Es gibt da eine kleine, nicht allzu bekannte Schrift von einem nicht allzu bekannten französischen Philosophen: Henri Bergson. Dieser Mann hat mehrere größere Werke geschrieben, die Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus zur Crème de la Crème gehörten, vor allem sein Hauptwerk „Schöpferische Evolution“, für das er 1927 immerhin mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.

Oft ist es sehr interessant, sich kleiner Schriften und Aufsätze großer Denker anzuschauen, und da gibt es eine 16seitige Schrift, die sich wirklich lohnt: „Das Mögliche und das Wirkliche“, 1930 erschienen. Diese Schrift hat das Potential, unsere Vorstellungen von Innovation auf den Kopf zu stellen und ist damit ausgesprochen spannend für alle, die Neues denken wollen.

Damit ist diese Schrift Bergson ein Paradebeispiel dafür, wie komplexe philosophische Texte für die Praxis entdeckt werden können.

Henri Bergson

Henri Bergson (Quelle: www.wikipedia.org)

Kurz zur Biographie von Henri Bergson: er wurde 1859 in Paris geboren als Sohn eines jüdischen Komponisten. Nachdem er sich zuerst als Philosophie-Lehrer in der Provinz durchschlug, wurde er schließlich 1900 auf einen Lehrstuhl in Paris berufen – bereits berühmt durch zahlreiche Veröffentlichungen, in denen er sich besonders mit dem Lebensbegriff auseinandersetzte.

In den 30er Jahren erkrankte er schwer, worauf er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückzog. Durch den Einmarsch der Nazis und die Herrschaft des verbündeten Vichy-Regimes wurde sein Leben als Jude in Frankreich immer schwieriger. 1941 verstarb er an den Folgen einer Bronchitis.

 

Das Mögliche und das Wirkliche

In dem 1930 erschienenen Essay „Das Mögliche und das Wirkliche“ ging Bergson der uralten Frage nach, was eigentlich passiert, wenn etwas Neues gedacht wird.

In der Antike ging man davon aus, dass dieses Neue von den Göttern wie ein Blitz aus dem Himmel kommt (Heraklit: „Alles steuert der Blitz!“); seit dem Deutschen Idealismus ging man davon aus, dass das Neue im Menschen entsteht: die Kreativität des Genies.

Um Bergsons Ansatz zu verstehen, ist folgende Anekdote hilfreich, die er in diesem Essay berichtet:

Ein Journalist und Theaterkritiker habe ihn gefragt, wie beschaffen das nächste große dramatische Werk sein würde. Bergsons Antwort:

„Wenn ich wüsste, was das große dramatische Werk von morgen sein wird, hätte ich es geschrieben!“

Der Journalist sei – wie die meisten Menschen – folgendem Irrtum erlegen: zu glauben, dass das Neue und Zukünftige bereits griffbereit vor einem liegen würde, wenn man nur genial genug ist.

 

Was genau ist hier der Fehler?

Es geht um das „Mögliche“ und das „Wirkliche“. Die meisten Menschen glauben, dass sich eine Wirklichkeit aus einer Möglichkeit ergibt: man sieht in sich eine neue Chance, ergreift sie und schafft so eine neue Wirklichkeit.

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Der Fehler: die Wirklichkeit erscheint uns als variable, einzelne Dinge, die sich in einem bestimmten Raum befinden. Die Dinge als Teile eines sie umfassenden Raumes. Ich kenne den Raum als Ganzes, und die einzelnen Dinge sind Spielmasse, die ich in diesem Raum verändern und so Neues erschaffen kann.

Dem hält Bergson entgegen: Es ist umgekehrt! Die Dinge sind unser Bezugspunkt, nicht der Raum, der nur in unserer Vorstellung existiert. Die Dinge existieren, nicht das, worin wir sie einordnen:

„Der konkrete Raum ist den Dingen wesenhaft. Sie stecken nicht in ihm, sondern er ist im Gegenteil in ihnen.“

Ganz grob gesagt: wir haben in unserem Kopf einen festen Rahmen, in denen wir die Dinge einordnen. Diesen festen Rahmen halten wir für realer und wirklicher als die Dinge selbst. Wenn wir kreativ sind, glauben wir, dass wir die Dinge innerhalb dieses Rahmens verändern, was aber nicht stimmt.

 

Was passiert stattdessen?

Neues fällt nie vom Himmel, sondern es entwickelt sich in den Dingen selbst. Die Dinge verändern sich ständig, und das Neue ist das, was ich aufnehme und in meinen Handlungen wiederholt aufgreife:

„Das Neue in unseren Handlungen kann also nur hervortreten, wenn es sich stützt auf das, was wiederholbar ist. Unsere normale Erkenntnisfunktion besteht also wesentlich in der Fähigkeit, alles Stabile und Regelmäßige aus dem Fließen des Wirklichen herauszuziehen.“

Normalerweise glauben wir, dass Kreativität so funktioniert, dass wir das denken, was sein soll und die Wirklichkeit damit verändern können. Oder, so Bergson: das Mögliche würde das Wirkliche erschaffen.

Aber, so Bergson weiter, es ist eigentlich umgekehrt:

„Das Wirkliche schafft das Mögliche, und nicht das Mögliche das Wirkliche.“

 

Was heißt das?

