Dies ist der dritte Blog über Aristoteles, und diese Dreiheit ist kein Zufall. Es ging los mit dem „Sprecht vernünftig!“, seiner Rhetorik. Dann kam das „Handelt vernünftig!“ seiner Nikomachischen Ethik. Nun, am Schluss dieser Dreierreihe die Grundlage, das Schwierigste: das „Denkt vernünftig!“ seiner Metaphysik.

Aristoteles (384-322 v. Chr.) (Quelle: www.wikipedia.org)

Das Werk „Metaphysik“ ist eigentlich kein einheitlich konzipiertes Werk des Aristoteles. Es ist eine Zusammenstellung verschiedener Schriften, die aufgrund ihrer gemeinsamen Thematik gut zusammenpassten. Knapp drei Jahrhunderte nach dem Tod des Aristoteles hat ein gewisser Andronikos von Rhodos diese Schriften zu einem Buch zusammengestellt und hinter den Büchern über die „Physik“ einsortiert: „Nach-Physik“: Meta-Physik.

 

Worum geht es?

Der Titel „Metaphysik“ ist aber nicht nur rein bibliothekarisch sinnvoll, sondern auch inhaltlich. Denn es geht in diesem Buch um das, was „hinter der Physik“ ist bzw. was ihr zugrunde liegt: es geht um die Erkenntnis der Prinzipien, nach denen die Welt funktioniert, um das, was die Welt “im Innersten zusammenhält”.

Die anderen Wissenschaften, so Aristoteles, haben nur einen jeweils eingegrenzten Bereich. Ihm geht es hingegen um das Insgesamt, um das „Sein des Seienden“, wie er es nannte, also darum, was die Welt als Ganze eigentlich ist.

Die Einzelwissenschaften, so Aristoteles, haben die Vielheit der Welt im Blick. Die „Erste Philosophie“ des Aristoteles bringt diese Vielheit durch das Denken zu einer Einheit.

Die Vielheit der Welt ist materiell: wir können sie sehen, riechen, fühlen. Indem ich aber etwas über die Prinzipien der Welt erfahren möchte, darf ich nicht bei der Materialität der Welt stehenbleiben, sondern muss sie denkend durchdringen.

 

Das Satz vom Widerspruch

Das Denken muss verschiedenen Kriterien genügen. Das wichtigste ist der sog. „Satz vom Widerspruch“:

„Es ist unmöglich, dass dasselbe demselben und in derselben Beziehung unmöglich zugleich zukommen und nicht zukommen kann.“

Was soll das heißen? Es geht darum, dass eine Aussage sich nicht selbst widersprechen darf. Eine Aussage, die ausgesprochen wird mit dem Anspruch, die Wahrheit über etwas zu sagen, darf sich nicht widersprechen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Sache selbst, über die gesprochen wird, letztlich in sich auch nicht widersprüchlich ist: sie kann nicht etwas tun und exakt das Gleiche (!) zur gleichen Zeit nicht tun.

Zugegeben: das klingt banal. Doch hier liegt der Grund dafür, warum man überhaupt rational denken soll.

Quelle: www.dw.com

Nehmen wir das Beispiel Trump und die legendäre Diskussion, ob bei seiner Amtseinführung die größte Zuschauermenge aller Amtseinführungen in der Geschichte der USA anwesend war. Trump ging von der größten Menge aller Zeiten aus, Journalisten wiesen anhand von Fotos nach, dass dies nicht der Fall war, Trumps Pressesprecher sprach schließlich von „alternativen Fakten“.

Genau um eine solche Diskussion geht es beim Satz vom Widerspruch: es gibt keine alternativen Fakten. Natürlich kann ich verschiedene Sichtweisen auf ein Problem oder auf eine Sache haben. Aber letztlich geht es bei aller Verschiedenheit der Perspektiven um etwas Eindeutiges. Es kann keine zwei gleichberechtigten Meinungen über den genau gleichen Sachverhalt geben. Entweder war die Menge bei Trump die größte oder nicht. Punkt. Keine „alternativen Fakten“.

Warum ist das so wichtig?

Weil sonst jeder Versuch, über eine Sache nachzudenken, sinnlos wird. Wenn verschiedene Meinungen über ein Faktum recht haben können, brauche ich nicht untersuchen, was das Faktum wirklich ist.

Es geht dabei nicht um Rechthaberei. Vielleicht ist nie jemand in der Lage, eine Sache völlig zu verstehen. Es geht um den Anspruch, dass eine Sache prinzipiell und eindeutig verstehbar sein muss. Es muss eine Wahrheit über einen Sachverhalt geben, weil es sonst keinen Unterschied mehr gibt zwischen Lügen und Wahrheit.

