Wir wollen es. Aber wir machen es nicht.

Diese Problematik wird nicht nur dann akut, wenn wir eigentlich arbeiten sollen und stattdesssen bei Facebook oder auf dem Smartphone die Zeit totschlagen. Sie wird akut in den Unternehmen, wenn Mitarbeiter immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen oder denen des Unternehmens scheitern.

Was ist das? Ist es Schwäche? Was ist Schwäche überhaupt? Müdigkeit? Unlust? Kann man das abstellen? Oder ist man dem hilflos ausgeliefert?

Ein Blick in die Geschichte menschlicher Macht und Ohnmacht. Und auf das, was wir daraus lernen können.

 

Die Macht der Vernunft

Ursprünglich – also in vorhistorischer Zeit – ging der Mensch davon aus, dass die Götter oder ein göttliches Schicksal den Lauf der Dinge bestimmen. Der Mensch wusste darum, dass seine Möglichkeiten mehr oder weniger begrenzt sind. Entsprechend war es ein Frevel gegenüber den Göttern, seine eigenen Möglichkeiten zu überschätzen und im Leben mehr zu versuchen, als einem zustand.

Eine einschneidende Neuausrichtung kam dann mit dem Beginn der Philosophie im alten Griechenland. Die Vernunft wurde zum Thema. Nicht die Hilfe der Götter, sondern die eigene Vernunft können dem Menschen ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.

Entsprechend versteht sich die Philosophie als Vorreiter der Vernunft. Dies bedeutete eine manchmal übertriebene Hochschätzung des Geistes gegenüber dem Körper, dessen Schwächen und Bedürfnisse ein Hindernis für den Menschen sind, sich wirklich zu entfalten: der Körper wurde zum „Gefängnis der Seele“.

Wie ging man mit Scheitern um? Damit, dass die Vernunft immer wieder an ihre Grenzen kommt? Damit, dass man den körperlichen Bedürfnissen zu sehr nachgegeben hat?

Dies wurde zurückgeführt auf mangelnde Einsicht: wenn ich schwach bin oder mich falsch verhalte, dann deshalb, weil ich noch nicht verstanden habe, wie es richtig geht.

Dies klingt vielleicht etwas einseitig oder zu sehr auf die Vernunft setzend, ist aber interessanterweise exakt die Haltung, die in vielen Unternehmen und auch bei vielen Coaches/ Beratern vorherrscht:
Wenn Du scheiterst, dann deshalb, weil Du es nicht richtig verstanden hast. Letztlich hängt es von Deinem Willen und von Deiner Einsicht ab, ob Du gut bist oder nicht.

In dieser Haltung werden jeden Tag Coaches von den Unternehmen engagiert, Mitarbeiter und Führungskräfte auf den richtigen Weg zu bringen: den Erfolg zu wollen und deshalb erfolgreich zu sein.

Ein Blick in die Geschichte der Philosophie verrät: neu ist diese Haltung nicht.

 

Neue Zweifel

Der erste Mensch, der sehr radikal diese Haltung in Frage stellte und so überhaupt das eigentliche Problem benannte, war einer der Hauptvertreter einer damals neuen Religion: der Christ Paulus im 1. Jahrhundert.

Paulus von Tarsus (10-65), Quelle: www.wikipedia.org

Er stellte als erster in dieser Form die Frage, wie es eigentlich sein kann, dass ich das eine will, aber das andere tue? Als erster ahnte Paulus, dass dieses Problem nicht nur mit mangelnder Einsicht zu tun hat, sondern etwas anderes dahinterstecken muss.

Paulus verwies damals auf die Erbsünde: mit der Erbsünde kam eine Schwäche in den Menschen, die den Menschen daran hindert, vernünftig und gut zu handeln.

Diese Antwort mag für die meisten Menschen heute nicht mehr akzeptabel sein. Dies ändert jedoch nichts an der Bedeutung der Frage, die Paulus gestellt hat: endlich kommt jemand auf die Idee, Schwäche und Scheitern nicht nur auf mangelnde Einsicht zurückzuführen, sondern etwas Tieferes dahinter zu entdecken, etwas, das man nicht wegbekommt, auch wenn man noch so gescheit und vernünftig ist.

