Das Werk mit dem Titel „Rhetorik“, das Aristoteles wohl um 340 v. Chr. verfasst hat, ist der erste großangelegte Versuch der Geschichte, die Redekunst systematisch zu durchdenken.

Bis dahin gab es bereits einige rhetorische Handbücher mit vielen guten Tipps zur Erstellung einer guten Rede. Es gab Musterreden, verfasst von den großen Rednern jener Zeit, Gorgias, Isokrates usw.; es gab Sammlungen von Versatzstücken, die dann zu Reden zusammengefügt werden konnten.

Es gab also durchaus gutes Material, eine gute Rede zusammenzubauen. Was es noch nicht gab: eine Analyse, wie eine gute Rede eigentlich funktioniert. Nicht nur ein Tipp, wie eine gute Rede aussieht, sondern das Nachdenken darüber, warum eine gute Rede eine gute Rede ist.

Aristoteles liefert nun dieses „Warum“ einer guten Rede. Weshalb ist das so wichtig? Weil man erst dann selbst eine wirklich gute Rede verfassen kann, wenn man weiß, wie gute Reden funktionieren. Nur so kommt man aus dem Stadium heraus, andere Reden zu kopieren.

 

Was ist Rhetorik?

Was ist Rhetorik? Aristoteles weist direkt zu Beginn seines Buches darauf hin, dass Rhetorik etwas völlig Natürliches und Normales ist: jeder Mensch will überzeugen, will etwas begründen und will auch das hinterfragen und verstehen können, was ihm gesagt wird. Jeder der spricht oder zuhört, agiert rhetorisch.

Dies kann man nun auf gut Glück versuchen und auf seine natürliche Ausstrahlung vertrauen. Oder man beschäftigt sich professionell mit der Rhetorik. Für diejenigen schreibt Aristoteles dieses Büchlein “Rhetorik”.

 

Was ist die Hauptaufgabe der Rhetorik?

Aristoteles definiert sie so:

„Es ist die Aufgabe der Rhetorik, das Überzeugende zu erkennen, das jeder Sache innewohnt.“

Die Redekunst will nicht nur Emotionen erzeugen, sie will einen Inhalt vermitteln. Der erste Blick der Rhetorik richtet sich also auf den Inhalt: was will ich vermitteln? Dann kommt die Frage: was ist an diesem Inhalt überzeugend?

Bei dieser Überzeugung sind drei Faktoren zu berücksichtigen, die seit Aristoteles Bestandteil jeder professionellen Rhetorik sind:

  • der Charakter (ethos) des Redners: welche Glaubwürdigkeit hat der Redner und welche Glaubwürdigkeit kann er in der Rede gewinnen?
  • die Gefühlslage (pathos) der Zuhörer: welche Emotionen haben die Zuhörer und zu welchen Emotionen können sie gebracht werden?
  • der Wortlaut (logos) der Rede selbst: wie leitet man etwas Wahres oder Wahrscheinliches durch glaubwürdige Argumente her?

Quelle: www.rhetorik-netz.de

Auch wenn Aristoteles dem Wortlaut der Rede die inhaltlich größte Bedeutung beimisst, macht er klar, dass eine gute Rede auf das Zusammen aller drei Faktoren angewiesen ist. Wenn der Redner als unglaubwürdig oder bestechlich gilt oder die Zuhörer emotional gegen das Thema oder den Redner eingestellt sind, können die Argumente in der Rede noch so gut sein: sie greift nicht.

Der Wortlaut der Rede ist deshalb so bedeutend, weil er die beiden anderen Faktoren beeinflussen kann, wenn er auf sie Bezug nimmt: wenn in der Rede die Glaubwürdigkeit des Redners neu hergestellt werden kann oder die emotionale Voreingenommenheit der Zuhörer zum Positiven gewendet werden kann: das ist die hohe Kunst der Rhetorik.

Hierzu rät Aristoteles, genau zu wissen, was der Punkt im Inhalt der Rede ist, der vor diesen bestimmten Zuhörern als ein bestimmter Redner am überzeugendsten ist. Diese Überzeugung wird durch Argumente hergestellt und begründet.

Rhetorik und Wahrheit

Die Argumente („Enthymeme“) werden durch logische Schlüsse hergestellt, aus deduktiven Beweisgängen, die aber in der Rhetorik mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, nicht mit Wahrheiten.

Was heißt das? Soll die Rhetorik nichts mit der Wahrheit zu tun haben?

Die Wahrheit ist für Aristoteles etwas wissenschaftlich Belegbares und logisch Notwendiges. Diese wissenschaftliche Wahrheit braucht laut Aristoteles keine rhetorische Vermittlung: sie spricht für sich.

Nun geht es aber in den Überzeugungsreden selten um wissenschaftliche Wahrheiten, sondern um Beurteilungen menschlicher Handlungen usw. Hier muss logisch argumentiert werden, aber das Fundament ist eben eine „Wahrscheinlichkeit“, dasjenige, was von den meisten Menschen als gültig akzeptiert wird und plausibel ist. Mit diesen Größen muss die Rhetorik arbeiten, wenn sie überzeugen will.

