Aristoteles (384-322 v. Chr.) gilt bis heute als einer der ganz großen Giganten der Geistesgeschichte. Sein Denken beeinflusst bis heute unser europäisches Denken. Er hat meterweise Bücher hinterlassen, die bis heute zur Standardliteratur der Philosophie zählen.

Viele Jahrhunderte galt das, was er geschrieben hat, als geradezu unfehlbar. Es war schlicht und einfach wahr und wurde nicht hinterfragt.

 

In einem Buch, das den Titel „Über die Lebewesen“ trägt, schreibt Aristoteles an einer Stelle (II,3.501), dass der Mann natürlicherweise mehr Zähne besitzen würde als die Frau.

Das Spannende: das war damit gültig und wurde 2.000 Jahre geglaubt. 2.000 Jahre glaubten die Menschen, dass die Männer 32, die Frauen nur 30 Zähne hätten. 2.000 Jahre kam keiner auf die Idee, mal nachzuzählen. War ja geklärt, Aristoteles hat es geschrieben.

Erst im 17. Jahrhundert kam jemand auf die Idee, systematisch mal nachzuzählen. Das Ergebnis: natürlicherseits haben Frauen genausoviele Zähne wie die Männer!

 

Es soll jetzt nicht darum gehen, warum Aristoteles sich geirrt hat oder warum er überhaupt auf die Idee kam, dass Frauen weniger Zähne haben (wahrscheinlich, weil die Frauen damals oft Zähne in der Schwangerschaft verloren haben).

Diese Sache mit den Zähnen des Aristoteles ist aus zwei Dingen interessant, die durchaus Relevanz für unser gesellschaftliches Leben und für unternehmerische Kultur haben.

 

1.) Framing

Framing heißt: es gibt einen Bedeutungsrahmen und in den füge ich alles ein. Wenn ich Optimist bin, ist das Glas halbvoll (vgl. dazu den Blog über das “Framing“).

Framing heißt bei Aristoteles‘ Zähnen: jahrhundertelang glaubten die Menschen, dass Frauen weniger Zähne haben. Wenn dann der Zähnezieher im Dorf merkte, dass die Frau mehr Zähne hat (also eigentlich die natürliche Anzahl), dann war das die Ausnahme, die Frau, die bereits weniger Zähne hatte, war die Regel. Wenn der Zähnezieher überhaupt nachzählte. Warum auch?

Der „Frame“, der Bedeutungsrahmen regelt, was man sieht und wie man es verarbeitet. Solche Frames funktionieren auch in der Gesellschaft und auch im Unternehmen. Was im Unternehmen immer so lief, ist erst einmal gut und gültig. Veränderungen sind erst einmal schlecht. Was Neues passiert, wird erst einmal mit dem abgeglichen, was immer lief und muss sich dem gegenüber behaupten.

 

2.) Zählt die Zähne!

Irgendwann zählte mal einer richtig nach. Und dann wusste er: die Frau hat so viele Zähne wie der Mann!

Was zeichnete ihn aus? Er war in der Lage, sich von dem, was alle als gültig ansahen, zu distanzieren. Er bezweifelte das, was gültig war, er hinterfragte es und konnte so zu neuen Ergebnissen kommen.

Genau diese Fähigkeit braucht es auch im Unternehmen (und auch in der Gesellschaft). Sich nicht abspeisen zu lassen mit dem „Das haben wir schon immer so gemacht!“, sondern sich das einmal aus der Entfernung anzuschauen, sich von dem zu distanzieren, was alle als gültig und wahr ansehen und es zu hinterfragen. Und dann zu neuen Ergebnissen zu kommen.

Veränderungsprozesse und Change Management sind nicht möglich ohne die Fähigkeit. Und der große Aristoteles mit seinen Äußerungen über die Zähne bietet ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig und notwendig diese kritische Grundhaltung ist bzw. der Wille, nicht alles nachzubeten, sondern der Sache mal selbst auf den Grund zu gehen.

Mit anderen Worten: wenn es mal wieder heißt: „Aber das stimmt, das haben wir immer so gemacht!“, denken Sie an das Motto: Zählt die Zähne!