Als der Südkoreaner Son Heung-min in der 96. Minute das 2:0 erzielte, war das endgültig besiegelt, was viele befürchtet oder geahnt hatten: Fußballweltmeister Deutschland ist ausgeschieden. Als Tabellenletzter muss die Fußballnationalmannschaft die Heimreise antreten.

Wenn eine starke Fußballmannschaft wie die deutsche gegen eigentlich deutlich schwächer eingestufte Gegner ausscheiden muss, dann gibt es nicht nur einen, sondern gleich ein ganzes Bündel an Gründen, die für das Scheitern verantwortlich sind.

Das Spannende: das Scheitern dieser Fußballmannschaft folgte den gleichen verheerenden Gesetzen, die auch anderswo greifen. Die Fußballnationalmannschaft ist eine Gruppe von professionellen Mitarbeitern, die gemeinsam mit ihrer Leitung ein bestimmtes berufliches Ziel erreichen wollen. Weil dieses Scheitern so öffentlich war, kann man an ihm vieles ablesen, was man auch im Scheitern von Unternehmen erkennen kann. Nicht nur Fußballer schießen Eigentore.

 

Keine Neuerungen

Bei der letzten Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien konnte Deutschland nach 24 Jahren wieder den Titel gewinnen. Dieser Titelgewinn wird von Experten auf verschiedene Faktoren zurückgeführt. Die Mannschaft war mit hervorragenden Spielern besetzt, sie war in den meisten Spielen sehr gut auf ihren jeweiligen Gegner eingestellt, das gesamte Umfeld der Mannschaft war perfekt organisiert.

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Als Hauptgrund wird oft das taktische System der Mannschaft genannt. Trainer Löw hat sich hier sehr stark am über viele Jahre erfolgreichen spanischen „Tiki-Taka“ orientiert und seine Mannschaft einen Fußball spielen lassen, der sehr stark von Dominanz in einem technisch starken Mittelfeld und Ballbesitz geprägt war.

Diese Art des Ballbesitzfußballs scheint jedoch ihre erfolgreichen Zeiten hinter sich zu haben: sowohl in Spanien als auch in Deutschland. Die anderen Mannschaften haben sich auf diesen Fußball eingestellt und sind in der Lage, durch konsequente Verteidigung und präzises Konterspiel zum Erfolg zu kommen.

Löw musste schmerzhaft sehen: Ballbesitz allein gewinnt keine Spiele. Dass der mexikanische Trainer nach dem Spiel gegen die Deutschen angab, bereits ein halbes Jahr vorher gewusst zu haben, wie die Deutschen spielen werden, verrät einiges über die Ausrechenbarkeit der Nationalmannschaft.

Wie eine Fußballmannschaft darf auch ein Unternehmen sich nicht blenden lassen vom eigenen Erfolg. Immer wieder muss überprüft werden, ob die Ursachen für den bisherigen Erfolg überhaupt noch gültig sind. Wenn nicht, muss reagiert werden. Neuerungen sind kein Selbstzweck, Beharrungsvermögen aber auch nicht. Viele Unternehmen scheitern, weil sie nicht erkennen, dass Änderungen nötig sind.

 

Falsche Personalauswahl

Die Mannschaft schien in diesem Turnier nicht motiviert zu sein. Natürlich wollten die Spieler ein gutes Spiel abliefern und das Turnier gewinnen, aber die letzten Prozente fehlten eben. Das sind die Prozente, die man nicht auf Knopfdruck herstellen kann, sondern für die man brennen muss. Dies schien bei der Nationalmannschaft nicht der Fall zu sein.

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Viele Spieler waren einfach satt. Der Kern der Mannschaft hat bereits vor vier Jahren den Titel gewonnen und strahlte dementsprechend eine derartige Routine aus, dass es nicht nur für den Beobachter, sondern oft auch für die Spieler selbst einschläfernd war. Hier muss der Kader anders zusammengestellt werden: eine größere Anzahl neuer, hungriger Spieler muss herangeführt werden, die dann auch Chancen auf einen Einsatz bekommen. So hat sich etwa die Nichtnominierung eines Spielers wie Leroy Sané als übler Bumerang erwiesen.