Welche Reden gibt es?

Aristoteles erkennt drei verschiedene Redegattungen:

  • die politische oder beratende Rede, die sich auf die Zukunft bezieht
  • die Gerichtsrede, die sich auf die Vergangenheit bezieht
  • die Festrede, die sich auf die Gegenwart bezieht

Jede dieser Reden erfordert ein anderes rhetorisches Instrumentarium, das Aristoteles präzise durchgeht. Die Beweisgänge, die jedesmal erforderlich sind, verfügen über die gleichen logischen Strukturen, müssen aber je anders eingesetzt werden, weil das Ziel der Rede ein anderes ist: eine Hoffnung beim Publikum wecken, einen Angeklagten entlasten usw.

 

Emotionen und Vernunft

Aristoteles untersucht im Folgenden sehr genau die Emotionen. Wie welche Emotionen gestärkt oder geschwächt werden können. Dies tut er aber nie mit einer negativen manipulativen Absicht, sondern immer in Verbindung mit der Vernunft.

Das heißt, das, was am klarsten und besten überzeugt, ist die Vernunft selbst. Diese muss aber so vermittelt werden, dass sie der Glaubwürdigkeit des Redners und der emotionalen Situation des Publikums angemessen ist. Es ist für Aristoteles offensichtlich, dass die erste Aufgabe des Redners darin besteht, ob der Inhalt dessen, was er vermitteln will, vernünftig ist. Danach kann er sich darum sorgen, wie er den Inhalt möglichst gut rüberbringt.

Fazit

Die „Rhetorik“ des Aristoteles ist voller guter stilistischer und argumentativer Tipps, weist darauf hin, worauf man bei der Sprache achten soll, welche Sprachfiguren welche Wirkungen zeigen usw. Dies alles ist durchaus lesenswert (auch nach 2.500 Jahren), das Wichtige ist aber diese Verbindung der Rhetorik mit der Vernunft:

Eine gute Redekunst ist vernünftig. Umgekehrt kann man mit der Vernunft eine schlechte oder manipulative Rhetorik entlarven.

Nehmen wir ein Extrembeispiel der Rhetorik: die Rhetorik von Joseph Goebbels. Die war sprachlich geschickt konstruiert, konnte sehr manipulativ mit den Emotionen seiner Zuhörer umgehen. Aber der Inhalt? Aristoteles ist ein guter Schutz gegen eine Rhetorik, die nur auf Emotionen abhebt und über die Emotionen einen schlechten Inhalt vermitteln will.

Aristoteles lässt einen immer fragen: welchen Inhalt vertritt der Redner? Ist der vernünftig? Erst danach entscheidet sich seine Überzeugungskraft. Wenn der Inhalt nicht stimmt oder ethisch bedenklich scheint, dann können noch so viele Emotionen und positive Gefühle geweckt werden: die Rede ist schlecht.

Eine Rhetorik muss die Emotionen angemessen berücksichtigen, muss aber argumentativ stichhaltig sein. Wo dies nicht der Fall ist, wird manipuliert.

Die „Rhetorik“ des Aristoteles lehrt, den Blick zu schärfen, dass eine Rede nicht nur Emotionen wecken soll, sondern auch einen Inhalt hat, der in sich und mit den allgemeinen ethischen Werten stimmig sein muss.

Bereits zu Zeiten des Aristoteles gab es viele rhetorische Handbücher und es gibt sie noch heute. Dort finden sich viele Tipps, wie man eine gute Rede aufbaut und welche Techniken in der Rede sinnvoll sind. Diese Handbücher konnte und kann ein Aristoteles nicht ersetzen, aber sehr gut ergänzen. Eine gute Rede ist nicht nur die Technik, sondern der sinnvolle Inhalt, der technisch gut vermittelt wird.

Damit ist klar, dass Aristoteles bei einem Redner nicht nur gewisse technische Fähigkeiten voraussetzt, sondern auch Dinge wie Ethik und Vernunft. Es mag sein, dass die Techniken der Rhetorik auch ohne diese Dinge eingesetzt wurden und auch heute eingesetzt werden. Vielleicht ist es daher umso besser, den Appell des Aristoteles zumindest zur Kenntnis zu nehmen, vernünftig und ethisch verantwortungsvoll zu sprechen. Denn darin hat Aristoteles recht: auf lange Sicht sind diese Dinge in jedem Fall überzeugender.

Mein Schlusswort sind die letzten Worte der „Rhetorik“ des Aristoteles:

„Ich habe gesprochen, ihr habt es gehört, ihr wißt Bescheid, entscheidet!“

 

Literaturempfehlungen:

Aristoteles: Rhetorik.

Stroh, Wilfried: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im antiken Griechenland und Rom.

Ueding, Gert: Klassische Rhetorik.