Augustinus war es dann, der um 400 diese von Paulus in die Welt gesetzte Problematik aufgriff und für viele Jahrhunderte verfestigte: der Mensch tut nicht das, was er will. In ihm arbeitet die Erbsünde, die ihn schwach macht.

 

Die Neuzeit

Natürlich gab es immer wieder Kritik an dieser Einschätzung. Insbesondere die Renaissance im 15. Jahrhundert und die Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts haben mit ihrer Betonung der menschlichen Vernunft ein inhaltliches Gegengewicht gesetzt – ohne allerdings die Frage beantworten zu können, warum man etwas nicht tut, auch wenn man es eigentlich tun will.

Sigmund Freud (1856-1939), Quelle: www.wikipedia.org

Der für die Moderne entscheidende Durchbruch kam dann im 19. Jahrhundert. Sigmund Freud und andere wiesen darauf hin, dass es in der menschlichen Psyche etwas gibt, das nicht vollständig in den Griff zu kriegen ist und sich damit auch dem Zugriff durch die Vernunft entzieht: das Unbewusste.

Das Unbewusste ist das im Menschen, das durch die eigene Geschichte, durch Emotionen, Triebe und Bedürfnisse geprägt ist und das „unbewusst“ ist insofern man es nicht völlig kennen und damit auch nicht völlig beherrschen kann.

Die Antike hat gesagt: die Vernunft kann alles beherrschen. Wenn Du es nicht schaffst, dann bist Du nicht einsichtig genug.

Paulus und Augustinus haben gesagt: Deine Vernunft kann nicht alles beherrschen, weil Du als Mensch durch die Erbsünde geschwächt bist.

Freud sagt nun: Deine Vernunft kann nicht alles beherrschen. Aber nicht wegen einer Erbsünde, sondern weil unsere Psyche aus so vielen Erfahrungen, Trieben und Emotionen besteht, dass unsere Vernunft nie in der Lage sein wird, sie alle in den Griff zu kriegen.

Mit Freud hat sich das Menschenbild entscheidend verändert. Vernunft und Rationalität scheinen nun nicht mehr das Wesen des Menschen auszumachen, sondern bilden eine eher schwache Bedeckung eines ansonsten eher irrationalen und triebgesteuerten Wesens.

 

Fazit

Das auch wirklich zu machen, was man machen will. Es ist ein Traum von Allmacht über sich selbst. Der nie realistisch war. Entweder waren die Götter schuld. Oder die Erbsünde. Oder – das lehrt uns die moderne Psychologie – wir selbst, unsere Natur, unser Menschsein.

Als Menschen sind wir keine Maschinen. Damit müssen wir leben, auch wenn es schwer fällt, sich vom Traum menschlicher Allmacht zu verabschieden.

Seit 2.500 Jahren versucht der Mensch, dieser Ohnmacht zu entkommen und Methoden zu entwickeln, seiner eigenen Natur ein Schnippchen zu schlagen. Umsonst.

Hieraus ergeben sich durchaus kritische Anfragen an die heute Coaching-Praxis:

Wie legitim ist ein Versprechen, einen Mitarbeiter für jede Herausforderung fit machen zu können? Welches Menschenbild steckt eigentlich dahinter, wenn ein Mitarbeiter entsprechend „programmiert“ (z. B. NLP) werden soll?

Es geht nicht darum, dass Wille und Motivation eines Mitarbeiters nicht verbessert werden könnten. Aber man muss wissen – als Coach und als Auftraggeber -, dass diese Verbesserung immer eine Grenze hat.

Diese Grenze kann man verschieben, aber es wird sie immer geben. Und vielleicht ist es gerade diese Grenze, die den Mitarbeiter von einer Maschine unterscheidet.

Seit 2.500 Jahren arbeiten sich kluge Köpfe daran ab, wie wir zu perfekt funktionierenden Maschinen werden können. Vielleicht sollten wir nach 2.500 Jahren zur Kenntnis nehmen, dass es nicht gelingen kann. Es hätte für viele etwas Entlastendes. Und ehrlicher wäre es auch.