Die meisten strukturellen Schwierigkeiten in einem Unternehmen entstehen dadurch, dass die falschen Leute auf den falschen Posten sitzen. Mitarbeiter werden aufgrund ihrer guten Sachkenntnis befördert, haben aber keine Ahnung von Personalführung. Oder Mitarbeiter werden schlicht und einfach Aufgaben zugeteilt, denen sie nicht gewachsen sind. Teams werden falsch zusammengestellt. Eine gute Personalpolitik ist überlebenswichtig für ein Unternehmen.

 

Leistungsprinzip hinfällig

Die alten Platzhirsche hatten ihr Revier im Griff. Die Spieler, die wesentlich zu dem Gewinn des Titels 2014 beigetragen haben, hatten auch bei diesem Turnier ihren Stammplatz im Wesentlichen sicher. Herausragende Personale war sicherlich der Torhüter Neuer. Aufgrund einer Verletzung konnte er seit September 2017 nicht ein einziges Pflichtspiel absolvieren, war aber bei der WM gesetzt – obwohl mit Ter Stegen ein Weltklassetorhüter als Ersatz bereit gestanden hätte.

Unabhängig davon, wie gut oder schlecht dann Neuer gehalten hat: eine solche Konstellation ist tödlich für die Leistungsbereitschaft der Mannschaft. Sie verrät den Stammspielern: ich muss mich nicht anstrengen, ich habe meinen Posten sicher. Und sie verrät den nachdrängenden Spielern: ich brauche mich nicht anstrengen, ich habe eh keine Chance.

Das Leistungsprinzip hat nicht nur mit der Frage zu tun, wer kann am meisten leisten, sondern ist wesentlich mit der Gerechtigkeitsfrage verknüpft. Wenn Mitarbeiter das Gefühl bekommen, dass es nicht gerecht zugeht, weil bestimmte Leute für die gleiche oder sogar eine schlechtere Leistung besser entlohnt werden, dann kommt es nicht nur zu Neid und Missgunst, sondern führt auch oft dazu, sich nicht mehr motiviert einzusetzen.

 

Pech

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Hätte Mats Hummels in der in der 86. Minute gegen Südkorea den Kopfball verwandelt … Deutschland ist völlig verdient und nicht nur wegen Pech ausgeschieden. Aber Pech gehört eben auch dazu.

Der Faktor Pech spielt auch in unternehmerischen Prozessen eine große Rolle. Man kann sich noch so gut vorbereiten: es passieren trotzdem Dinge, die man nicht vorhersehen konnte. Es ist dann einfach Pech. In die Vorbereitungen ist daher immer der Faktor Zufall miteinzubeziehen. Der muss ja nicht immer Pech heißen, sondern kann auch mal Glück sein. Kroos traf ja auch in der Nachspielzeit gegen Schweden.

 

Keine Führung

Immer mehr Gerüchte sickern durch, dass es in der Nationalmannschaft intensive Grüppchenbildung gegeben hat zwischen den etablierten und den jüngeren Spielern. Offensichtlich hat Löw hier nicht entscheidend eingegriffen.

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Den dicksten Patzer haben Löw und Bierhoff aber in der Personalie Özil begangen. Özils Foto mit Erdogan war sicherlich ein absolute Dummheit. Die Frage ist, wie der DFB mit dieser Dummheit umgeht. Antwort: Erstmal gar nicht.

Bierhoff erklärte nach einem Tag öffentlicher Diskussion, das Thema sei jetzt durch (warum?), Löw bekundete kurz, dass er nichts mit Politik zu tun haben will und beging vor allem den großen Fehler, Özil von der Pressekonferenz freizustellen, an der alle anderen Spieler teilnehmen mussten. Keine Diskussion lässt sich bremsen, indem man sie nicht führen will. Das Ergebnis: Özil wurde von den Fans ausgepfiffen und war völlig verunsichert.

Was hätte der DFB tun sollen? Entweder Özil aus dem Kader entfernen oder sich schützend vor Özil stellen. Also irgendetwas machen. Und nicht nur abwarten. In jedem Fall hätte Özil sich in jener Pressekonferenz öffentlich erklären müssen. Das hätte eine zentrale Bedingung für den Verbleib in der Mannschaft sein müssen.

