In der letzten Woche war ich in einer Stadt, die zu meinen absoluten Lieblingsstädten zählt und die völlig zu Recht beanspruchen kann, etwas wirklich Einmaliges zu sein: Neapel.

Neapel ist eine Stadt, die einen nicht kalt lassen kann: entweder man liebt sie oder man hasst sie. Entweder ist sie das Herz Italiens, in dem Lebensfreude, Kunst und Fröhlichkeit die Herzen der Menschen regieren … oder der elende Moloch, der an Chaos, Korruption und Kriminalität erstickt.

Ich war mehrere Jahre nicht mehr in Neapel gewesen. Als ich die Stadt nun wieder betrat, dachte ich: Irgendwie hat sich hier nichts geändert. Und zugleich alles.

 

Neapel als VUCA

Überall auf der Welt ist die Rede von großen Veränderungen, Digitalisierung, Industrialisierung 4.0, VUCA. Nur in Neapel nicht. Neapel spricht nicht von VUCA. Neapel ist VUCA. Schon immer gewesen.

Was genau ist VUCA?

VUCA steht für Volatility (Unbeständigkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit). Mit diesen Stichworten wird das moderne wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben beschrieben. Die Sicherheiten und Beständigkeiten, die es früher gab, sind verschwunden. Stattdessen prasseln immer mehr Neuerungen in immer schnelleren Abständen ein. Entsprechend groß ist die Unsicherheit.

Dass Neapel VUCA ist, spürt man nicht nur, wenn man dort auf den Bus wartet und angesichts der Fahrpläne und des Straßenverkehrs sehr intensiv mit Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit konfrontiert wird.

Das VUCA-hafte Neapels spürt man jedoch nicht nur im öffentlichen Nahverkehr. Man spürt es bereits in der Architektur der Altstadt. Es gibt keine klaren Strukturen: reich wohnt neben arm, große Paläste wechseln mit baufälligen Hütten, Läden und Wohnungen gehen ineinander über, antike Tempel wurden zu Wohnungen und bleiben doch erkennbar. Die großen Kirchen, sonst oft Orientierungspunkte, sind oft schwer zu entdecken, weil sie in die Häuserblocks integriert sind. Alles geht irgendwie ineinander über, nichts ist klar getrennt, alles durchdringt sich. Nicht einmal der Himmel wird von diesem Gewusel verschont: blickt man nach oben, sieht man Wäscheleinen.

Neapel ist die Stadt des Chaotischen, des sich ständig Verändernden, der dauerhaften Improvisation. Dass es sich nicht lohnt, sich auf Dauer einzurichten, daran erinnern die zahlreichen Skelette in den Gewölben unter der Stadt genauso wie der benachbarte Vesuv, der auf eine Gelegenheit zu lauern scheint, alles zu verschlingen.

Neapel ist VUCA und das Leben in dieser Stadt verrät viel darüber, wie man sich mit Verhältnissen einrichten kann, die in einem ständigen Fluss sind, die sich immer verändern und keine Ruhe oder Sicherheit zulassen. Autoren wie Walter Benjamin oder Theodor Adorno haben in Neapel eine Stadt erkannt, die in besonderer Weise für die Moderne steht und der Grund dafür ist das, was wir als VUCA bezeichnen: das sich ständig Verändernde, das Unsichere, das Komplexe, das Mehrdeutige.

 

Von Neapel lernen

Unter dem Kürzel „VUCA“ werden die Schwierigkeiten auf den Punkt gebracht, vor denen viele Unternehmen heute stehen: wie sich verhalten in einer Zeit, die immer schnelllebiger und chaotischer wird, in der das, was gestern zu funktionieren schien, sich auflöst? Das Thema “VUCA” ist in Deutschland präsenter als in den meisten anderen Ländern – was sicherlich mit einem sehr deutlichen Sicherheitsbedürfnis zusammenhängt, das in Deutschland präsenter ist als anderswo. Umso mehr ist es sinnvoll, einen Blick in andere Länder und andere Mentalitäten zu werfen und hier bietet sich Neapel als Hauptstadt des VUCA einfach an.

Nun ist die Wirtschaft Neapels nicht unbedingt erfolgreicher als die in anderen Teilen Europas. Trotzdem stecken in der Mentalität dieser Stadt Elemente, die in Zeiten von VUCA wichtig werden. Nicht jeder Neapolitaner ist ein genialer Unternehmer, aber eine jahrhundertealte Routine der Neapolitaner mit VUCA kann sehr wichtige und sehr gute Hinweise geben.

