Viel ist geschrieben und befürchtet worden über die Wirkung der Künstlichen Intelligenz (KI) auf den Arbeitsmarkt. Eine Studie von „The Economist“ untersuchte kürzlich, wie die Chancen von Hochschulabsolventen verschiedener Disziplinen auf dem Arbeitsmarkt sind. Absolventen wurden befragt, ob sie arbeitslos sind, eine Arbeit haben oder ihre universitäre Ausbildung irgendwie fortsetzen. Diese Ergebnisse wurden vor dem Hintergrund betrachtet, inwiefern die betreffenden Studiengänge mit KI zu tun haben bzw. von ihr abhängig sind. Diese Daten wurden über mehrere Jahre gesammelt und ergeben ein überraschendes Bild.

Quelle: www.economist.com
Bei Absolventen der Studiengänge, die viel mit KI zu hatten, wie Informatik oder Informations- oder Kommunikationswissenschaften, gab es deutliche Rückgänge, 5% bis 15% weniger wurden eingestellt als in den Vorjahren. Die Vollbeschäftigungsrate in diesen Disziplinen ist nach der Veröffentlichung von ChatGPT innerhalb von drei Jahren von 70% auf 55% gesunken.
Die Untersuchung führt an, dass solche Ausschläge in Zeiten großer Umwälzungen nicht ungewöhnlich sind.
Den stärksten Zuwachs (4%) gab es hingegen bei einer Fachdisziplin, die mit KI wenig zu tun hat: der Philosophie. Entsprechend veröffentliche „The Economist“ seine Ergebnisse mit „Forget Pythion, study Plato“.
Was steckt dahinter?
Das Chinesische Zimmer

Quelle: wikimedia.
Um diesen Zuwachs zu erklären, ist ein Blick darauf erforderlich, was eigentlich die Künstliche Intelligenz ist bzw. nicht ist. Hierzu gibt es ein interessantes Gedankenexperiment des amerikanischen Philosophen John Searle: das Chinesische Zimmer. Es ist aus 1980 und damit etwas älter, dennoch ist es noch stets lehrreich.
Folgende Situation: eine Person sitzt in einem abgeschlossenen Zimmer. Durch eine Öffnung in der Wand werden dieser Person verschiedene Fragen auf Chinesisch reingereicht, eine Sprache, die er nicht versteht und deren Zeichen er nicht kennt. Er hat jedoch ein Handbauch, in dem genau steht, auf welches chinesische Zeichen er mit welchem Zeichen antworten muss.
Die Person folgt den Anweisungen und gibt auf Chinesisch die Antworten nach draußen. Draußen vor der Öffnung steht ein Chinese, sieht die Zeichen und denkt: „Der da drinnen kann Chinesisch!“
Diese Person, so fasst Searle zusammen, macht genau das, was unsere Technologien heute machen: sie täuschen Verstehen vor, können aber nicht verstehen.
KI und Philosophie
Schauen wir auf die Künstliche Intelligenz, die das noch einmal extremer vorantreibt, worauf Searle vor 46 Jahren bereits hinwies: indem sie Fragen mit dem Material beantwortet, das sie vorfindet, versteht sie nicht, sondern simuliert Verstehen. Das macht sie zu einem großen Helfer, wenn es darum geht, vorhandenes Wissen zu sortieren und greifbar zu machen. Aber der Erkenntnisprozess selbst ist und bleibt menschlich: sei es in dem Material, das die KI vorfindet und verarbeitet, sei es in der Person, die das Produkt der KI zur Kenntnis nimmt. Genau hier setzt die Philosophie an.
Philosophische Expertise erweist sich als unumgänglich im Umgang mit KI, die eben nicht selbst denken kann, sondern letztlich auf Wahrscheinlichkeiten basiert und Denken simuliert. Die Philosophie steht auf zwei Fundamenten: der Erkenntnislehre und der Ethik. Beide sind wichtig im Umgang mit KI.
Erkenntnis:
Die KI generiert Inhalte aufgrund von Wortwahrscheinlichkeiten. Aber statistische Wahrscheinlichkeiten liefern nicht immer eine Wahrheit und sind oft zu hinterfragen und auf ihre Quellen zu überprüfen. Philosophisches Denken trainiert genau diese Fähigkeit und schützt damit vor digitaler Unmündigkeit.
Ethik:
Die von der KI produzierten Inhalte können nur das reproduzieren, was sie geliefert bekommen. Damit können sie gar nicht neutral sein. Und das ist aus verschiedenen Gründen oft ethisch schwierig: Vorurteile und bedenkenswerte Menschenbilder werden übernommen und verschärft. Das philosophische Wissen darum, wie Ethik funktioniert, wie Situationen ethisch beurteilt werden können, wie sich verschiedene moralische Werte zueinander verhalten und wie man gültige ethische Entscheidungen treffen kann, sind unumgänglich, um KI insbesondere in gesellschaftlichen Fragen einsetzen zu können.
Fazit
Der immer flächendeckendere Einsatz der KI wird nicht dafür sorgen, dass die Philosophie belanglos wird. Die KI liefert viele Antworten, die aber selbst noch einmal durch Menschen beurteilt werden müssen: auf ihren Wahrheitsgehalt hin, aber auch auf ihre ethischen Konsequenzen. Die aktuelle Studie von „The Economist“ bestätigt, dass diese Hochschätzung der Philosophie bereits auf dem Arbeitsmarkt angekommen ist. Dies macht deutlich, dass die KI nie für sich stehen darf. Sie kann menschliche Arbeit erleichtern und Entscheidungen vorbereiten, die nächste und entscheidende Stufe muss dann der Mensch einnehmen. Die Philosophie vermittelt genau die Expertise, dass er dazu in der Lage ist.
Danke für die Anregungen zum Denken, lieber Michael.
Dazu würde ich mit Dir gerne tiefer einsteigen …
Herzlichst Claudia