Mangelnde Führung hat immer negative Konsequenzen: wo Führung nicht präsent ist, können sich Probleme verselbständigen, einzelne Mitarbeiter treffen Entscheidungen, für die sie nicht berufen sind, Grüppchen entstehen usw. Führung heißt nicht Kontrollwahn oder Tyrannei, sondern bedeutet, mit Augenmaß einzuschreiten, wenn es nötig ist.

 

Keine Aufarbeitung der Fehler

Unmittelbar nach der Niederlage erklärte DFB-Präsident Grindel, dass man an Trainer Löw und der sportlichen Leitung festhalten wollte. Gleiches erklärte auch Sportmanager Bierhoff. Mittlerweile wurde erklärt, bis Ende August die Lage zu analysieren.

Es ist auffällig, vor der Analyse bereits Entscheidungen für die Zukunft zu treffen (Löw macht weiter). DFB-Präsident Grindel hat kurz vor der WM den Vertrag mit Löw verlängert und will diese Verlängerung nicht im Nachhinein als Fehler deklarieren – zumal seine eigene Position im DFB nicht unumstritten ist. Also muss an Löw festgehalten werden. Was zugleich bedeutet, nicht unbefangen aufarbeiten zu können, was eigentlich falsch gelaufen ist.

Fehler passieren immer und überall und lassen sich oft nicht verhindern. Ob in der Politik oder in der Wirtschaft: das wirklich Bedrohliche ist nicht, dass Fehler passieren, sondern wie mit den Fehlern umgegangen wird, die passiert sind.

 

Der Sündenbock

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Özils Foto mit Erdogan war alles andere als eine gelungene Situation. Und man merkte Özil bei den Spielen an, dass ihm diese Aktion in den Knochen steckt. Unabhängig von der Frage, wie der DFB vor den Spielen mit der Causa Özil umging und warum Özil dann spielen muss: dass die Nationalmannschaft ausschied, lag nicht an Özil. Er war nicht schlechter als die anderen auch.

Aus Sicht des DFB ist Özil aber der ideale Sündenbock, da er bereits angeschlagen ist und sich daher keine Verteidiger für ihn finden werden. Sportmanager Bierhoff und DFB-Präsident Grindel schießen sich auf Özil ein und machen ihn zum alleinigen Sündenbock für das Ausscheiden der Mannschaft. Wenn Özil ein Problem für die Mannschaft ist, warum schritt man dann nicht vorher ein? Warum werden nicht andere Spieler oder auch eigenes Fehlverhalten benannt? Oder mal zumindest darüber nachgedacht?

Sündenböcke erfüllen eine wichtige Funktion: sie können vom eigenen Versagen ablenken und der Öffentlichkeit ein Ventil bieten, eine klare, griffige und eindeutige Antwort auf die Frage zu erhalten, wer an dem Desaster schuld ist. Bevor man komplizierte Dinge erklären muss oder gar eigenes Versagen eingestehen muss, schnappt man sich einen Sündenbock. Das mag sicherlich eine gewisse Ruhepause verschaffen (für einen selbst, nicht für den Sündenbock), löst allerdings keines der Probleme, die zur Krise geführt haben.

 

Fazit

Nicht nur das Spiel der deutschen Nationalmannschaft, auch das Bild, das die Verantwortlichen in der Aufarbeitung des sportlichen Desasters abgeben, ist jämmerlich, peinlich und im Falle eines Spielers wie Özil (Sündenbock) auch ethisch bedenklich. Für den Erhalt der eigenen Posten ist offensichtlich kein Niveau zu niedrig.

Die Krise der Nationalmannschaft und des DFB enthält eigentlich alle klassischen Elemente in Reinform, die eine Krise auszeichnen. Es ist damit zu rechnen, dass die bisherige „Taktik“ des DFB nicht für eine Beruhigung der Medien sorgen wird und durchaus noch für personelle Konsequenzen sorgen kann, die angesichts des Verhaltens der letzten Wochen und Monate gerechtfertigt wären.