Das Thema „Unternehmensethik“ ist immer wieder auf der Agenda der einzelnen Unternehmen – oft sichtbar in Listen ethischer Werte, die Arbeitsgruppen des Unternehmens erarbeitet haben und wo genau beschrieben ist, dass man ehrlich sein und fair miteinander umgehen soll.

Die ketzerische Frage: gibt es im Unternehmen jemanden, der nicht weiß, dass man eigentlich ehrlich sein  und eigentlich fair miteinander umgehen sollte? Gibt es jemanden, dem nach Betrachtung dieser Listen eine neue Erkenntnis aufgehen würde? „Ach, ich soll ehrlich sein?“ „Wir sollen hier fair miteinander umgehen?“

Das Problem: das Wissen ist das eine, das Tun etwas anderes. Eigentlich weiß jeder, was ethisch gut oder schlecht ist, aber trotzdem handelt man nicht immer in einer ethisch guten Weise.

Oder – um als ehemaliger Pfarrer zu sprechen: eigentlich weiß jeder, was eine Sünde ist, und trotzdem bleiben alle Sünder.

Hier stellt sich natürlich für den Pfarrer die gleiche Frage wie für den Unternehmensberater, der in einem Unternehmen eine bestimmte Ethik implementieren soll: welchen Zweck hat es, über Ethik zu sprechen, wenn eh schon alle eigentlich Bescheid wissen, sich aber trotzdem keiner dran hält?

 

Ethik heißt nicht nur Wissen

Nun kann man lange darüber streiten, ob wirklich alle über ethische Fragen Bescheid wissen oder überhaupt dafür sensibel sind. Immer wieder gibt es sog. „moralische Dilemmata“, die nicht leicht lösbar sind, weil verschiedene ethische Grundsätze sich dort im Widerstreit befinden.

Aber man muss auch realistisch feststellen: für die meisten ethischen Problemlagen gilt dies nicht. Die meisten ethischen Problemlagen im Alltag eines Unternehmens beruhen auf so eigentlich simplen ethischen Grundwerten wie Ehrlichkeit, Höflichkeit usw., Dinge, die eigentlich allgemein bekannt sind.

Wie nun damit umgehen, wenn diese simplen Dinge in einem Unternehmen nicht funktionieren? Sicherlich geht es auch um Sensibilisierung, darum, die Mitarbeiter auf gewisse ethische Fragestellungen aufmerksam zu machen. Aber eben nicht nur.

Weil ethische Schieflagen nicht nur ein kognitives Problem sind. Im Regelfall ist ein Mitarbeiter nicht deshalb unehrlich, weil er nicht wissen würde, dass er eigentlich ehrlich sein soll.

Die Ursachen!

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Entsprechend geht es bei der Implementierung ethischer Werte in einem Unternehmen ganz wesentlich darum, festzustellen, warum bestimmte Werte nicht funktionieren. Ein Blick auf die Ursachen ist nötig: Welche Gründe hat es, dass viele Mitarbeiter unehrlich sind? Welche Faktoren sorgen dafür, dass viele Mitarbeiter gemobbt werden? Warum ist der Krankenstand so hoch?

Für solche Handlungsmuster, die sich in einem Betrieb oft wiederholen, gibt es Gründe.

Der Krankenstand ist so hoch, weil der Vorgesetzte sich ihnen gegenüber wie ein Tyrann aufführt. Da wird es nicht helfen, die Mitarbeiter dafür zu sensibilisieren, sich nicht sofort krankschreiben zu lassen.

Zwei Mitarbeiter haben jeden Tag Krach miteinander, weil ein sachliches Problem nicht gelöst ist und der Vorgesetzte nicht einschreitet. Da wird es nicht helfen, den beiden Streithähnen mitzuteilen, dass man eigentlich nett zueinander sein soll.

 

Fazit

Ein Handlungsmuster, eine Handlung, die in einem Unternehmen oder in einer Abteilung immer wieder auftaucht, hat Ursachen. Diese muss man ausfindig machen, um ein Handlungsmuster effektiv verändern zu können. Die Ethik eines Unternehmens ist immer Teil der Unternehmenskultur und auch als solche zu bespielen (Vgl. dazu den Blog: “Unternehmenskultur: das Spiel über die Bande“).

Jemand handelt im Normalfall nicht unethisch, weil er unethisch handeln will oder weil er nicht wüsste, was die ethisch korrekte Handlung wäre, sondern weil es bestimmte Umstände sind, die einen zu einer unethischen Handlung provozieren. Dies entbindet nicht von der Verantwortung, die jeder für seine Handlungen besitzt, aber es schafft die Möglichkeit, effektiv an der Ethik eines Unternehmens zu arbeiten und die Weichenstellungen vorzunehmen, die nötig sind.