Am letzten Sonntag, den 21.01.2018, fand bekannterweise in Bonn ein SPD-Sonderparteitag statt, der die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU beschlossen hat. Diese Entscheidung war sehr umstritten, entsprechend bedeutend waren die Reden, die gehalten wurden. Aus diesen Reden habe ich die Reden von Martin Schulz, Andrea Nahles und Kevin Kühner für eine rhetorische Kurzanalyse herausgegriffen, die unter besonderer medialer Beobachtung standen und für den Verlauf des Parteitags entscheidend waren.

Martin Schulz

Vorneweg: die Rede von Martin Schulz war mit einer knappen Stunde recht lang, was durchaus kritisiert wurde. Doch in einer solchen bedeutenden Situation ist es durchaus angemessen, wenn der Parteivorsitzende eine lange Redezeit in Anspruch nimmt. Natürlich muss in einer langen Rede sehr genau auf die Dramaturgie geachtet werden, damit die Zuhörer aufmerksam bleiben.

Dramaturgie:

Eigentlich recht klassisch: ein emotionaler Einstieg, der allerdings recht bemüht wirkte, danach einzelne thematische Felder der Innenpolitik, Europas und der SPD, schließlich der Schlußteil. Den Vorwurf, dass die Rede keine Emotionen geboten hätte, kann ich nicht ganz teilen, so etwa 6:34-6:45, wo Schulz sich sehr emotional wehrt, keine staatsbürgerliche Verantwortung zu übernehmen oder ab 32:50, wo er über Jamaika spricht. Das Schlussfinale wurde zu wenig genutzt, da Schulz kurz vor Schluss wieder in Details abglitt. Insgesamt strebte die Rede zu wenig auf ihr Finale zu, das dann auch zu kurz war und die Zuhörer nicht mitnehmen konnte.

Es gab nur wenige Situationen, in denen die Zuhörer wirklich gepackt wurden, gute Gelegenheiten wurden liegen gelassen. Ein gutes Beispiel bei 34:30. Dort sagt Schulz: “Manche sagen, dass eine weitere große Koalition den rechten Rand stärken würde.” Erst einmal ist dieser Satz eine Steilvorlage für die Gegner, die genau das sagen und hier die Chance erhalten (und auch nutzen), für ihre eigene These zu applaudieren. Wenn so etwas passiert, dann muss Schulz die Gegner direkt ansprechen und darf nicht abstrakt fortsetzen mit “Wir meinen aber, …” Solche Gelegenheiten, in einen direkten Dialog mit den Zuhörern einzutreten, wurden mehrere Male versäumt.

Inhalt:

Die Rede von Schulz bot sehr viel Inhalt und hier lag ein großes Problem: immer wieder verlor Schulz sich in vielen Details, die die meisten Zuhörer in dieser Masse nicht interessiert haben dürften – wie auch der schwache Applaus immer wieder zeigte. Bei aller Betroffenheit über Krankenschwestern und Facharbeiter: es war zuviel. Es waren zu viele Einzelheiten und zu wenig, was die große Frage nach der Zukunft der SPD betraf. Dies wurde erst 10 Minuten vor Schluß kurz angeschnitten, zu kurz und zu vage. So wies Schulz immer wieder darauf hin, dass die SPD der Zukunft wieder bei den Menschen sein müsste und auf die Sorgen der Menschen hören müsste – zum einen wäre interessant gewesen, warum die SPD dies in den letzten Jahren nicht getan hat, zum anderen sind diese Aussagen etwas phrasenhaft. Schulz beschwört zwar immer wieder sein “Kein weiter so!”, aber was sich konkret ändern wird, außer der Aussage, dass man mehr Haltung zeigen wird, wurde nicht deutlich. Rhetorisch tödlich sind Drohungen, die als leer wahrgenommen werden, wenn sie nicht glaubwürdig rüberkommen. So etwa ab 50:40, wo Schulz die negativen Erfahrungen und Vertrauensbrüche der großen Koalition aufzählt und pathetisch ein “Das werden wir nicht mehr tolieren!” anfügt, aber nicht deutlich macht, was das eigentlich heißt.

Sprache:

Schulz’ Rede war sprachlich solide, nicht mehr und nicht weniger. Gerade in der Anfangsphase wurde mit den Nebensätzen etwas übertrieben, aber das legte sich dann. Eine insgesamt sehr nüchterne Sprache, die vielleicht auch deshalb zu wenig emotional wirkte, weil sehr wenige Bilder und Metaphern eingesetzt wurden. Die Sprache hatte etwas bürokratisches, ohne allerdings viele Fremdwörter einzusetzen. Der Einsatz längerer Zitate (22:20) sollte gut überlegt werden und ist oft tödlich für die Aufmerksamkeit. Auch wurde nur wenig mit der Sprache moduliert, das Sprechtempo war relativ gleich, die Tonhöhe variierte hingegen öfter.

