In wenigen Tagen steht das Weihnachtsfest an, ein christliches Fest, das für vieles steht: Familie, Wärme, Besinnlichkeit, Frieden, Harmonie … was auch immer. Ich als ehemaliger Pfarrer kann davon ein Liedchen singen, wofür dieses Fest steht und was alles in dieses Fest hineingepackt wird.

Wie kein anderes Fest steht Weihnachten in seinem Kern für das christliche Menschenbild – und dies mit einer interessanten Spitze in Richtung Coaching-Branche.

 

Der christliche Inhalt

Worum geht es eigentlich an Weihnachten? Das Christentum feiert dort die Geburt Christi. Also, dass Gott Mensch geworden ist. Völlig unabhängig davon, ob man diesen Inhalt glaubt oder nicht – es ist erst einmal eine tolle Aussage für den Menschen, dass Gott Mensch wird.

Wenn man diesen Gedanken weiterführt: der Glaube daran, dass Gott – allmächtig, vollkommen und perfekt – zu einem schwachen Menschen wird, ist nicht nur die Aussage: toller Mensch!, sondern auch die Aussage, dass diese Schwäche des Menschen zum Menschen dazugehört – so sehr, dass Gott den Menschen nicht perfekt macht, sondern selbst schwach wird.

Hier liegt die Wurzel des christlichen Menschenbildes: der Mensch ist schwach. Das ist eigentlich eine sehr entlastende Aussage, denn sie entbindet von der Versuchung, perfekt sein zu wollen. Und hier sind wir beim modernen Coaching.

 

Coaching

Modernes Coaching ist oft (nicht immer!) von dem Gedanken getragen, Perfektion herstellen zu wollen (vgl. dazu den Blog “Ethik des Coachings“). Dann können die Menschen entsprechend „programmiert“ werden (NLP), dann ist auch klar, dass jedes Versagen an Perfektion nur damit zu tun hat, dass man es nicht genug gewollt hat. So berechtigt es ist, im Coaching eine Verbesserung anzuzielen: Perfektion ist nicht möglich und darf auch nicht das Ziel sein, weil es den perfekten Menschen nicht gibt.

 

Perfektion?

Es geht an dieser Stelle nicht darum, für das Christentum zu werben, das aus der Lehre vom schwachen und sündigen Menschen auch nicht nur gute Dinge gemacht hat. Aber das Christentum hat historisch als erstes erkannt: die Schwäche gehört zum Menschen und er wird sie auch nie ganz loswerden.

Der Christ Paulus ist der erste Mensch, von dem die Frage überliefert ist, wie es eigentlich kommt, dass der Mensch zwar das eine will, aber das andere tut?

Die bis dahin gültige Antwort der griechischen Philosophie: der Mensch handelt falsch, weil er es nicht besser weiß. Das war Paulus zu einfach, weil er merkte, dass nicht alles vom menschlichen Willen abhängt, sondern es etwas im Menschen gibt, das sich dem Zugriff des Willens entzieht. Freud wird dann im 19. Jahrhundert den entscheidenden Schritt weitergehen: es ist das Unbewusste, das du in dir nicht völlig beherrschen kannst.

 

Fazit

Das Christentum stellt als erstes die Frage, wie es denn kommt, dass der Mensch trotz allen Willens nicht perfekt sein kann. Und hier liegt durchaus eine bis heute gültige Frage, die sich auch an eine oft übliche Coaching-Praxis richtet, die immer wieder von Perfektion spricht, die davon spricht, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will und die das „wegprogrammieren“ will, was unvollkommen ist und auf dem Weg zum perfekten Manager oder Mitarbeiter nur stört (vgl. dazu den Blog “Denk negativ!“).

Weihnachten ist ein zutiefst menschliches Fest, weil es zugleich an Größe und Kleinheit des Menschen erinnert. Ein Coach sollte genau um diese beiden Faktoren wissen, wenn er mit Menschen umgeht und etwas an den Menschen verbessern will.

Er muss um die Größe eines jeden Menschen wissen, um seine Würde, die absolut und unverlierbar ist – unabhängig davon, wie gut der Kunde als Mitarbeiter funktioniert. Als Mensch wird er nicht nur über seine Funktionalität definiert.

Er muss aber auch um die Schwäche des Menschen wissen, um zu einem realistischen Bild zu kommen, um an Schwächen gut arbeiten zu können, ohne den Menschen zu einer Maschine machen zu wollen.

 

In dem Sinne, ob Christ oder nicht, ob Coach oder nicht: Frohe Weihnachten.