Philosophie als Lebenspraxis

Er hat es sich in seiner Tonne bequem gemacht. Schläfrig blinzelt er in die Sonne, gähnt gelangweilt vor sich hin. Kurz bevor seine Augen endgültig zufallen, wird er aufmerksam. Vom Stadttor her kommt Unruhe auf: der König, Alexander der Große genannt, besucht die Stadt. Alle Menschen sind auf den Beinen. Diogenes zuckt mit den Achseln und lässt sich in sein Kissen zurücksinken. Müde schlummert Diogenes ein.

Dann wird er wach. Die wärmende Sonne ist weg. Vor ihm steht der König, vor dem die ganze Welt zittert: Alexander der Große. Er hat von diesem komischen Philosophen namens Diogenes gehört und will ihn sehen. Die beiden Männer sehen sich an. Alexander sieht vor sich einen Mann, der in einer Tonne lebt, und dem trotzdem die ganze Welt zu gehören scheint. „Du hast einen Wunsch frei, Diogenes!“ spricht Alexander hoheitsvoll. Diogenes runzelt kurz nachdenklich die Stirn. „Ja“, meint Diogenes und gähnt genüsslich: „Du könntest mir aus der Sonne gehen.“

Diese Anekdote aus dem Leben des Diogenes von Sinope (405-320 v. Chr.) ist eine der meisterzählten der Philosophiegeschichte und sie bestimmt das Bild des Philosophen bis heute. Der Philosoph ist ein weißbärtiger Mann, idealerweise in einer Höhle lebend, abgeschieden von der normalen Welt, der seine Mitmenschen mit weisen Sprüchen beglückt.

Philosophie als eine Lebenspraxis. Als eine bestimmte Haltung zum Leben und als lebenspraktische Beratung anderer Menschen. Ja, auch.

 

Philosophie als rationales Denken

Dieser lebenspraktische Aspekt der Philosophie mag der zur Zeit populärste sein, er ist jedoch nicht der historisch erste und auch nicht derjenige, der die Philosophie zur Philosophie macht. Spannenderweise entstand er erst zwei Jahrhunderte nach dem Beginn der Philosophie.

Die Philosophie begann um das Jahr 600 v. Chr. mit der großen Frage nach dem, was die Welt eigentlich zusammenhält, wie die Welt funktioniert und wo sie herkommt. Von lebenspraktischen Fragen oder auch nur vom Menschen selbst war zunächst gar nicht die Rede.

In der ersten Zeit der Philosophie war vom Menschen maximal indirekt die Rede als jemandem, der entweder rational denken kann (dann ist er gut) oder nicht (dann ist er dumm). Es hat fast zwei Jahrhunderte gebraucht, bis zuerst Sokrates und dann Platon und schließlich Aristoteles die Philosophie in Richtung der Ethik weiterentwickelt und danach gefragt haben, was denn all diese theoretischen Kenntnisse eigentlich mit dem Menschen und seinem konkreten Leben zu tun haben.

Dieser Schritt zum Menschen hin war absolut notwendig und er ist unwiderruflich. Aber es war eben erst der historisch und systematisch zweite Schritt der Philosophie. Philosophie ist erst einmal die Suche nach rationalen Begründungsstrukturen. Philosophie ist nicht Philosophie ohne diesen ersten Schritt.

Nicht jeder, der wie Diogenes in einer Tonne liegt oder einen sonstwie exotischen Lebensstil hat, ist deshalb ein Philosoph.

Was Diogenes zum Philosophen macht, ist sein Denken, das ihn schließlich zu dieser eigenwilligen Lebensform führte, nicht umgekehrt. Philosophie ist in erster Linie und ganz fundamental rationales Denken, das Suchen nach Begründungen. Diogenes ist Philosoph, weil er mit rationalen Kriterien über das Leben nachgedacht hat und die Tonne wurde dann zur Konsequenz dieser Überlegungen. Diese Reihenfolge ist existentiell für die Philosophie und so ist auch ihr historischer Weg verlaufen.

Philosophie ist damit nicht das „Bewusster-Leben“ oder das „Andersleben“, sondern das rationale Nachdenken, das allerdings in einem zweiten Schritt zu einem anderen Leben führen kann. Da, wo eine bestimmte Lebenshaltung oder Welteinstellung propagiert wird, aber auf eine rationale Begründung verzichtet wird, handelt es sich nicht um Philosophie, sondern um Esoterik oder gar um Ideologie.

Natürlich kann und soll Philosophie lebenspraktische Konsequenzen haben, aber diese sind eben erst eine Konsequenz der Philosophie selbst. Damit ist die Philosophie in ihrem Kern keine Therapie und erst recht keine Heils- oder Erlösungslehre.

Die Philosophie besteht nicht in der Weitergabe von Lebensweisheiten, sondern im Bezweifeln vermeintlicher Sicherheiten, in der Suche nach rationalen Kriterien, die Wirklichkeit endlich erklärbar zu machen. Philosophie soll nicht beruhigen, sondern zum Denken anregen.

