Immanuel Kant verfasste 1784 eine kleine Schrift, in der es um die damals viele Menschen bewegende Frage ging: „Was ist Aufklärung?“

Die Menschen in den damals von Monarchen regierten Staaten begannen langsam und vorsichtig, politische Verantwortung wahrzunehmen und auch einzufordern. „Aufklärung“ wurde zum großen Schlagwort jener Zeit.

Kant beantwortete die Frage danach, was denn eigentlich „Aufklärung“ sei mit dieser kurzen und knackigen Definition:

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

 

Das Corona-Virus

„Aufklärung“ ist nicht nur ein Thema des 18. Jahrhunderts. Es ist auch eines der Gegenwart.

In diesen Tagen tobt in vielen Ländern Europas die Diskussion darüber, ob die vielerorts restriktiven Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus gelockert werden können oder nicht.

Die Menschen (die meisten zumindest) verstehen die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe im Kampf gegen das Corona-Virus. Mit dem wachsenden Gefühl persönlicher Einschränkung und des Verlustes persönlicher Freiheit wird aber auch die Frage immer stärker, wo denn die Grenzen dieses staatlichen Eingriffs sind bzw. wo der Punkt ist, wo legitime staatliche Fürsorge in Unfreiheit umschlägt.

 

Nun ist es nicht einfach ein Konflikt der guten Freiheit gegen die böse Unfreiheit. Hin und wieder kann Unfreiheit sogar notwendig sein. Vor allem aber – und das ist das Gefährliche: Unfreiheit kann sehr bequem sein. Lesen wir bei Kant nach:

„Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken …, andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. …

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen.“

Immanuel Kant (1724-1804), Quelle: www.wikipedia.org

Es kann legitim und notwendig sein, auf eigene Freiheit zu verzichten. Weil sich das Coronovirus in einer bestimmten Region ungehemmt ausbreitet. Weil eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Straße mich davor bewahrt, meinen Wagen zu Schrott zu fahren. Weil menschliches Zusammenleben immer auch Rücksichtnahme und damit auch Verzicht auf eigene Freiheit impliziert.

Verzicht auf Freiheit ist oft sinnvoll und notwendig. Doch irgendwann kommt eine Grenze, an der es das nicht mehr ist. Diese Grenze muss immer neu erarbeitet werden. Und diese Arbeit ist anstrengend, wie Kant zu Recht anmerkte. Bequemer ist es, diese Arbeit nicht zu tun, und denen zu vertrauen, die einem das unter dem Deckmantel der Fürsorge abnehmen wollen.

Eigenverantwortung vs. Fremdverantwortung

Es ist ein dauerhafter Kampf: wo beginnt meine eigene Verantwortung und wo kann ich mich zurücklehnen, weil ein anderer für mich diese Verantwortung übernimmt? Wo bin ich in der Lage, aktiv zu werden, und wo muss ich auf einen anderen vertrauen und kann ihm die Verantwortung übertragen?

Dieser Kampf wird jeden Tag ausgefochten zwischen Kindern und ihren Eltern, zwischen Angestellten und Vorgesetzten, zwischen den Bürgern eines Landes und ihrem Staat. Immer geht es darum, eigene Verantwortung gegenüber dem abzuwägen, der sie einem abnehmen will. Immer geht es auch darum, eigene Bequemlichkeit zu bekämpfen, denn die Abgabe von Verantwortung ist einfach bequemer und man kann sich so schnell an sie gewöhnen. Institutionen wie Staat oder Kirche setzen darauf, wie nicht nur Kant wusste.

 

Gerade in der deutschen Gesellschaft wird diese Frage traditionell durchaus zu Gunsten des Staates bewertet, der einen großen Vertrauensvorschuss besitzt. Dass die Deutschen als einziges Volk mir bekanntes Volk von einem „Vater Staat“ sprechen ist genauso bezeichnend wie die Tatsache, dass liberale Parteien und Gedanken in Deutschland traditionell einen schweren Stand haben.

Es geht nicht darum, den Einzelnen gegen den Staat auszuspielen. Weder ist eine absolute Freiheit des Einzelnen ohne Staat zu erstreben noch ein Staat, der nur aus unfreien maschinenähnlichen Wesen besteht.

Aber es ist eine Frage der Perspektive:

Gehe ich davon aus, dass der Staat bzw. die Gesellschaft erst einmal zuständig sind und habe ich dann die Pflicht, meine Freiheit gegenüber der Gesellschaft zu begründen?

oder

Gilt erst einmal die Freiheit des Einzelnen und hat der Staat die Pflicht, Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen zu begründen?