Sich widersprechende Meinungen können nicht in gleicher Weise gültig sein. Wenn das nicht akzeptiert wird, brauche ich mit dem Denken und Untersuchen erst gar nicht anzufangen.

 

Die Substanz des Denkens

Denken, so lehrt Aristoteles, zielt letztlich immer auf eine Einheit. Er spricht von der „Substanz“ einer Sache: eine Sache verfügt über etwas Eigenes, das ihr Identität gibt. Diese Substanz ist im Denken erkennbar und erschließbar.

Diese Aussage ist eine scharfe Kritik an einen radikalen Konstruktivismus, wie er heute weit verbreitet ist – nicht nur beim Pressesprecher von Trump.

Natürlich hat jeder seine eigene Sicht auf die Dinge. Natürlich wird jeder von seiner eigenen Sicht auf die Dinge beeinflusst. Natürlich hat jeder ein Stück weit seine eigene Welt, weil er die Welt mit seinen eigenen Augen sieht.

Aber deshalb gibt es trotzdem noch objektive Fakten. Die werde ich vielleicht nie ganz objektiv sehen können, aber es gibt sie, weil es sonst keine Fakten gibt. Es gibt eben nicht nur Meinungen und nicht jeder hat recht, bloß, weil er von etwas überzeugt ist. Es gibt nicht nur Meinungen, es gibt auch begründete und begründbare Wahrheiten.

 

Streben nach Wissen

Aristoteles stellt Gesetze des Denkens auf. Nach diesen Gesetzen ist es dem Menschen möglich, die Welt denkend zu erfassen und einzuordnen. Und das will der Mensch, mit aller Kraft: die Welt verstehen. Der erste Satz der Metaphysik des Aristoteles lautet:

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“

Quelle: www.wikipedia.org

Der Mensch will verstehen: er will sich verstehen, er will die Welt verstehen. In diesem Verstehen gibt er den Dingen eine vernünftige Ordnung, macht er aus dem Chaos der Dinge einen „Kosmos“ (=Geordnetheit) der Dinge. Diese Tätigkeit, den Dingen eine Ordnung zu geben, ist die Tätigkeit des Denkens. Und diese Tätigkeit, so Aristoteles, ist der Natur des Menschen entsprechend. Hier wird der Mensch zum Menschen.

 

Fazit

In einem kurzen Blog wie diesem ist es unmöglich, ein Werk wie die Metaphysik des Aristoteles auch nur irgendwie angemessen darzustellen. Es ist aber möglich, immerhin eine Ahnung davon zu vermitteln, worum es Aristoteles geht: um das rationale, vernünftige Denken, das zielgerichtet ist und den Dingen auf den Grund gehen will.

Dafür wirbt er und dieses Werben ist heute so nötig wie je. Bei diesem Denken geht es nicht um ein richtungsloses vor-sich-hin-Meditieren, es geht um den konzentrierten und zielgerichteten Versuch, den Dingen denkend auf den Grund zu gehen: sie zu verstehen.

Wenn man die Welt verstehen will, dann muss man vieles tun: man muss die verschiedenen Dinge wahrnehmen, man muss die Dinge zueinander in Beziehung setzen, mit den Mitteln der Logik und der Vernunft Ordnungen für die Dinge entwerfen, diese Ordnungen immer wieder hinterfragen und von vorne anfangen.

Das ist der Versuch des Denkens, Erkenntnis zu erlangen. Dieser Versuch, so Aristoteles, ist nichts Zufälliges, sondern sitzt ganz tief in uns Menschen drin, weil wir eben erkennen wollen, weil wir es sogar müssen: wir haben einen natürlichen Wunsch, die Welt zu verstehen und ihr auf den Grund zu gehen. Je mehr uns das gelingt, desto besser können wir in der Welt leben.

Die Metaphysik des Aristoteles stellt bis heute den Menschen die Frage, was Denken ist, warum man denken soll, was Rationalität und Vernunft sind und warum es sinnvoll ist, rational und vernünftig zu denken. Vielleicht gelangt man zu anderen Antworten als Aristoteles. Aber seine Frage bleibt berechtigt.

 

Literaturempfehlungen:

Aristoteles: Metaphysik.

Flashar, Hellmut: Aristoteles. Lehrer des Abendlandes.

Rapp, Christof: Aristoteles zur Einführung.