Die Phasen der Philosophiegeschichte, in denen es der Philosophie vorrangig um die Vermittlung einer ruhigen und gelassenen Grundhaltung ging, waren erstaunlich kurz. Es ist wohl kein Zufall, dass unsere heutige Zeit in ihrer Ruhelosigkeit voller Faszination gerade auf die stoische Philosophie der Antike blickt, aber repräsentativ für die gesamte Philosophie ist sie eben nicht.

Die Philosophie ist nicht die Ruhe der Antwort, sondern die Dynamik des Fragens.

Entsprechend geht es der Philosophie eigentlich nicht darum, die Menschen zu beruhigen und stillzustellen, sondern darum, aus einem Fragen heraus eine denkerische Dynamik zu entwickeln. Bestehende Verhältnisse sollen nicht stoisch geduldig ertragen, sondern neugierig und kritisch hinterfragt und rational beurteilt werden. Denken wird durch Fragen angeregt und um dieses geht es der Philosophie, wenn sie nicht in küchenpsychologischen Ratschlägen oder esoterische Lehren abgleiten will.

 

Philosophie als Methode

Was ist nun die Philosophie? Sie ist letztlich kein bestimmter Inhalt, sondern eine bestimmte Methode, einen Inhalt zu erzeugen.

Das Wort „Methode“ ist hier nicht zufällig gewählt. Wie vieles Großartige stammt es aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich soviel wie „Nachgehen“ oder „Verfolgen“. Diese Bedeutung mag vielleicht erstaunen, macht aber Sinn, denn es geht bei einer Methode strenggenommen nicht – wie man vermuten könnte – um ein „Vorgehen“, sondern um ein „Nachgehen“: die Methode beschreibt die Schritte, wie ich mit einem bestimmten Inhalt umgehe, der bereits da ist und dann gehe ich diesem Inhalt „nach“.

Wo das nicht passiert, wird die Methode zu einem Selbstzweck, der toll daherkommt, aber nicht weiterhilft, einen bestimmten Inhalt zu bewältigen.

Die Philosophie entstand als eine Methode, die einem bestimmten Inhalt „nachging“: dem Verständnis des Kosmos. Sie entstand als der Versuch, nach Kriterien zu suchen, wie man die Welt erklären kann: Welche Gründe gibt es, dass die Welt so und nicht anders funktioniert? Worauf können sich wirkliches Wissen und wirkliche Erkenntnis eigentlich stützen? Was ist Erkenntnis überhaupt?

Philosophie ist nicht nur Nachsinnen über Sinn und Unsinn dieser Welt, sondern methodisches Denken. Die Philosophie schaut nach rationalen Kriterien, mit denen sie die Welt beurteilen kann und fragt gleichzeitig danach, was eigentlich Vernunft und Rationalität sind. Hier liegt der Kern der Philosophie als Methode. Dies bedeutet nicht, den Menschen nur als logisches und rationales Wesen zu sehen.

Philosophie bedeutet: Nicht der Mensch muss rational sein, sondern die Aussagen, die über den Menschen getroffen werden.

 

Methode und Inhalt

Nicht überall, wo Philosophie draufsteht, ist auch Philosophie drin – jedenfalls nicht, wenn man die Philosophie begreift als rationales und methodisches Denken.

Hierbei ist zu beachten: es gibt nicht die eine philosophische Methode. Die Philosophie entwickelt sich ständig weiter und auch ihre Methodenvielfalt entwickelt sich weiter. Aber ob etwas „Philosophie“ ist oder nicht, entscheidet sich daran, ob es methodisch ist und ob es sich nach rationalen Vernunftgründen ausrichtet.

Methode und Inhalt gehören zusammen.

Die Rationalität ist kein Selbstzweck. Es geht auch um den Inhalt. Aber der ist das Ergebnis des Nachdenkens – nicht das Denken eine nachträgliche Begründung eines esoterischen Inhalts.

Philosophie als Methode ohne Inhalt ist blind und verkommt zu einem bloßen Gedankenspiel. Philosophie als Inhalt ohne Methode verkommt zur Esoterik.

Hieraus ergeben sich zwei Forderungen an die Philosophen:

  1. In der akademisch-universitären Philosophie den Inhalt nicht zu vergessen: Philosophie braucht eine Alltags- und Lebensrelevanz. Und die muss nicht erst nach mühevoller Suche entdeckt werden können, sondern von den Philosophen selbst deutlich gemacht werden.
  2. In der philosophischen Beratung: Inhalt muss auch rational begründbar sein. Philosophie ist nicht Philosophie ohne das Abheben auf rationale Begründungsstrukturen. Nicht die Tonne machte Diogenes zum Philosophen, sondern das rationale Denken. (Vgl. dazu den Blog “Philosophie und Unternehmensberatung“)

 

Literaturempfehlungen:

Martens, Ekkehard: Methodik des Ethik- und Philosophieunterrichts. Philosophieren als elementare Kulturtechnik.

Pfister, Jonas: Werkzeuge des Philosophierens.

Schönwälder-Kuntze, Tatjana: Philosophische Methoden zur Einführung.