Die Wirklichkeit verändert sich ständig. Neues entsteht dort immer. Wie kann ich dort Neues entdecken? Indem ich diese Wirklichkeit, die ja gegenwärtig ist und die ich sehe, vergleiche mit der Vergangenheit. In diesem Vergleichen mit der Vergangenheit, das sich fortsetzt, erkenne ich immer wieder neue Möglichkeiten:

„Das Mögliche ist nur das Wirkliche in einem zusätzlichen Geistesakt, der dieses Wirkliche, wenn es einmal da ist, in die Vergangenheit zurückwirft.“

Das Mögliche oder das Zukünftige oder das Neue ist nicht in meinem Geist, es ist in der Wirklichkeit, die ich wahrnehme. Indem ich die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleiche, sehe ich das Neue, und dann kann dieses Neue mein Denken verändern.

Aus der Vergangenheit heraus kann ich Möglichkeiten entdecken und dann bin ich in der Lage, die Dinge der Gegenwart zu verändern.

 

“Erfinden”

Das wird vielleicht etwas konkreter, wenn man an das Wort „Erfinden“ denkt: Erfinden ist nicht das Herstellen von etwas komplett Neuem, sondern ein „Finden“ dessen, was bereits da ist. Ähnlich ist es mit dem Entdecken: etwas wird ent-deckt oder aufgedeckt, was bereits da ist.

Kolumbus hat den Kontinent Amerika nicht hergestellt, sondern er hat ihn entdeckt.

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Thomas Alva Edison hat die Glühbirne „erfunden“, indem er das, was da war, zueinander in neue Beziehungen setzte: Metalldrähte, Strom usw.

Michelangelo konnte die Kunst revolutionieren, nicht, indem er etwas „Neues“ herstellte, sondern indem er die Veränderungen in der damaligen Welt wahrnahm und sein künstlerisches Genie in der Lage war, diese Veränderungen, die da waren, in einer neuen Kunst auszudrücken – die inspiriert war von der antiken Kunst der Vergangenheit.

In all diesen Dingen entsteht etwas „Neues“, aber dieses „Neue“ ist Veränderung des Alten, ist Gestaltung und Mitwirken an einem Prozess, der immer weitergeht, weil die Welt sich immer verändert.

 

Wir und die Wirklichkeit

Was heißt nun all das konkret?

Ganz grob gesehen, geht es erst einmal darum, sich einzugestehen, dass nicht wir die Wirklichkeit dominieren, sondern die Wirklichkeit uns.

Unsere Versuche, die Wirklichkeit zu interpretieren, müssen immer wieder auf eine neue Probe durch die Wirklichkeit gestellt werden. Je besser wir dies hinkriegen, desto sensibler und präziser werden wir die Wirklichkeit wahrnehmen und dann erst in der Lage sein, das Neue der Wirklichkeit zu entdecken. Und dann erst können wir an dieser Wirklichkeit mitbauen.

Neues denken, etwas Neues erschaffen ist also weder etwas, dass von außen in uns reinkommt, noch etwas, das nur in unserem Geist passiert, es ist beides zusammen: ein Zusammenspiel unseres Geistes mit der Wirklichkeit, bei dem allerdings die Wirklichkeit den Geist dominiert, nicht umgekehrt.

Neues zu entdecken heißt also immer, das Mögliche im Wirklichen zu sehen und freizulegen.

 

Innovation

Wirkliche Innovation – und damit kommen wir zu professionellem Innovationsmanagement – fällt damit nicht vom Himmel, sondern bedeutet, das ganz klar zu sehen und zu verstehen, was da ist, wie es sich entwickelt, wie es sich vom Vergangenen unterscheidet, was neu ist.

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Indem dieses Neue verstanden, ausgesprochen und – wie auch immer – im Geist umgesetzt wird, entsteht Innovation, die die Wirklichkeit dann auch verändern kann, weil sie den natürlichen Prozess der Veränderung weiterführt und variiert.

Dieses Wissen um die starke Abhängigkeit unserer Innovationsfähigkeit von der Wirklichkeit hat folgende Konsequenz: sie eröffnet sehr viel größere Möglichkeiten der Innovation. Die Wirklichkeit sperrt uns nicht in einen Rahmen, auch nicht in den unseres Geistes, sondern sie bietet uns und unserem Denken unzählige neue Möglichkeiten, die wir immer neu entdecken können.

 

Das alles klingt sehr abstrakt, hat aber große Konsequenzen für unseren denkerischen Umgang mit der Wirklichkeit und damit nicht nur für professionales Innovationsmanagement, sondern für jeden Menschen, der darum wissen muss, nicht entgegen der Wirklichkeit, sondern in der Wirklichkeit zu leben:

„Hüten wir uns, in einer Untersuchung über die Beziehung des Möglichen zum Wirklichen nur ein bloßes Gedankenspiel zu sehen. Es kann eine Vorbereitung zum richtigen Leben sein.“

 

Literaturempfehlungen:

Bergson: Das Mögliche und das Wirkliche, in: Denken und schöpferisches Werden.

Bergson, Henri: Schöpferische Evolution.

Deleuze, Gilles: Bergson zur Einführung.