Jesus vor Pontius Pilatus, Quelle: www.wikipedia.org.

Es ist die berühmte Frage des Pontius Pilatus, als Jesus vor ihm steht, um verteilt zu werden: „Was ist Wahrheit?“

Spannenderweise ist keine Antwort auf diese Frage überliefert, und da sind wir schon am Kern des Problems: Was ist Wahrheit eigentlich? Gibt es eine Wahrheit, eine wahre Sicht auf die Dinge? Eine für alle gültige Realität?

Gerade in diesen Tagen erfahren wir in den USA, wie Donald Trump eine Wahrheit verkündet. Eine Realität. Er hat die Wahl gewonnen. Dass sein Konkurrent Joe Biden mehr Stimmen erhalten hat, ist Folge eines großangelegten Betrugs und damit Fake-News.

Viele Menschen – nicht nur in den USA – glauben ihm. Was ist Wahrheit und was ist Realität?

 

 

Der Mechanismus der vielen Wahrheiten

Donald Trumps Verhältnis zur Wahrheit ist bekanntermaßen denkbar schlecht. Keine seiner Reden hält einem Faktencheck stand. Medien zählten viele Tausend Lügen in seinen Äußerungen während seiner Präsidentschaft.

Was steckt dahinter? Glaubt er, was er da erzählt? Glaubt er, dass die Menschen ihm das als Wahrheit abnehmen?

Ein Grund für sein chronisches Lügen ist sicherlich sein pathologischer Narzissmus. Aber da steckt mehr dahinter. Es ist nicht nur die Konsequenz einer Persönlichkeitsstörung, sondern hat auch etwas Durchdachtes und Planvolles.

2018 hielt Trump in Kansas City eine Ansprache vor Kriegsveteranen. In dieser fällt ein Satz, der zentral ist für das Verhältnis von Trump zu Wahrheit und Realität (im Video ab 2:32):

„Just remember, what you are seeing and what you are reading is not what’s happening.“

„Denkt daran: was ihr seht und was ihr lest, ist nicht das, was passiert.“

 

Trump zerstört systematisch das Grundvertrauen in die Urteilsfähigkeit des Menschen. Was der Mensch vor sich sieht, was er nachliest, wo er sich informiert, um sich ein Urteil zu bilden: all das entspricht nicht der Wahrheit, es sind Fake-News. Die Realität verschwimmt in einem Nebel von Lügen.

 

1984

Der Roman „1984“ von George Orwell gilt als meisterhafte und tiefgehende Analyse totalitärer Regime. Aufgrund von Trumps nicht allzuhoch anzusetzenden literarischen Kenntnissen kann man davon ausgehen, dass Trump dieses Buch nicht gelesen hat. Vielleicht gut so, weil es seiner instinktiven Methodik mehr Schliff und mehr Effektivität verschafft hätte.

George Orwell (1903-1950), Quelle: www.wikipedia.org

In diesem Roman geht es um einen totalitären Staat. Das wichtigste Instrument dieses Staates ist die Zerstörung der Wahrheit. Entsprechend lautet sein Motto:

„Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.”

Was wir Menschen an Wissen haben, gewonnen aus unserer Lebenserfahrung, aus unserer Bildung: all das ist nichts wert. Es entspricht nicht der Realität. All das löst sich auf und hinterlässt die große Leere einer Welt, in der eigentlich nichts wahr ist. Es ist die Welt, an der Trump gebaut hat – oder besser: er hat nicht gebaut, es reichte, die „andere“ Welt von Vernunft und Bildung zu zerstören.

Warum nehmen ihm die Menschen das ab? Warum ist er damit erfolgreich?

 

Pop und Entertainment

Wir leben in einer Welt des Pop und des Entertainments. Unsere Gesellschaften – in Deutschland, noch mehr in den USA – sind umgeben von den Bildern des Kinos, des Fernsehens und der Streaming-Portale.

Was sehen wir überall? Wir sehen große Helden, die gegen das Böse oder den Rest der Welt kämpfen, wir sehen Sportler, Musik-Stars, wir sehen eine Welt von Promis, Stars und Möchtegern-Stars, die aus welchen Gründen auch immer ins Scheinwerferlicht kommen.

