Vor einigen Tagen verstarb Jürgen Habermas im hohen Alter von 96 Jahren. Er gilt als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts – als kritischer Beobachter der Gesellschaft, der das politische Denken und die geistige Grundlage der Bundesrepublik Deutschland wesentlich beeinflusst hat.

Entsprechend groß ist die öffentliche Anteilnahme über seinen Tod. In diesem breiten und weiten öffentlichen Bedauern schwingt die Ahnung mit, dass uns mit diesem Jürgen Habermas eine Art Philosoph verlassen hat, die es so eigentlich nicht mehr gibt.

Wenn man an die großen Philosophen des 20. Jahrhunderts zurückdenkt, dann denkt man an Leute wie Edmund Husserl, Martin Heidegger oder Jean-Paul Sartre, um nur einige zu nennen. Wie Habermas verkörperten sie alle eine sehr breite und tiefe philosophische Bildung, die ihren Äußerungen eine Art von Größe, vielleicht sogar Monumentalität gab, die man bei den aktuellen Philosophinnen und Philosophen oft vergeblich sucht. Solche „Typen“ gibt es heute nicht mehr. Jürgen Habermas mit seinen 96 Jahren scheint der letzte einer nun ausgestorbenen Art zu sein.

 

Woran liegt das?

Hier gibt es eine Vielzahl an Gründen. Es sind auf der einen Seite Veränderungen im Familien-, Sozial- und Medienverhalten. Die Welt vor 100 Jahren war eine andere und sie hat in vielerlei Hinsicht das konzentrierte Arbeiten der (männlichen) akademischen Elite gefördert oder zumindest erleichtert.

Oder, um es auf den Punkt zu bringen: wo heute Netflix läuft oder man im Internet herumdaddelt, las früher der Herr Professor seinen Homer auf Griechisch vor dem Kaminfeuer.

Auch könnte die Erfahrungswelt dieser Menschen damals eine gewisse Rolle spielen. Männer wie Habermas haben den Krieg erlebt. Vielleicht ergibt sich daraus ein etwas größere Motivation, eine größere Wucht für das eigene große Thema als heute, wo man bei vielen Philosophen nur das Gefühl hat, vor mehr oder weniger schön klingenden Wortspielereien zu stehen.

Aber abgesehen von gewissen sozialen Bedingungen, deren Verschwinden ja auch durchaus seine Berechtigung hat – man denke etwa an die Stellung der (Haus-)Frau – und abgesehen von anderen biographischen Erfahrungen, die jene Generation hatte und um die man diese Menschen nicht beneiden kann, gibt es noch ein anderes bedeutendes Feld, das uns heute in der Tat zu denken geben sollte: die Wissenschaft selbst.

 

Das Arbeiten in der Wissenschaft

Die Arbeit der früheren (Philosophie-)Professoren entsprach zwar nicht allem, aber doch weitgehend den geläufigen Annahmen, die man über das Leben eines Professors hat: Bücher lesen und Bücher schreiben. Klar, es gab auch Konferenzen, Sitzungen und ähnliche Termine, aber das fand im Vergleich zu heute in einer eher übersichtlichen Größenordnung statt.

Heute ticken die Uhren da etwas anders.

Für eine wissenschaftliche Karriere sind heute im Wesentlichen zwei Kriterien entscheidend, die durchaus sinnbildend für die Problematik sind: die Anzahl der Veröffentlichungen und die Höhe der eingeworbenen Drittmittel.

Bei den Veröffentlichungen geht es darum, möglichst viele Artikel in „Top Journals“ zu platzieren. Aus der Tatsache, dass Artikel nur eine begrenzte Größe haben und es auf die Anzahl der Artikel ankommt, ergibt sich logischerweise die Tatsache, dass der Inhalt der Artikel eher kleinteilig ist. Dies hat auch den Vorteil, sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen zu müssen, da man dann sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten mit den Gutachtern bekommt. Jeder Artikel wird von mehreren Gutachtern in einem sog. „Peer-Revieuw-Verfahren“ durchleuchtet. Wenn man beispielsweise ein innovatives Thema nimmt, ist die Chance recht groß, dass einer oder mehrere Gutachter sagen: Nö, ist zu spekulativ! Wie wir das überall hören, wo es um Innovation geht.

Dies führt dazu, möglichst „sichere“ und kleinteilige Artikel einzureichen. Beliebt sind dann zum Beispiel Gegenartikel zu anderen Artikeln, in denen man in dem anderen Artikel wortgewaltig einzelne Fehler nachweist. Absolut solide, aber eben nicht wirklich innovativ und die Fachdisziplin inhaltlich auch nicht immer weiterbringend.

Ähnlich verhält es sich bei der Drittmittelbeschaffung. Ein wesentlicher Teil der heutigen Forschung ist über Drittmittel finanziert, zumeist über Forschungsstiftungen wie etwa die DFG. Man stellt einen Antrag an diese Forschungsstiftung, bittet für ein Thema um eine entsprechende Finanzierung von Mitarbeiterstellen o.ä. Die Erstellung eines solchen Antrags kostet viele Monate Arbeit. Ganz abgesehen davon, dass unglaublich viel Arbeitszeit schon deshalb vergeudet wird, weil nur 10-20% der Anträge bewilligt werden, liegt hier eine ähnliche Problematik vor wie auch bei den Artikeln: Innovation geht selten gut, besser kleinteilige, sichere Themen. Weil auch hier die Gefahr groß ist, dass einige Gutachter oder Kommissionen das Ganze für zu spekulativ halten.