Was braucht es, um in Neapel und in der modernen Wirtschaft gleichermaßen überleben zu können?

  • Improvisation: Die hervorstechendste Eigenschaft der Neapolitaner ist die Improvisation. Diese ist die Kunst, sich nicht zu sehr auf irgendetwas zu verlassen, weil immer alles anders laufen kann als geplant. Improvisation ist nicht der Verzicht auf Planung, sondern die Fähigkeit, die Planung ständig zu überprüfen und im Bedarfsfall zu ändern. Improvisation ist zugleich die Offenheit, sich immer nach neuen Möglichkeiten umzusehen und eine solche im Bedarfsfall zu ergreifen.
  • Erfahrung: Die Improvisation hat viel mit Erfahrung zu tun. Erfahrungen müssen gemacht und entsprechend verarbeitet werden, um im Bedarfsfall nutzbar gemacht werden zu können. Wenn etwas nicht funktioniert wie vorgesehen, greift die Erfahrung, die einem sagt, was zu tun und was zu lassen ist.
  • Außendarstellung: Theater und Oper sind zentraler Bestandteil der Kultur in Neapel. Jeder, der einen Neapolitaner kennt, weiß: ein Neapolitaner ist ein geborener Theaterschauspieler. Dahinter steckt nicht ein plumpe Aufgeblasenheit oder ein gewisses Showtalent, diese Mentalität geht tiefer. Dahinter steckt das instinktive Wissen, dass dann, wenn alles im Fluss zu sein scheint und sich alles irgendwie verändert, die Marke, das „Profil“ eine sehr wichtige Rolle spielen kann, weil hier eine wichtige Grundlage für Selbstsicherheit und Identität stecken kann. Entsprechend wichtig sind in VUCA-Zeiten die Außendarstellung der Unternehmen: ihr Profil, ihre Identität, ihre Kommunikation. Wenn sich alles ändert, wird der Kern immer wichtiger. Und der muss kommuniziert werden.
  • Ziel nicht aus den Augen verlieren: Die Neapolitaner sind ein ausgesprochen pragmatisches Volk. Sie sind sehr klar orientiert am eigenen Wohlergehen und am Wohlergehen ihrer Familie. Alles andere kommt hintendran. Dieses klare Ziel hilft ihnen, das einzuordnen, was jeden Tag als Chaos auf sie einprasselt. Eine solche Zielorientierung braucht auch ein Unternehmen, das in Zeiten von VUCA bestehen will.
  • Menschlichkeit: Was in Neapel immer wieder verblüfft, ist die Menschlichkeit. Man lässt gerne alle Fünfe gerade sein, wenn es eben passt. Der Mensch ist es, auf den es ankommt. Es geht nicht um Gesetze, die auf dem Papier geschrieben stehen, es geht nicht um abstrakte Strukturen und Märkte, letztlich geht es immer um den Menschen. Dies mag in Neapel auch zu Handlungen führen, die Chaos verursachen oder sogar illegal sind, dennoch ist es wichtig, sich auch als Unternehmen das Wissen darum immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass es eigentlich immer um Menschen geht: um die Menschen, die ein Unternehmen arbeiten, die Menschen, die ein Unternehmen leiten, die Menschen, die das Produkt kaufen sollen.

 

Fazit

Es mag etwas abenteuerlich klingen, die Mentalität einer Stadt auf die Wirtschaft oder auf Unternehmen zu übertragen. Dennoch kann es sehr hilfreich sein, sich die Mechanismen genau anzuschauen, die sich im Laufe von Jahrhunderten herausgebildet haben und die die Menschen in Umständen zu überleben gelehrt haben, vor denen auch die moderne Wirtschaft steht: Wie gehe ich mit Schnelllebigkeit und ständiger Veränderung um? Wie kann ich meine Identität bewahren und gut leben, auch wenn alles im Umbruch ist?

Goethe lebte für mehrere Monate in Neapel. Er schrieb:

“Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreichste Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.”

Diese Fähigkeit muss ja nicht wirtschaftsfeindlich sein.

 

Literaturempfehlungen:

Fellmann, Benjamin: Durchdringung und Porosität. Walter Benjamins Neapel.

Mittelmeier, Martin: Adorno in Neapel. Wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt.