Der Eichmann-Prozess

Im Mai 1960 wurde Adolf Eichmann vom israelischen Geheimdienst Mossad in Argentinien entführt und nach Israel gebracht, damit ihm dort der Prozess gemacht wird. Als Leiter des sog. „Judenreferats“ hatte er im Dritten Reich eine zentrale Stellung bei der Deportation und Vernichtung der Juden im II. Weltkrieg. Zum ersten Mal seit den Nürnberger Prozessen bestand nun die Hoffnung, einen der Hauptverantwortlichen des Holocaust vor Gericht zu stellen. Entsprechend große Bedeutung wurde diesem Prozess zugesprochen, der Ende 1961 mit dem Todesurteil endete, das dann am 1. Juni 1962 vollstreckt wurde.

Eine Beobachterin dieses Prozesses war Hannah Arendt (1906-1975), eine deutsch-amerikanische Philosophin und Publizistin. Als Jüdin interessierte sie die Frage, was Eichmann für ein Mensch gewesen sei, dass er Millionen Menschen in den Tod habe schicken können.

Adolf Eichmann (Quelle: www.wikipedia.org)

Hannah Arendt hat sich in verschiedenen Publikationen über diesen Prozess und über Eichmann geäußert, am berühmtesten ist sicherlich ihre Kennzeichnung des Handelns Eichmanns als „Banalität des Bösen“ in “Eichmann in Jerusalem“, die sehr scharf als Verharmlosung kritisiert wurde. Arendt bezog sich dabei jedoch auf die merkwürdige Haltung Eichmanns, der steif und spröde seine Befehle durchführte und – so Furchtbares er auch anrichtete – als Mensch sehr banal war.

Besonders die Sprache Eichmanns interessierte Arendt: diese Sprache war sehr umständlich und bürokratisch, irgendwie leblos. Was steckte dahinter? Die Unfähigkeit zu denken:

„Seine Unfähigkeit, sich auszudrücken, war aufs engste mit einer Unfähigkeit zu denken verknüpft. Das heißt hier, er war nicht imstande, vom Gesichtspunkt eines anderen Menschen aus sich irgend etwas vorzustellen. Verständigung mit Eichmann war unmöglich, nicht weil er log, sondern weil ihn der denkbar zuverlässigste Schutzwall gegen die Worte und gegen die Gegenwart anderer, und daher die Wirklichkeit selbst umgab: absoluter Mangel an Vorstellungskraft.“

Was Arendt bei Eichmann bemerkte: dieser Mann war unfähig zu denken. Seine Unmoralität beruhte nicht auf Dummheit oder mangelnder Intelligenz oder zu wenig Bildung, sie beruhte auf der Unfähigkeit, zu denken.

 

Denken

Was meinte Arendt hier mit „Denken“?

Darunter verstand sie nicht das rein logische Denken, sondern Denken als Wahrnehmen der Realität und Abwägen der verschiedenen Faktoren. Was vor allem heißt – und hier wird der Mensch zu einem moralischen Wesen: sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können, anstelle des anderen denken zu können.

Denken als notwendige Bedingung des Urteilsvermögens.

Was verraten uns diese Gedanken von Hannah Arendt über Eichmann hinaus? Eichmann war sicherlich ein Mensch, der in einem derartigen Ausmaß unmoralisch war, dass Gottseidank nicht alltäglich ist.

Trotzdem können uns diese Gedanken Arendts über Eichmann vieles über Moralität verraten. Oft ist es ja so, dass an den Extremen Dinge deutlicher zu sehen sind, die auch anderswo auftauchen.

 

Denken und Moral

Normalerweise hat moralisches Handeln für uns nicht viel mit Rationalität und Denken zu tun. Wir lernen bereits als Kinder, was gut ist und was schlecht, wir bilden im Laufe der Jahre einen eigenen Wertekanon aus, an dem wir uns orientieren und mit dem wir unsere Umwelt moralisch einordnen.

So einfach ist es eben doch nicht, und darauf macht Hannah Arendt aufmerksam.

Hannah Arendt (Quelle: www.fr.de)

Moral setzt immer Denken voraus. Moral ist kein Auswendiglernen und Befolgen von Gesetzen, sondern das denkende Beurteilen einer Situation, das Hineinversetzen in einen anderen Menschen und darauf aufbauend: moralisches Handeln.

Wenn es nicht so ist, dass ohne Nachdenken stur nach den Buchstaben des Gesetzes gehandelt wird oder stur nach dem, was man an moralischen Vorstellungen eben im Kopf hat, dann wird man zur Maschine.

Einer wie Eichmann fühlte sich auch im Recht, sein Handeln entsprach dem Wertekanon, den er hatte. Aber er konnte diesen Wertekanon nicht mit der Wirklichkeit abgleichen. Dann wurde eben die Wirklichkeit brutal auf seinen Wertekanon hin umgebaut – mit den Konsequenzen, die wir kennen.

Natürlich besteht bei einem normalen Menschen nicht die Gefahr, zu einem zweiten Eichmann zu werden, aber die Gefahr ist groß, Moral als etwas Technisch-Maschinelles zu sehen.

 

Denken und Compliance

Hieraus ergibt sich durchaus eine Anfrage an das Compliance-Management, wie es in vielen Unternehmen auf der ganzen Welt betrieben wird. Compliance sichert dem Unternehmen eine gewisse Grundmoralität, indem das moralische Handeln des Unternehmens durch Juristen ständig auf seine Legalität hin kontrolliert wird.

Soweit, so gut.

Nun besteht moralisches Handeln nicht nur auf der Erfüllung der Gesetze und ist nicht nur eine juristische Frage, sondern geht weiter. Und auf dieses „Weiter“ weist Hannah Arendt hin: moralisches Handeln muss immer neu durchdacht werden. Die aktuelle Situation muss immer neu gesehen und beurteilt werden. Moralische Urteile müssen immer neu errungen werden.

Moral ist kein technisches Verfahren, sondern beruht auf dem, was den Menschen zum Menschen macht: dem Denken.

 

Literaturempfehlungen:

Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.

Arendt, Hannah: Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik.

Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Das Denken, Das Wollen.