Öffentliche Vernunft

Diese Frage stellt sich in diesen Wochen sehr massiv angesichts der Corona-Epidemie. Wenn Kanzlerin Merkel sich über „Öffnungsdiskussionsorgien“ in der Bevölkerung beklagt, dann ist ihre Perspektive eindeutig diejenige, die Gesellschaft nicht vom Bürger, sondern vom Staat her zu denken.

Die Perspektive Kants ist eindeutig: Aufklärung.

Aufklärung bedeutet, die eigene Identität von der Freiheit her zu denken und diese Freiheit auch öffentlich einzufordern:

„Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit. … Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen.“

Hieraus ergibt sich die Aussage, dass nicht die Öffentlichkeit begründen muss, warum sie über die Möglichkeiten einer Aufhebung der jetzigen Einschränkungen nachdenkt, sondern dass der Staat bzw. die Regierung begründen muss, warum diese Einschränkungen aufrecht zu erhalten sind.

Findet ein öffentlicher Gebrauch der Vernunft statt? Von Karl Popper bis John Rawls haben die Denker über die Demokratie festgestellt, dass der öffentliche Vernunftgebrauch überlebenswichtig für das Entstehen und das Funktionieren einer offenen, liberalen und demokratischen Gesellschaft ist.

Findet eine allgemeine Diskussion darüber statt, wie ein einigermaßen normales Leben in einigen Wochen aussehen soll, das mit dem noch präsenten Virus möglich ist?

Lassen sich die aktuellen Einschnitte in das Privat- und Wirtschaftsleben weiterhin rechtfertigen?

Wo soll in einer Demokratie darüber entschieden werden, wie die Gesellschaft leben soll, wenn nicht in der Gesellschaft?

 

Ich selbst bin froh, diese Entscheidungen nicht treffen zu müssen. Es gibt auch keine klaren, eindeutigen Entscheidungen in diesen Fragen, für die ich werben könnte. Worum es mir geht, sind weniger klare Lösungsvorschläge als vielmehr um ein Werben dafür, neue und breitere Wege zu beschreiten um Lösungen zu finden.

Eine Gesellschaft muss als Ganze diese wichtigen Fragen diskutieren. Findet das statt?

Wird der Krebskranke angemessen berücksichtigt, dessen Chemotherapie verschoben wird? Kann der Ladenbesitzer sich in die Diskussion einbringen, dessen Lebenswerk in diesen Wochen zerstört wird? Können dies diejenigen, die in diesen Wochen arbeitslos werden? Können dies Menschen, die sterbende Angehörige in den Altenheimen nicht besuchen dürfen? Können dies die Opfer häuslicher Gewalt? Können dies die Senioren selbst?

Es geht nicht darum, dass das Anliegen einer jeden einzelnen Gruppe für die gesamte Gesellschaft verbindlich sein muss. Aber es muss für die Gesellschaft bzw. für die Regierung verbindlich sein, sie zu hören und in die öffentliche Diskussion einzubinden. Das findet anscheinend nicht statt, wenn die Regierung ihre Anliegen als “Öffnungsdiskussionsorgie” bezeichnet.

Aufklärung

Kant spricht von „Aufklärung“. Der Mensch soll als freies und denkendes Wesen Verantwortung für sein Leben übernehmen und sehr genau überlegen, wann und wem gegenüber er diese Verantwortung abgeben kann.

Quelle: www.wallpaperflare.com

Das Wissen um die Corona-Partys, die kürzlich stattfinden, waren nun sicherlich kein Leuchtturm des vernunftbegabten und verantwortungsvollen Bürgers. Aber zum einen ist hieraus zu fragen, ob man aus dem Verhalten dieser Leute der Gesellschaft als ganzer Unvernunft unterstellen muss und zum anderen, ob diese Feiern nicht auch eine Folge selbsterfüllender Prophezeiung waren: wenn ich die Leute wie eine Mutter anrede („Macht dies, sonst bleibt ihr nächste Woche zu Hause!“), dann führen sich viele Leute eben auch wie Kinder auf – gerade wenn sie altersmäßig in der Phase stecken, in der sie sich gegen die Eltern behaupten wollen.

 

Regierung und Regierte befinden sich in einem Wechselverhältnis. Je unvernünftiger die Regierten sind, desto leichter fällt es der Regierung, im Namen der Vernunft zu handeln. Was dann aber auch den Effekt hat, die Entfaltung der Vernunft bei den Regierten zu behindern. Ein Kreislauf beginnt, den das durchbrechen soll, was Kant „Aufklärung“ nennt.

Zum Schluss die letzten Sätze Kants aus seiner Schrift „Was ist Aufklärung?“:

„Wenn denn die Natur … den Hang und Beruf zum freien Denken ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

Nicht als Kinder. Nicht als Maschinen. Als Erwachsene. Als Bürger. Aufklärung.

 

Literaturempfehlungen:

Blog: “Fangt an zu denken! – Immanuel Kant: “Was ist Aufklärung?”