Was kann man als Philosoph Unternehmen bzw. Führungskräften in Unternehmen mitgeben? Dahinter steckt natürlich die große Frage, welche öffentliche Relevanz Philosophie eigentlich hat.

Für mich war die Frage vor etwas über einem Jahr viel konkreter: Wie kann ich mich als Philosoph in der Beratung von Unternehmen positionieren? Was ist mein Inhalt? Mein Profil?

 

Natürlich spielt die Ethik immer eine große Rolle. Ist auch am einfachsten zu erklären. Philosophen machen Ethik. Unternehmen brauchen Ethik. Macht Sinn, ist sofort zugänglich.

War mir aber zu wenig. Auch zu wenig dem entsprechend, was Philosophie ist. Nämlich nicht nur Ethik, sondern im Kern rationales Denken (siehe Blog “Philosophie als Methode“).

 

Der Blick in die Vergangenheit

Ich habe mich viele Jahre mit der antiken Philosophie beschäftigt, gerade auch mit der Frage, warum sie damals entstanden ist: Wie kam das rationale Denken überhaupt in die Welt? Warum waren die alten Antworten der Mythen und Religionen nicht mehr gültig? Warum auf einmal die Suche nach der Rationalität?

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Bevor die Philosophie ethisch war (das wurde sie erst mit Sokrates), war sie rational, war sie der sehr erfolgreiche und wirkmächtige Versuch, durch methodisches Denken den Lauf der Welt zu analysieren. Warum nicht diesen Weg zum Thema meiner Beratung machen?

Hier liegt die Wurzel, der Grund dessen, was wir heute als rationales Denken verstehen und dieses rationale Denken brauchen wir heute überall – in der Gesellschaft, in der Politik, im Unternehmen.

 

Ich habe mir dann noch einmal die Entstehungsgeschichte der Philosophie auf diese Frage hin angeschaut: Welche Schritte gab es, damit das rationale Denken sich entwickeln konnte? Wie kann man diese Schritte heute rüberbringen?

 

Ich habe insgesamt sieben Schritte aus der Entstehungsgeschichte der Philosophie herausgearbeitet, die ich hier kurz vorstellen möchte:

1. Das Staunen

Die großen Philosophen wie Platon und Aristoteles haben im Staunen den Anfang der Philosophie erkannt. Bereits in den Texten vor der klassischen Philosophie – etwa bei Homer – finden sich Hinweise auf ein Staunen über die Welt: die Welt ist nicht nur von schön, weil sie von den Göttern geschaffen wurde, sie ist an sich etwas, über das man staunen und das neugierig betrachten kann.

Wenn ich eine Sache wirklich verstehen will, muss ich auf sie neugierig sein, darüber staunen, dass sie ist. Nichts ist selbstverständlich.

 

2. Kritik

Die Tragödien im antiken Griechenland waren der Anfang der Kritik an der Allmacht der Götter: nicht das Schicksal der Götter bestimmt unser Leben, wir Menschen können es. Der Mensch beginnt sich gegen das allmächtige Schicksal aufzulehnen und seine eigenen Möglichkeiten zu entdecken. Erst danach konnte die „richtige“ Philosophie beginnen.

Wenn ich eine Sache verstehen will, brauche ich auch eine Distanz ihr gegenüber. Die Kritik an einer Sache ist die Bedingung dafür, dass ich sie rational und so objektiv wie möglich beurteilen kann. Eine Sache hat gute und schlechte Eigenschaften, beide Seiten müssen erkannt werden.

 

3. Die Begründung

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Die „richtige“ Philosophie startet mit den sog. „Naturphilosophen“: Nicht die Kräfte der Götter bestimmen den Lauf der Welt, sondern es gibt Kräfte in der Natur, nach denen sie funktioniert. Diese Kräfte kann man suchen und beschreiben.

Wenn ich eine Sache verstehen will, muss ich auf ihre Ursachen schauen: Warum ist etwas so, wie es ist? Welche Faktoren haben dafür gesorgt, dass eine Sache entstehen kann und sind diese Faktoren immer noch aktiv? Welche Begründung hat eine Sache?

