Im Jahre 1927 hielt der britische Mathematiker und Philosophie Alfred North Whitehead eine Aufsehen erregende Rede vor der „American Association of the Collegiate Schools of Business“. In dieser recht kurzen Rede geht Whitehead auf ein Thema ein, das zu den Kernkompetenzen der Philosophie gehört und auch von zentraler Bedeutung für Unternehmen bzw. die Beratung von Unternehmen ist: das Thema Wissen.

 

Alfred North Whitehead

Alfred N. Whitehead (Quelle: www.wikipedia.org)

Whitehead wurde 1861 in der englischen Hafenstadt Ramsgate als Sohn eines anglikanischen Pfarrers geboren. Als Mathematiker und Philosoph war Whitehead zuerst in Cambridge und London tätig, ab 1924 in Harvard – berufen auf eine Philosophie-Professur, die nur für ihn eingerichtet wurde und ohne inhaltliche Festlegung war. Sein Hauptwerk sind die „Principia Mathematica“, die er kurz vor dem ersten Weltkrieg zusammen mit Bertrand Russel veröffentlichte.

Whiteheads große Bedeutung liegt in der Naturphilosophie und in der Wissenschaftstheorie, aber auch in anderen Gebieten wie der Pädagogik oder der Religionsphilosophie konnte Whitehead wichtige Impulse setzen. Er starb am 30. Dezember 1947.

 

“The Universities and their Function”

1927 hielt Whitehead eine Rede vor der „American Association of the Collegiate Schools of Business“, die hauptsächlich aus Mathematiklehrern und –dozenten bestand und sich aus einer Vereinigung von Geometrieforschern entwickelt hatte.

Whitehead beginnt seine Rede unmittelbar mit der erst einmal erstaunlichen Aussage, dass die Wissensvermittlung nicht der eigentliche Existenzgrund einer Universität ist. Wissen könnte mit Büchern einfacher und billiger vermittelt werden.

Eigentlicher Existenzgrund der Universität sei vielmehr die Verbindung von Wissen und der „Würze des Lebens“. Dann fährt Whitehead fort:

„Imagination is not to be divorced from the facts: it is way of illuminating the facts. It works bei eliciting the principles which apply to the facts, as they exist, and then by an intellectual survey of alternative possibilities, which are consistent with the principles. It enables men to construct an intellectual vision of the world. “

Harvard-University

Wissen und Fakten stehen nicht für sich. Sie werden durch das handhabbar, was Whitehead „Imagination“ nennt, Vorstellungsvermögen, Phantasie, Einbildungskraft. Mit ihr ist es möglich, die Prinzipien und Gesetze zu erkennen, die in den Fakten sind. Hier entstehen Visionen, hier entsteht Kenntnis der Wirklichkeit und gelungener Umgang mit der Wirklichkeit. Die Fähigkeit, Fakten und Vorstellungskraft zu verbinden, ist das, was Bildung schaffen muss.

 

Was es für diese Fähigkeit braucht: Wissen und Lebenserfahrung. Die Tragik, so Whitehead, ist allerdings diejenige, dass diese beiden Dinge nicht zusammenkommen:

„The tragedy of the world is that those who are imaginative have but slight experience, and those who are experienced have feeble imaginations.”

Entsprechend ergibt sich der Grundauftrag der Universitäten und auch der „Management Schools“, nicht nur Fachwissen zu vermitteln, sondern dieses mit dem Leben zusammenzubringen. Und das heißt in erster Linie: mit Menschen, die Fachwissen und Lebenserfahrung haben und die ihre Studenten entsprechend inspirieren können.

„The faculty should be a band of scholars, stimulating each other. … Business schools are no exception to this rule of university life. The whole point of a university, on its educational side, is to bring the young unter the intellectual influence of a band of imaginative scholars.”

 

Führung: Wissen und Leben

Whitehead hielt diese Ansprache vor fast 100 Jahren. Sie ist noch aktuell, im Kontext der Universität genauso wie im Kontext der Management-Ausbildung und Management-Beratung. Natürlich wird Wissen vermittelt. Wie tauglich ist dieses Wissen? Ginge es nicht besser, die Dinge in den Büchern zu lesen?

Das Hauptproblem besteht jedoch in der Annahme, dass dieses Wissen ohne den Kontext eigener Lebenserfahrung anwendbar sei. Whitehead sah damals in den „Business schools“ die große Gefahr durch Manager, die viel Fachwissen erworben haben, aber vom Leben keine Ahnung haben und deshalb scheitern.

Es ist nachgewiesen, dass auch heute die meisten Manager nicht an mangelndem Fachwissen scheitern, sondern an zwischenmenschlichen Defiziten und einer fehlerhaften Einschätzung, wie das erworbene Wissen auch anzuwenden ist.

Whitehead erinnert das damalige wie das heutige Management daran: Qualität im Management und Führungspersönlichkeit entscheiden sich nicht am Fachwissen, sondern an der Fähigkeit, Lebenserfahrung zu machen und auch gut zu verarbeiten, an der Fähigkeit, die Dinge mit der eigenen Lebenserfahrung abzugleichen und einzuordnen, Entscheidungen zu treffen und den Mitarbeitern auch angemessen kommunizieren zu können.

Es ist der Unterschied zwischen Fachidiotie und Klugheit, auf den Whitehead hier anspielt, und damit sind wir im Feld der Disziplin, die seit jeher diese Ebene im Auge hat: der Philosophie.

 

Leadership und Philosophie

Aristoteles hat neben dem theoretischen Fachwissen und dem praktischen Produktionswissen eine dritte Art des Wissens erkannt und das ist genau das Wissen, um das es Whitehead geht: die Klugheit.

Aristoteles schreibt über die Klugheit:

„Es bleibt also nur übrig, dass sie eine handlungsleitende, wahre und auf Begründung beruhende Haltung im Bereich des für den Menschen Guten und Schlechten ist.”

Das zentrale Stichwort hier: handlungsleitend. Klugheit ist die Fähigkeit, ein Wissen in Taten und Handlungen umzusetzen. In diesem Sinne allen, die bereits Fachwissen haben: ab ins Leben, lernt Wissen anzuwenden! Oder: ab in die Philosophie!