Zeiten von Krisen sind logischerweise Zeiten, in denen das gefragt ist, was man als „Krisenfestigkeit“ bezeichnet: nicht in Panik geraten, unbeirrt an den Zielen festhalten, sich gut orientieren, schauen, was gut, was nicht geht, ruhig bleiben, nicht hektisch werden.

Neudeutsch: Resilienz.

Die Resilienz ist in diesen Monaten zu einem zentralen Begriff geworden, gilt es doch sowohl für den Einzelnen, als auch für Unternehmen oder sogar ganze Gesellschaften „resilient“ zu sein.

 

Erstaunlicherweise hat das Thema „Resilienz“ in der Philosophie bis heute eigentlich keine große Rolle gespielt. Die eigene, innere Widerstandskraft zu stärken war eher Thema der Religion oder der Psychologie. Dennoch gab es in der Antike eine philosophische Schule, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat und die seit vielen Jahren in breiten Kreisen unserer Gesellschaft sehr beachtet ist: die Stoa.

 

Die Stoa

Der Name „Stoa“ leitet sich ab von einer Säulenhalle („Stoa“) des Marktplatzes in Athen, in der Zenon von Kition um 300 v. Chr. seine Schüler unterrichtete und auf diese Weise eine der bedeutendsten Schulen der Antike begründete, die bis in die römische Antike und in das frühe Christentum hineinragte.

Bekannteste Vertreter sind neben dem Begründer Zenon von Kition (333-262 v. Chr.) und Poseidonios (135-51 v. Chr.) vor allem Seneca (1-65), Epiktet (50-138) und Marc Aurel (121-180).

Worum ging es der Stoa?

Die Philosophie jener Zeit nahm das Individuum stärker in den Fokus – und genau das macht die Stoa für unsere moderne Zeit so anziehend. Der Stoa ging es ganz praktisch gedacht darum, Hinweise zu geben, damit dieses Individuum gut und sinnvoll leben kann.

Seneca (1-65), Quelle: www.wikipedia.org

Das Leben dieses Individuums gelingt besser, je mehr es sich in die allgemeine Welt einfügt. Der Kosmos funktioniert nach „logischen“ Gesetzen. Je besser man sie erkennt, desto eher ist es möglich, ein diesem Kosmos gemäßes Leben zu führen.

Ganz wesentlich für dieses Leben ist damit auch die „logische“ Kontrolle des eigenen Lebens. Affekte und Emotionen müssen kontrolliert werden, um in den gewünschten Zustand der „Apathie“ zu kommen. Dies bedeutet nicht, wie man vermuten könnte, ein passives, träges Herumlungern, sondern ein aktives Leben, das allerdings in sich ruht (Seneca: „Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele mit sich selbst.“) und die eigenen Emotionen im Griff hat:

„Den größten Reichtum hat, wer arm an Begierden ist.“ (Seneca)

 

Stoische Resilienz

Aus dieser „stoischen“ Lebensführung ergibt sich eine bestimmte Art der Resilienz. Wesentlich ist der Gedanke der Selbstbescheidung: das eigene Wünschen ist auf das zu reduzieren, was wirklich im Leben zählt. Alles andere darf keine Rolle spielen und ist nur Beiwerk, letztlich eine unwichtige Einbildung:

„Lass die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, dass man dir Böses getan.“ (Marc Aurel)

Entsprechend ist der Verlust vieler angeblich wichtiger Dinge kein wirklicher Verlust. Man soll die Dinge genießen, solange es geht; wenn es nicht mehr geht, ist es hinzunehmen:

„Solange das Schicksal es erlaubt, sei froh!“ (Seneca)

Jedes menschliche Leben ist immer wieder von Leid geschlagen (letztlich vom Tod). Kein Mensch kann in seinem Leben jedem Leid ausweichen. Daher zählt für den Stoiker nicht, welches Leid man hat, sondern wie man erträgt: „Nicht was, sondern wie du erträgst, ist von Belang.“ (Seneca)

 

„Trost der Philosophie“

Das bedeutendste Werk einer „stoischen Resilienz“ ist der „Trost der Philosophie“ des Boethius (480-525). Er war unter dem Ostgotenkönig Theoderich einer der bedeutendsten Politiker, wurde dann aber zum Tode verurteilt und hingerichtet. In der Haft entstand dieses Buch, das in gewisser Hinsicht zu den schönsten Werken der Antike bzw. des beginnenden Mittelalters zählt.

Boethius (480-525), Quelle: www.wikipedia.org

Boethius findet vor seinem Tod Trost in der stoischen Philosophie. Er lernt in diesem Buch, trotz dieser furchtbaren Situation im Gefängnis, die wesentlichen Werte seines eigenen Lebens zu genießen, und das sind die Werte seines Inneren, seine Fähigkeiten, Begabungen.

Diese Selbsterkenntnis, die gleichzeitig eine Selbstbescheidung ist, ist das, was nach außen Macht bedeutet, so der Politiker Boethius. Damit ist die Selbstbescheidung Quelle der Macht:

„Also besitzen Selbstgenügen und Macht ein und dasselbe Wesen.“

 

Das Schlechte, das er gerade durchmachen muss – das Gefängnis, die Hinrichtung vor Augen – hat letztlich seinen Sinn, weil alles in der Welt seinen Sinn hat. Auch eine derartige Prüfung kann den Sinn haben, sehr radikal das eigene Gut und die eigene Größe herauszustellen, weil alles andere vor der Vernichtung steht.

Auf diese Weise ist das Buch „Trost der Philosophie“ Teil dieser Vergewisserung einer eigenen Größe, der auch der Tod nichts anhaben kann.

 

Stoische Resilienz heute

Die Stoa ist vor über 2.000 Jahren entstanden und das merkt man ihr natürlich an. In vielen Punkten ist sie mit unserem Welt- und Menschenbild nicht mehr kompatibel. Spätestens mit Freud wissen wir, dass Affekte und Emotionen Teil unserer menschlichen Natur sind und man sie gar nicht völlig abstellen kann.

Dennoch ist es kein Zufall, dass die Stoa sich zur Zeit großer Beliebtheit erfreut. Sie versteht es meisterhaft, die Hektik des modernen Menschen zu beruhigen und den rasenden Alltag auf das Wesentliche zu reduzieren.

Hier liegt auch die Stärke der stoischen Resilienz, die wir heute übernehmen können: Resilienz baut sich dann auf, wenn vieles, das für Frust und Unruhe sorgt, auf seine wahre Bedeutung zurückgeführt und damit (meistens) reduziert wird.

Krisenfestigkeit, weil nicht mehr alles zur Krise wird.

Dies kann natürlich auch – und hier liegt die Gefahr der Stoa – dazu führen, alles „apathisch“ hinzunehmen und „stoisch“ zu ertragen. Resilienz liegt nicht darin, nichts mehr an sich heranzulassen.

Stoische Resilienz liegt in der Fähigkeit, einen eigenen, inneren Halt zu haben, und in der Fähigkeit, das an sich heranzulassen, was wichtig ist, und das zu verbannen, was unwichtig ist.

„Blickt auf die Weite, die Festigkeit, die Raschheit des Himmels und hört einmal auf, Wertloses zu bewundern!” (Boethius)

 

 

Literaturempfehlungen:

Flasch, Kurt: “Boethius. Trost der Philosophie

Marc Aurel: “Selbstbetrachtungen

Weinkauf, Wolfgang: “Die Philosophie der Stoa. Ausgewählte Texte