 

Die Folge dieser Struktur des Wissenschaftsbetriebs ist, dass alle zu wenig Zeit haben, weil sie entweder Anträge schreiben oder welche begutachten und gleichzeitig zu wenig Innovatives und Längerfristiges durchkommt. Natürlich kann man nicht alle Wissenschaftler über einen Kamm scheren. Natürlich gibt es auch heute Grundlagenforschung, natürlich gibt es auch heute gute Wissenschaftler und gute Wissenschaft. Aber die Bedingungen sind eben schwierig und wenig förderlich.

 

Peter Higgs (1929-2024), Quelle: wikimedia.

Vor einigen Jahren (2012), äußerte sich der Physik-Nobelpreisträger Peter Higgs, Entdecker des „Higgs-Mechanismus“, zum heutigen Wissenschaftsbetrieb. Er, der einer der bedeutendsten Wissenschaftler des letzten Jahrhunderts war, stellte fest, dass er in der heutigen Wissenschaftslandschaft seine bahnbrechenden theoretischen Arbeiten wahrscheinlich nicht hätte leisten können.

Das Grundproblem, so Higgs, bestehe darin, dass er nicht die „nötige Ruhe und den Frieden“ gefunden hätte, um seine Theorie zu entwickeln. Indem die heutige Wissenschaft auf Produktivität setzt und immer schneller immer mehr Output wünscht, lässt sie keine Chance, etwas wirklich Neues in der angemessenen Zeit zu entwickeln.

Man denke daran, dass der wohl größte Philosoph der Moderne, Immanuel Kant, vor seiner epochalen „Kritik der reinen Vernunft“ jahrelang nichts veröffentlicht hat. Hätte Kant eine Chance im heutigen Wissenschaftsbetrieb?

Die Fokussierung auf Nutzen und Produktivität verhindert eine tiefere Auseinandersetzung. Dies ist das Problem der heutigen Wissenschaft, aber es ist nicht auf die Wissenschaft begrenzt. Oder anders gesagt: Wissenschaft passiert nicht in einem luftleeren Raum und was in der Gesellschaft gedacht und gelebt wird, bildet sich auch ab in dem, was an der Universität passiert – oder auch nicht passiert. Und hier kommen wir wieder zu Habermas.

 

Habermas und die Zerstörung der Gesellschaft

Jürgen Habermas hat in seinen jüngeren Jahren in seiner „Diskursethik“ mit einem gewissen Optimismus von der Gesellschaft gesprochen, davon, dass die verschiedenen Strömungen und Ebenen der Ort eines „Gesprächs“ sind und sich die Gesellschaft in diesem gemeinsamen Gespräch weiterentwickelt.

Jürgen Habermas, Quelle: wikimedia.

In seinen letzten Lebensjahren musste Habermas enttäuscht feststellen, dass dieses „Gespräch“ nicht mehr funktioniert (vgl. auch den Blog „Wie vernünftig ist unsere Welt?). Es hat sich aufgelöst in der Schnelllebigkeit der digitalen Welt und in den rauschenden und tösenden Filterblasen der social-media-Plattformen. Die Schnelllebigkeit verschlingt alles.

Habermas entstammt einer Zeit, die in vielem anders war als unsere Zeit heute. Sie war nicht besser, sie war in vielem sogar schlechter als unsere Welt heute. Aber sie hatte etwas, was uns heute guttun würde: Langsamkeit.

Die gesellschaftlichen Debatten gehen nicht in die Tiefe, sie bleiben oberflächlich. Die schnellste Schlagzeile zählt und sie ist nur die Sekunden bis zur nächsten Schlagzeile gültig. Zeit, diese Schlagzeilen miteinander in Beziehung zu setzen und einzuordnen, bleibt nicht. Dies ist sogar im Interesse gewisser Leute, die schon deshalb im Sekundentakt neue Schlagzeilen produzieren, um eine (für sie gefährliche) Einordnung unmöglich zu machen. Steve Bannon mit seinem „flood the zone with shit“ lässt herzlich grüßen.

 

Habermas nahm diese Entwicklung mit einer etwas ratlosen Enttäuschung zur Kenntnis. Eine Lösung hatte er nicht. Eine einfache Lösung gibt es auch nicht. Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaften kommunizieren, ist durch die sozialen Netzwerke geprägt und diese funktionieren nach Mechanismen, die dem gesellschaftlichen Gespräch als solchen und damit auch der Demokratie nicht förderlich sind.

Hinter der Tatsache, warum es heute einen gewissen Typen Philosoph wie Habermas nicht mehr gibt, verbirgt sich eine gesellschaftliche Aufgabe: wie können wir als Gesellschaft mit den medialen Bedingungen, die wir heute gewollt oder ungewollt nunmal haben, zu einem gesellschaftlichen Gespräch kommen? Wie können wir als Gesellschaft das einordnen, was in unserer Gesellschaft und außerhalb unserer Gesellschaft passiert? Wie können wir als Gesellschaft zu einer gewissen Ruhe und Entschleunigung finden, um die Dinge mit etwas mehr Tiefgang zu betrachten? Von der Antwort auf diese Fragen hängen Stabilität und Festigkeit unserer Gesellschaften ab. Und damit auch unsere demokratische Zukunft.

Habermas selbst sah eine wichtige Ursache in der „ökonomischen Rationalisierung“ der Gesellschaft: der Dominanz von Produktität und Nutzen. Vielleicht wäre hier ein Ansatz.