Es waren Studentinnen und Studenten der Literaturwissenschaft. Sie sollten zur nächsten Sitzung einen Text von 20 Seiten lesen. Alltägliche Routine für junge Menschen, die Literaturwissenschaft studieren. Sollte man meinen.

Nicht einer von ihnen schaffte es. Sie konnten es nicht. Woran lag es? Eine Studentin gestand ehrlich: Der Text sei zu lang und sie habe immer wieder den Überblick darüber verloren, worüber der Text eigentlich gehen würde.

Der Dozent ist zutiefst erschrocken und schreibt über diese Erfahrung einen Text, der seitdem viral geht: „Meine Studenten können nicht lesen!

Tyler Jagt ist Professor für Literaturwissenschaften. Er ist noch ein junger Mann, aber hat schon einige Jahre Erfahrung hinter sich. Was ihn erstaunt – oder sogar schockiert: nicht nur, dass eine solche Textlänge in seiner eigenen Studentenzeit keinen beeindruckt hätte, selbst fünf Jahre vorher hatte er den exakt gleichen Text ausgegeben: keine einzige Klage. Und nun das.

 

Solche oder ähnliche Erfahrungen wird vermutlich jeder gemacht haben, der seit längerer Zeit im Bildungswesen aktiv ist. Das Klagen über den Bildungszustand der Jugend ist so alt wie die Bildung selbst. Aber in den letzten Jahren scheint sich noch einmal etwas verschärft zu haben.

Dies belegt nicht nur das Gefühl vieler Menschen, die im Bildungswesen tätig sind, dies belegen mittlerweile zahlreiche Studien, die alle zu dem Ergebnis kommen: die Fähigkeit, Texte zu lesen und zu verstehen, nimmt rapide ab.

 

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ganz grob kann man sagen: schuld ist die Digitalisierung in all ihren Aspekten.

Dass Jugendliche und junge Menschen in der Fläche keine begeisterten Bücherratten sind, ist nichts Neues. Neu ist das, was in den letzten Jahrzehnten medial passiert und da sind wir eben bei der Digitalisierung.

Platon (428-347 v. Chr.), Quelle: wikimedia.

Ich muss dabei immer wieder an Platon zurückdenken. In seinem „Phaidros“ schildert er eine Begegnung der ägyptischen Götter. Theut, der Erfinder der Schrift, ist stolz auf seine Erfindung und prahlt, dass die Schrift nun die Menschen weiser und klüger machen würde. Die anderen Götter sind skeptisch. Thamus widerspricht schließlich und sagt: „Diese Schriftzeichen werden die Menschen dümmer machen!“

Der Grund: die Menschen denken weniger selbst. Sie werden vergesslich, verlassen sich nur noch auf die Schrift und verlieren so die Fähigkeit, selbst zu denken.

Dinge, die einem bekannt vorkommen, wenn man auf die heutige Digitalisierung schaut. Was Platon damals bei der (neu aufkommenden) Schrift kritisierte, ist nach wie vor aktuell:

Je mehr ich mich auf ein Speichermedium verlasse, desto weniger denke ich selbst. Erschwerend kommt hinzu, dass die heutigen Speichermedia ein derartiges Ausmaß erreicht haben, von dem Platon nicht einmal träumen konnte.

Und noch einmal erschwerend kommt hinzu, dass heute nicht nur alles in damals unvorstellbarer Weise abgespeichert wird und wir in damals unvorstellbarer Geschwindigkeit auf diese Daten zugreifen können: seit einigen Jahren verarbeiten wir diese Daten nicht einmal selbst, sondern eine „künstliche Intelligenz“.

Nicht nur das Material des Denkens, sondern das Denken selbst wird ausgelagert.

 

Das geschieht nicht ohne Verluste. Es sind nicht nur die Verluste unserer menschlichen kognitiven Fähigkeiten, die ja nicht nur für Universitätsseminare wichtig sind. Es sind auch die Verluste, die im Ergebnis sichtbar werden, wenn nicht natürliche, sondern künstliche Intelligenz denkt und Entscheidungen trifft. Denn man muss sich klarmachen: die künstliche Intelligenz denkt nicht, sie simuliert Denken, indem sie Datenmaterial in Beziehung zueinander setzt. Menschliches Denken geht weiter, indem es nicht nur Daten vergleichen, sondern selbst verstehen kann.

Entsprechend kommt eine kürzliche erschienene Studie zum vielleicht für viele überraschenden Ergebnis, dass gerade in Zeiten der Digitalisierung die Bedeutung der Philosophie zugenommen hat: „Vergiß Python, studier Platon!

Dass vor diesem Hintergrund ein renommierter Philosophie wie Markus Gabriel vor einigen Tagen verkündet, dass man ethische Entscheidungen besser an die Künstliche Intelligenz auslagern könnte, sollte einem zu denken geben. Nicht nur, aber auch einem Markus Gabriel.

 

Was ist nun zu tun?

Die Künstliche Intelligenz ist da, die Smartphones sind da, und sie werden auch bleiben. Und das ist auch gut so, weil sie auch einen großen Nutzen haben. Aber sie sind eben nicht nur nützlich und deshalb muss der Umgang mit ihnen gelernt werden.

Was bedeutet: die Alternativen zu ihnen müssen mehr gepflegt werden. Nur, wenn ich die Alternativen einer Sache kenne, kann ich sie beurteilen.

Und das beginnt bereits in der Kindheit.

Ich war erschrocken, als wir uns hier in den Niederlanden die neue Schule für unseren Sohn anschauten und der Direktor stolz erzählte: „Bei uns wird auch noch gelernt, mit der Hand zu schreiben!“ Was bedeutete, dass es nicht mehr üblich ist.

Schweden hat bereits damit begonnen, die Bildschirme aus den Klassenzimmern zu verbannen und setzt wieder auf händisches Schreiben und Lesen von gedrucktem Paper. Beides ist intensiver und steigert die Beschäftigung mit der Sprache als bloßes Tippen und Bildschirmlesen.

Lesen und Schreiben sind eben nicht nur „Kulturtechniken“. Es sind Grundlagen unseres Denkens, der Art und Weise, wie wir unsere Welt verarbeiten. Und wenn wir diese Verarbeitung unserer Welt auslagern, bleibt das nicht ohne Folgen für uns.

Dies bedeutet nicht, das Rad der Zeit zurückzudrehen und alles abzuschaffen, was mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zu tun hat. Es bedeutet an erster Stelle, genauer hinzusehen, welche Techniken an den Schulen und Universitäten gelehrt und gelernt werden und ob man da gewisse Weichenstellungen vielleicht noch einmal korrigieren muss.

Und für uns alle, die wir zwar Schule und Universität hinter uns gelassen, aber natürlich unser Leben lang Lernende sind, gilt: lernt wieder zu denken! Und fangt am besten noch heute damit an, indem ihr ein gutes Buch lest!