Es ist die Welt des Pop und des Entertainments. Es ist nicht die Welt der Besonnenheit, der ruhigen Analyse der Wirklichkeit, es ist nicht die Welt einer objektiven Realität, sondern die Welt der Emotionen, der Effekte, der Fiktionen, der Träume und Bilder.

Diese schrille Welt geht an uns nicht spurlos vorüber. Ruhe und Objektivität sind langweilig. Sie sind nicht nur langweilig, sondern machen das kaputt, was wir eigentlich sehen wollen. Wir wollen Geschichten sehen, Heldengeschichten oder tragische Geschichten. Der Bezug zur Realität ist zweitrangig, die Story muss stimmen, Emotionen wecken.

Trump ist dieser Welt des Pop und des Entertainment entsprungen und wurde Präsident, weil die Leute ihn als Teil ihrer Realität ansahen, der Realität, die sie jeden Tag umgibt: Emotionen, Effekte, Fiktionen, Träume und Bilder. All das bietet Trump. Die Welt des Pop suchte einen Star und wählte ihn.

Nur ein Phänomen der USA? Nicht möglich in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker? 2003 schaffte es Daniel Küblböck neben Leuten wie Goethe, Luther oder Bach zu einem Spitzenplatz bei der ZDF-Umfrage zum bedeutendsten Deutschen aller Zeiten.

Die Gesellschaft funktioniert immer mehr nach den Gesetzen von Pop und Entertainment. Indem es technisch immer möglicher wird, in Scheinwelten zu leben, erobern diese Scheinwelten unsere Realität, die immer mehr in einem Nebel von Bildern und immer neuen Stories verschwimmt. Der vorläufige Höhepunkt: ein US-Präsident, der einem Comic entsprungen scheint.

 

Wahrheit? Realität?

Was braucht es, um diesen Nebel zu durchdringen?

  • Immer mehrere Meinungen zur Kenntnis nehmen.
    Jeder lebt in einer Filterblase. Man hat die immer gleichen Quellen, bei denen man sich zuerst informiert usw.
    Daher gilt: auch andere Quellen zur Kenntnis nehmen, sich mehrere Meinungen anhören, auch mit Leuten sprechen, die eine andere Meinung haben.
  • Auf Begründungen achten.
    Ist das, was jemand von sich gibt, logisch und konsistent? Ist es frei von Widersprüchen? Ist es gut begründet und mit guten Argumenten versehen oder nur eine hingeworfene Aussage?
  • Freie Medien.
    Sie sind unverzichtbar, damit verschiedene Meinungen in einer Gesellschaft diskutiert werden können. In einer freien Medienlandschaft haben Lügen auf Dauer keine Chance. Sie werden aufgedeckt, indem die verschiedenen Medien sich in einem Wettstreit befinden, Argumente und Meinungen gewichten.
  • Intention beachten.
    Wer sagt was warum? Welche Intention kann jemand haben, wenn er etwas sagt? Was will jemand mit seiner Aussage erreichen? Ist es möglich, dass das Ziel der Aussage den Wahrheitsgehalt der Aussage überlagert?
  • Bildung.
    Sie bietet die Möglichkeit, Meinungen von Mitmenschen, Medien oder Politikern einzuordnen, Argumente zu gewichten, Wissen von Scheinwissen zu unterscheiden. Hier kommt den Geisteswissenschaften (Philosophie, Soziologie, Geschichte usw.) eine zentrale Rolle zu, die in den aktuellen Bildungskonzepten für Schulen und Universitäten allerdings sträflich vernachlässigt wird.

 

Pop und Entertainment sind Teil unseres gesellschaftlichen Lebens. Und das sind sie unwiderruflich. Sie dürfen aber nicht die Realität überlagern. Um diese Scheinwelt des Pop von der Realität zu unterscheiden, braucht es etwas Anstrengung, die man aber jedem zumuten muss.

Sonst ist Trump nicht die letzte Comic-Figur, die in höchste Ämter gewählt wird.