Körpersprache:

Schulz sprach dem Publikum durchaus zugewandt, die Gestik war angemessen und stimmte mit dem Text weitgehend überein. Eine gewisse Nervösität konnte man Schulz anmerken, die ist aber bei einem solchen Anlass legitim. Ein Grundproblem war wohl, dass sowohl Gestik als auch Text oft zu gehemmt wirkten.

Fazit:

In dieser Situation musste Schulz eine lange Rede halten. Dafür war sie allerdings dramaturgisch zu zäh und zu fahrig. Man merkte Schulz an, dass er einen Spagat vollziehen will, aber nicht kann: vor einigen Wochen klarer Gegner einer großen Koalition und jetzt für sie kämpfen zu müssen. Schulz hätte authentischer gewirkt, wenn er diesen Konflikt klarer benannt und ausführlich besprochen hätte. Mit diesem Konflikt hätte er die emotionale Lage der Partei besser getroffen als mit den Details der bisherigen Verhandlungen, die jeder in der Zeitung lesen konnte.

 

Andrea Nahles

 

Dramaturgie:

Die Rede von Nahles war knapp 7 Minuten lang und sehr emotional geprägt. Ein sehr guter Einstieg, in dem sie an den Vorredner Kühnert anknüpfte, auf eine Schwachstelle in seiner Rede hinwies und darauf aufbaute. Danach immer wieder Wechsel zwischen zwischen ruhigeren und emotionaleren Phasen, die dann in ein mitreißendes Finale mündeten.

Inhalt:

Nahles hob inhaltlich immer wieder darauf ab, dass ein Verzicht auf die Koalition keine Garantie darstellt, dass es der SPD besser gehen wird, sondern die SPD ihrer Verantwortung gerecht werden muss. Sehr geschickt stellte Nahles in jeweils einem kurzen Satz eine gegnerische These in den Raum, um diese dann sehr emotional, aber dennoch inhaltlich zu entkräften. Auch sehr glaubwürdige Selbstkritik wurde eingebracht, dass man in der vergangenen Koalition Fehler begangen habe. Die Rede bot mehr Inhalt als man direkt wahrnahm, und das ist sehr gut. Bezeichnend auch ihr Umgang mit den Verhandlungsdetails: während diese von Schulz in epischer Breite erwähnt wurden, hat Nahles die Verhandlungspunkte nur kurz wie ein Maschinengewehr abgefeuert (ab 6:17). Sie hat erkannt: es geht nicht um die Details, sondern um den Umgang mit den Details.

Sprache:

Sehr lebendige und griffige Sprache. Sie hat das Publikum mit dieser Sprache emotional gut abgeholt und packen können. Sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war, und wirkte sehr authentisch. Nahles lebt allerdings in ihren Reden immer in der Gefahr, etwas zu überdrehen. Das glitt nicht ins Infantile ab, was schonmal bei ihr vorkommt (“Bätschi!”), aber der “blöde Dobrindt” ist grenzwertig. Es mag emotional die Befindlichkeit der Zuhörer durchaus treffen, aber man sollte auch nicht vergessen, dass mit dem “blöden Dobrindt” noch Verhandlungen geführt und regiert werden muss.

Körpersprache:

Die Körpersprache wirkte sehr echt und engagiert. Man merkte Nahles an, dass es für sie um etwas Wichtiges ging und das spürte man auch in ihrer Gestik, die immer mit dem Inhalt der Rede übereinstimmte und weder gekünstelt noch angelernt wirkte.

Fazit:

Vielleicht die entscheidende Rede an diesem Parteitag. Sie hat durchaus überzeugend die Inhalte der Gegner entkräftet und sehr emotional ihren eigenen Standpunkt deutlich gemacht. Einfach eine knackige Rede.

Der große Gegensatz zu der eher nüchternen Schulz-Rede kann den Verdacht aufkommen lassen, dass es zwischen beiden eine Absprache gab (“Mach du die Emotionen, ich die Fakten!”), was aber eher unwahrscheinlich ist. Zum einen war bei Schulz immerhin ein Bemühen um Emotionalität erkennbar, zum anderen sollte sich ein Parteivorsitzender in seiner Position nicht erlauben, bewusst nicht die Emotionen der Zuhörer anzusprechen und dieses Feld einem anderen Vorstandsmitglied zu überlassen. Zumal die Rede von Schulz lang genug war, diese Dinge zu integrieren.

