In wenigen Tagen sind es drei Monate, somit ein sattes Vierteljahr, das ich nun in den Niederlanden lebe. Nach meinen Aufenthalten in Italien und in Bayern ist es mein dritter Auslandsaufenthalt. Im Ausland zu leben, war für mich immer eine sehr spannende, interessante Zeit. Man lernt nicht nur eine fremde Kultur richtig kennen, sondern auch die eigene. Man lernt, dass Dinge, mit denen man selbstverständlich groß wird, nicht so selbstverständlich sind und alles eigentlich auch ganz anders sein kann.

Ich werde in meinen Blogs in unregelmäßigen Abständen über mein holländisches Leben berichten. Dies tue ich auch in Zusammenarbeit mit dem „Bilingual Solutions Institute“, das Lernprogramme für Expats anbietet. Diese Programme lehren das, was ich in den Niederlanden Tag für Tag mache: zu lernen, sich zwischen den Kulturen zu bewegen.

 

Der Anfang

Was steht am Anfang meines Aufenthaltes in den Niederlanden?

Erst einmal die Entscheidung, sich dort aufzuhalten. Wie kam die zustande? Durch die Stelle meiner Frau an der Erasmus-Universität in Rotterdam und durch die Tatsache, dass das Pendeln von beiden Eltern nicht immer einfach ist, wenn der einjährige Sohn noch nicht in der Lage ist, sich selbst Mahlzeiten zuzubereiten und die Wäsche zu machen.

Ich kannte vorher von den Niederlanden das, was jeder Ruhrgebietler kennt: Windmühlen, Tulpen, die Strände von Ameland, Frikandel spezial mit Pommes und furchtbare Autofahrer, die – mit einem Wohnwagen hintendran – die schönen deutschen Straßen terrorisieren.

Wie es das Schicksal wollte, ergab sich die Möglichkeit, im letzten Jahr hin und wieder ein Haus in Den Haag zu bewohnen, das einem Bekannten gehört, der sich normalerweise im fernen Ausland aufhält. Für meine Frau die Chance, in der Nähe der Universität in Rotterdam übernachten zu können, für mich die Chance, Homeoffice in Strandnähe betreiben zu können und die großen Städte der Niederlande und damit das Land selbst neu kennenzulernen.

 

Was mir an den Niederlanden sofort gut gefiel, waren jetzt weniger die einheimische Küche oder das Wetter (auch nicht besser als im Ruhrgebiet), sondern die sehr pragmatische und flexible Mentalität der Niederländer –auch wenn man diese Flexibilität hin und wieder verflucht, wenn eine Sitzung meiner Frau an der Universität zwei Tage vorher verschoben wird und man selbst für diesen Zeitraum schon Berlin gebucht hat.

Ich weiß nicht mehr, was konkret den Ausschlag für den Umzug in die Niederlande gab (wahrscheinlich ein Stau auf der Strecke Den Haag – Dortmund), auf einmal war er da, der Entschluss: es wäre alles einfacher, wenn wir nach Rotterdam ziehen! Also, nicht alles, aber vieles.

 

Wir brauchen ein Haus oder eine Wohnung.

Mieten oder Kaufen?

Nun muss man wissen, dass Mieten in den Niederlanden eher unüblich und oft sehr teuer ist. Wenn es irgendwie finanzierbar ist, wird gekauft – zumal man die Häuser leichter weiterverkaufen kann, wenn es wieder weitergeht. Bürokratie und Banken sind da etwas eher drauf eingestellt als in Deutschland.

Nun ist das Thema Wohnungsnot auch in den Niederlanden ein Begriff – erst recht bei den großen Drei: Amsterdam, Den Haag, Rotterdam. Was die Wohnungssuche nicht immer einfach macht, erst recht nicht, wenn eine benachbarte, große Insel sich überlegt, aus der Europäischen Union auszusteigen und viele Bewohner dieser Insel deshalb auf das Festland ziehen wollen – gerade in die Niederlande, die sprachlich recht fit und in der Mentalität sehr ähnlich sind.

 

Dies hieß in den nächsten Monaten: www.funda.nl, der holländische „Immobilienscout“, wurde mein treuer Begleiter. Nach dem Online-Besuch mehrerer Hundert Häuser kann man behaupten, den niederländischen Wohngeschmack zu kennen und hier fielen mehrere Dinge auf:

  • Keine Keller. Wenn man sechs Meter unter dem Meeresspiegel wohnt, wird das mit dem Grundwasser eine teure Geschichte.
  • Eine in deutschen Augen oft mutige Auswahl bunter Farbtapeten.
  • Die Vermeidung natürlich gewachsener Grünflächen im eigenen Garten durch konsequentes Pflastern. Pflanzen gehören in Gewächshäuser und sind zum Geldverdienen bestimmt, aber nicht für den eigenen Garten.
  • Ein Waschbecken im Gäste-WC ist keine Selbstverständlichkeit.
  • Die Hochhäuser in Rotterdam zählen zu den architektonisch spannendsten und abwechslungsreichsten der Welt, alle anderen Häuser in den Niederlanden hat ein Architekt mit einem Bauplan entworfen.

Da der holländische Wohnungsmarkt überhitzt ist, muss man schnell und aktiv sein. Hilfreich war die Inanspruchnahme eines Kaufmaklers, der einschätzen konnte, welches Haus in welcher Gegend ok ist und welche Preise realistisch sind.

Folgendes Schauspiel lief dann wiederholt ab: Onlinesuche, nicht zu lange Debatten, ob das Haus ok ist, dann schnelle Terminvereinbarung, Besuch des Hauses mit Scharen anderer Interessenten, schnelle Gebotsabgabe, paar Tagen warten, Absage, neue Haussuche.

Das Haus!

Mit einer Mischung aus Glück und Können ging es dann auf einmal sehr schnell: ein Gebot für ein Haus, das sich meine Frau angesehen hatte, saß! Wir waren stolze Besitzer eines Hauses in Rotterdam. Nach Klärung der finanziellen Modalitäten durfte ich ein paar Wochen später einen Vertrag für ein Haus unterschreiben, das ich erst eine halbe Stunde vorher für einige Minuten gesehen hatte. Das nennt man Vertrauen in das Urteilsvermögen der Ehefrau!

Diese Vertragsunterschrift wird mir aber nicht nur ein Leben lang in Erinnerung bleiben, weil ich zum ersten Mal ein Haus kaufte, sondern auch durch die Äußerung des Notars, die das Zeug hat, zum Wahlspruch einer bestimmten Ruhrgebietsstadt zu werden:

„Ach, Sie sind gebürtig aus Oberhausen? Schön! Da fängt für uns Holländer immer der Urlaub an!“

Wenn ich jetzt von den Niederlanden hin und wieder Richtung Ruhrgebiet fahre und das Ortsschild von Oberhausen sehe: ich muss zwar immer an diesen Spruch denken … das mit der Urlaubsstimmung kriege ich aber noch nicht hin.