In uralten Erzählungen steckt oft eine tiefe Weisheit, die auch uns modernen Menschen heute viel bieten kann. Eine dieser großen, zeitlosen Erzählungen ist der griechische Mythos von Prometheus.
Worum geht es bei diesem Mythos?

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Prometheus war ein Titan, ein Halbgott. Die Menschen sind gerade erst von den Göttern geschaffen worden. Sie sind noch schwach, weil sie noch ungebildet und dumm sind. Prometheus will ihnen helfen und schenkt ihnen gegen den Willen der Götter das Wichtigste und Mächtigste, das man den Menschen geben kann: das Feuer.
Die Götter bestrafen Prometheus dafür grausam, indem sie ihn an einen Felsen ketten. Jeden Tag kommt ein Adler und frisst ein Stück seiner Leber, die sich allerdings jeden Tag nachbildet, da Prometheus unsterblich ist.

Die Menschen haben jedoch das Feuer erhalten und mit diesem Feuer eine ungeheuer große Macht errungen. Die Götter müssen dies akzeptieren und beschließen nun, den Menschen auch das zu geben, was sie brauchen, damit sie diese Macht sinnvoll einsetzen: „Scham“ und „Recht“.



Von diesem Mythos gibt es viele verschiedene Versionen mit vielen verschiedenen Einzelheiten. Die älteste, die uns heute bekannt ist, stammt von Hesiod (8. Jh. v. Chr.), die literarisch hochwertigsten Versionen sind sicherlich zwei Tragödien von Aischylos. Platon (Prot 321de) hat eine weitere Version überliefert und er erzählt auch von diesem überaus spannenden Geschenk der Götter: Scham und Recht.

Für Platon war klar, dass Macht eingehegt werden muss. Macht ist verführerisch: wer sie hat, ist oft auch versucht, die Macht zu missbrauchen. Dagegen, so Platon, haben die Götter den Menschen zwei Dinge gegeben: Scham und Recht.

1.) Scham

Das Wort „Scham“ wird heutzutage meist benutzt, um ein Gefühl zu benennen, das man hat, wenn man gegen eine bestehende moralische Regel verstößt. Wenn Platon auf dieses Gefühl hinweist, dann geht es um die innere Einhegung der Macht: um die Haltung, die jemand haben muss, der Macht hat. Diese Haltung nennt Platon „Scham“, gemeint ist eine Selbstdisziplin, die Macht nicht missbräuchlich einzusetzen und eben nichts zu tun, wofür man sich schämen müsste.
Die größte Gefahr, die in der Macht liegt – so die Autoren seit jeher –, ist die Verlockung, vermeintlich alles tun zu können, was man will und die Macht völlig hemmungslos einzusetzen. Natürlich sind heutige Führungskräfte im Allgemeinen einigermaßen eingezäunt: ihre Macht hat Grenzen. Trotzdem bieten sich innerhalb dieser Grenzen sehr große Spielräume. Die Frage ist: wie geht man mit ihnen um. Die Götter, von denen Platon erzählt, setzen diese Grenzen nicht in dem, was man alles tun kann, sondern in der Haltung, mit der man nicht alles tut, was man tun kann. Die Macht ist nur soweit einzusetzen, wie es nötig ist. Nicht weiter. Und nicht, weil man einfach die Macht hat.

2.) Recht

Das Recht ist die äußere Einhegung der Macht. Das Recht regelt das Zusammenleben. Staatliche Gesetze regeln das Zusammenleben der Gesellschaft, betriebliche Vorschriften leben das Zusammenleben in einem Unternehmen. Dieses Recht sorgt dafür, dass keine Macht grenzenlos ist und sich die Macht immer am Wohle aller orientiert. Hierzu muss dieses Recht natürlich auch effektiv durchgesetzt und Rechtsverstöße bestraft werden.
Wenn die Götter den Menschen neben der Scham das Recht gaben, so wussten sie genau, dass Macht nicht nur innerlich eingehegt werden muss. Man darf sich nie nur auf die Selbstdisziplin dessen verlassen, der Macht hat, sondern man muss auch im Auge haben, dass diese Macht missbraucht wird und man muss die nächsten Schritte beschreiben, wie ein Mächtiger seine Macht im Fall der Fälle auch wieder abgeben muss.


Die Grenzen der Macht

Macht ist ein Wort, das bei vielen Menschen für Abscheu sorgt. Macht gilt als etwas Negativ. Aber ob man es will oder nicht: überall gibt es Macht und überall hat jemand Macht. Die Frage ist nun, wie diese Macht gebraucht wird und wie man sich schützen kann gegen eine Macht, die schlecht gebraucht wird.

Die Götter des Prometheus-Mythos gaben den Menschen zwei wichtige Hinweise, wie die Macht kontrolliert werden kann: innerlich durch die richtige Haltung des Mächtigen, äußerlich durch Vorschriften. Macht darf nie unbegrenzt sein, so dieser alte Mythos, der bis heute gültig hat.
Von Aristoteles stammt der Hinweis, dass es natürlich das Beste wäre, wenn der klügste und beste Mensch alle Macht besäße. Das Problem bestände nur darin, den besten und klügsten Menschen zu finden. Genau deshalb braucht jede Macht Grenzen.