 

Kevin Kühnert

 

Dramaturgie:

Die Rede von Kühnert war dramaturgisch gut gebaut, immer wieder wechselten sachlich-nüchterne, aber auch emotionale Phasen. Das Finale war sehr überzeugend und hier stellte Kühnert die Emotion nicht an den Schluss, sondern fuhr kurz vor Schluss noch einmal hoch um dann relativ ruhig die sehr eindrücklichen Schlusssätze zu formulieren.

Inhalt:

Kühnerts Hauptthese war diejenige, dass sich die SPD in der großen Koalition in einer Sackgasse und Endlosschleife bewegt. Die Schuld dafür sieht er bei der SPD selbst, die sich klein macht (3:40) und selbst beschneidet (4:30). Er weist klar darauf hin, dass es ihm gar nicht um Details der Verhandlungen geht, sondern um den grundsätzlichen Vertrauensverlust der SPD nach innen und nach außen (2:20). Die Inhalte stellt Kühnert sehr ruhig und sachlich dar, ohne dabei unemotional zu wirken. Dabei war er auch bemüht, keine Brücken in Richtung des Parteivorstands abzubrechen.

Sprache:

Kühnerts Sprache ist sehr unaufgeregt, durchaus kompliziertere Sätze, die aber verständlich rüberkommen. Zudem ist seine Sprache angereichert durch sehr einprägsame Bilder und Metaphern: der Zettel in der Kneipe, an den die CDU anschreibt (4:10), die schöne Brücke (6:20) oder die Zwerge und die Riesen (9:20). Eine sprachlich sehr gute, stilvolle Rede von Kühnert.

Körpersprache:

Die Gestik war zwar vorhanden, könnte aber präsenter sein. Die Gestik passte gut zu seinem sachlichen Vortragsstil. Bei intensiverer Gestik müsste man drauf achten, dass sie gut zu Person und Inhalt passt, aber ein paar Prozent ließen sich noch herausholen.

Fazit:

Die sprachlich und stilistisch wohl beste Rede des Parteitags. Kühnert sprach sehr inhaltsbezogen, verlor sich aber nicht in Details, weil er wusste, dass grundsätzlichere Fragen anstehen, die er auch gut und klar ansprach. Für sein Anliegen hat er sicherlich viele Punkte machen können, auch wenn es nicht gereicht hat.

Was kann man draus lernen?

Es war ein rhetorisch sehr interessanter Parteitag. Die drei wichtigsten Redner verkörpern völlig unterschiedliche Charaktere und daher auch unterschiedliche Redetypen. Alle drei sind natürlich geübte und rhetorisch geschulte Redner. Nahles und Kühnert konnten punkten, weil sie sehr echt und authentisch ihre Anliegen vortragen konnten. Schulz wirkte gehemmt und fahrig.

Für eine Rede sehr wichtig ist die Authentizität. Dies bedeutet nicht nur, ehrlich zu sein, sondern – und daran ist Schulz gescheitert – offene Konflikte anzusprechen, die noch im Raum sind. Hätte Schulz seinen eigenen, persönlichen Konflikt berichtet, den diese Entscheidung für ihn bedeutet und nicht nur abstrakt auf die Details der Verhandlungen hingewiesen, hätte auch er punkten können. Lange Reden müssen zudem besser strukturiert werden. Struktur heißt hier nicht nur die Abfolge der einzelnen Punkte, sondern auch, dass sie so komponiert werden, dass ein Spannungsbogen entsteht. Schulz hat immer wieder zu früh und an schlechten Stellen emotionales Pulver verschossen, das er am Schluss hätte gut gebrauchen können.

Nahles war sehr emotional. Das geht, aber es geht nicht zu oft und ist immer an der Grenze, über das Ziel hinauszuschießen. In bestimmten Situationen kann diese Emotionalität angemessen sein, aber das ist sehr aufmerksam zu analysieren und verbraucht sich schnell. Es ist immer für das Gremium angemessen zu sprechen, zu dem man spricht. Es gilt nicht nur die eigene Befindlichkeit.

Insgesamt war es ein sehr munterer Parteitag, bei dem wichtige Entscheidungen getroffen und hart diskutiert wurden. Es wäre schön, wenn auch der Bundestag zukünftig wieder stärker in die Entscheidungsprozesse eingebunden wird, dann wird es auch dort wieder rhetorisch anspruchsvoller zugehen.