaubenslehre.

Dieser „strukturelle Konservatismus“ führt dazu, mögliche Gefahren wie den Missbrauch zu negieren und unter den Tisch fallen zu lassen.


Vergleich Evangelisch-Katholisch

Die Missbrauchszahlen beider Kirchen sind nicht miteinander vergleichbar, da auf beiden Seiten bislang überhaupt keine realistischen Zahlen vorliegen und beide Seiten bisher nur einen Bruchteil der geschehenen Fälle untersucht haben.

Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Fallzahlen im evangelischen Bereich niedriger sind als bei den Katholiken. Hier spielt auf der katholischen Seite das noch engere und zugleich höher angelegte Amtsverständnis sowie die effektiveren zentralen Strukturen – die eben auch effektiver Täter decken und verstecken können – eine wichtige Rolle.

Die Mechanismen, die den Missbrauch gefördert und in größerem Ausmaß hervorgebracht haben, sind auf beiden Seiten die gleichen und damit ein ökumenisches Phänomen: eine zu starke Fixierung des kirchlichen Lebens auf das Amt, eine allgemeine verkehrte Sorge um das Ansehen der Kirche sowie ein Festhalten an ungesunden und falsch austarierten Machtstrukturen haben diese Krise verursacht.

Eine Krise, die viele Opfer und viele kaputte Leben bedeutet.

Nun ist die Missbrauchsthematik bereits seit vielen Jahrzehnten in beiden Kirchen vorhanden und auch bei Bischöfen beider Seiten präsent. Bislang ist nur wenig passiert, effektiv an die Wurzeln dieser Problematik zu gehen.

Mit Blick auf den Verlauf der letzten Jahrzehnte ist folgende Entwicklung zu befürchten:

  • Die evangelische Seite wird sagen: „Wir müssen nichts ändern, weil es bei uns ist es nicht so schlimm ist wie auf katholischer Seite!“
  • Die katholische Seite wird sagen: „Wir müssen nichts ändern, weil auch die evangelische Seite das gleiche Problem hat und die sind ja ganz anders aufgestellt als wir!“

Im Sinne der vielen Opfer ist zu wünschen, das dem nicht so sein wird. Wirklich optimistisch bin ich nicht.