 

4. Das Denken in Gegensätzen

Die Welt existiert als dauernder konfliktreicher Austausch von Kräften, die Welt existiert als ein Krieg der Dinge, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, so Heraklit.

Wenn ich eine Sache verstehen will, dann nicht für sich, sondern in dem, wie sie auf anderes wirkt und wie anderes wiederum auf sie einwirkt. Keine Sache ist völlig isoliert, sondern alles ist Teil eines Netzes von Beziehungen. Wenn ich mir dieses Netz anschaue, kann ich viel über die Sache erkennen, um die sich dieses Netz gespannt hat.

 

5. Die Abstraktion

Mit Parmenides (und dann Platon) kam eine neue Ebene in das Verstehen: die Abstraktion. Das konkret Wahrgenommene wird abstrahiert, wird in Begriffen zusammengefasst. Diese Begriffe – nicht das Konkrete selbst – sind dann Grundlage der Erkenntnis: die Ebene des Denkens selbst.

Verstehen passiert über Einordnungen, darüber, etwas begrifflich zu fassen. Die Begriffe fassen zusammen, was gesehen und gefühlt wird und machen es greifbar und bearbeitbar.

 

6. Die Ethik

Mit Sokrates (und dann Platon) taucht die Frage auf, wie sich denn die ganze rationale Erkenntnis eigentlich zu uns Menschen verhält und ob es nicht Werte gibt, an denen wir uns orientieren müssen: der Beginn der Ethik.

Das Verstehen einer Sache ist das eine, die ethische Frage ist eine andere, aber nicht weniger wichtig. Jede Erkenntnis und jedes Handeln sind nie neutral, sondern haben immer eine ethische Dimension und müssen auch auf diese hin analysiert werden.

 

7. Die Logik

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Mit Aristoteles kommt eine neue Ebene in die Philosophie, die der Logik. Logik ist nicht deckungsgleich mit der Rationalität (siehe Blog “Rationalität vs. Logik“), aber sie ist ein wichtiger Teil der Rationalität.

Die Logik stellt die Mittel bereit, zu erkennen, ob bestimmte Dinge an sich logisch, also notwendig so verhalten wie sie sich verhalten, und ob bestimmte Folgen, die logisch erscheinen, wirklich logisch sind und so sein müssen, wie sie sind.

 

 

Methodisches Denken

Die genannten Schritte stellen die Entstehung der Philosophie und damit die Wurzel unserer Rationalität dar. Diese Schritte sind nicht nur historisch interessant, sondern auch heute gehbar – für einen selbst, aber auch für ein Unternehmen. Diese Schritte ergeben eine Methode des Denkens und dieses Denken ist bitter nötig. Rationales Denken ist überall da nötig, wo Situationen beurteilt und Entscheidungen getroffen werden müssen.

 

Diese Schritte einer „Methode des Denkens“ sind ein wichtiges Fundament meiner beraterischen Tätigkeit für Unternehmen und Personen mit Führungsverantwortung.

Sie sind der tragende Teil meines Workshops „Rationalität: Wie geht Denken?“.

Näher ausgeführt und erläutert werden sie in meinem neuen Buch „Philosophie in der Unternehmensberatung: Methodisches Denken für die Praxis“, das vor wenigen Tagen erschienen ist:

 

Philosophie in der Unternehmensberatung. Band 1

Methodisches Denken für die Praxis

256 Seiten

ISBN 978-3-7481-2042-1

Preis: 19,50 €

In diesem Buch geht es um die systematische Grundlegung des “Methodischen Denkens”, aber auch darum, wie dieses Denken in der Praxis eingeführt und angewendet werden kann. Das Buch kann bereits über den Verlag (hier) bestellt werden. In den nächsten Tagen ist das Buch auch bei Amazon und Co. gelistet.

Weitere Bände der „Philosophie in der Unternehmensberatung“ sind bereits in der Planung. Dieser Band über das „Methodische Denken“ steht ganz bewusst am Anfang dieser Reihe, weil es den Kern meiner beraterischen Tätigkeit betrifft und weil nur von diesem methodischen Denken her überhaupt verstehbar wird, was Philosophie ist und welche große Rolle die Philosophie heute spielen kann – in der Gesellschaft, in der Politik und in den Unternehmen.