“Welt als Differenz?”

Wir erklären die Welt oder einzelne Teile der Welt anhand von bestimmten Grundideen. Diese Ideen sind oft abhängig von der Gesellschaft oder der Kultur oder der Zeit, in der wir leben. Eine solche Idee kann vielleicht sein, dass letztlich alles, was es gibt, auf eine Einheit hinausläuft.

Eine andere Idee ist diejenige, dass man die Welt mittels “Differenzen” erklären kann bzw. die Welt letztlich aus Differenzen besteht. Dieser Gedanke ist seit mehreren Jahrzehnten sehr präsent und ein zu einem wichtigen Kennzeichen des modernen Menschen geworden.

 

Heraklit

Um den Gedanken der Differenz zu erklären, will ich mit dem Mann beginnen, der in grauer Vorzeit – natürlich im alten Griechenland – zuerst diesen Gedanken gefasst hat: Heraklit (ca. 520-460 v. Chr.). Es ging in der neu entstehenden Philosophie um die ewige Frage, was sie im Innersten zusammenhält und wie man die Abläufe in der Welt erklären kann.

Quelle: www.wikipedia.org

Heraklit tauchte nun mit der revolutionären Antwort auf, dass es nicht möglich ist, alles, was existiert auf eine Ursubstanz zurückzuführen. Die Wirklichkeit ist Vielheit und damit ist sie auch ein immerwährender Kampf der einzelnen Dinge: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“

Dieser Satz bedeutet nicht – wie oft vermutet wird – dass der technische Fortschritt in Kriegszeiten besonders groß ist, sondern dass alle Dinge sich in einem immerwährenden Krieg befinden: jedes Ding existiert, indem es sich gegenüber anderen Dingen verhält: abstößt und anzieht, vereinnahmt oder bekämpft.

Mit anderen Worten: wenn ich die Dinge in der Welt erklären will, muss ich erklären, wie ein Ding sich zum anderen Ding verhält. Ich erkläre die Wirklichkeit über die „Differenz“.

 

Metaphysik

Dieser Gedanke des Heraklit hat sich in der Folgezeit allerdings nicht durchgesetzt. Vielmehr dominierte die gegenteilige, „metaphysische“ Interpretation der Welt: die Wirklichkeit wird auf eine zugrundeliegende Einheit hin interpretiert. Eine einzelne Sache wird nicht auf ihre Differenzen hin gesehen, auf ihre Beziehungen zu anderen Sachen, sondern auf ihre eigene Identität hin.

Das Weltbild, das mit dieser metaphysischen Interpretation verbunden ist, ist eher starr und unbeweglich: einzelne Dinge werden eben nicht in ihrer Flexibilität und Beweglichkeit wahrgenommen, sondern auf ihre Identität hin festgeschrieben.

 

Comeback der Differenz

Diese Art der Interpretation begann sich dann in der Moderne zu ändern. Wichtige Arbeit hat hier Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert vollbracht, der jede Möglichkeit, die Dinge auf ihre Identität und ihren Wesenskern hin erklären zu können, radikal in Frage stellte. Was wir an den Dingen erkennen, sind nicht die Dinge selbst, sondern unsere Interpretation: „Alles ist Interpretation!“

Im 20. Jahrhundert setzte sich die Krise des metaphysischen Denkens weiter fort. Die Gründe dafür sind vielfältig und können hier nur angedeutet werden. Prinzipiell nimmt in den Gesellschaften das Bewusstsein zu, dass es nicht die eine große Lösung zur Erklärung der Welt geben kann. Inwiefern hier die Krise des Christentums mit reinspielt oder das Scheitern anderer gesellschaftlicher Ideologien, muss offen bleiben.

Fakt ist jedoch, dass die meisten Menschen Europas immer weniger in der Lage oder willens sind, die Wirklichkeit auf eine letzte Einheit hin zu interpretieren (was natürlich auch politische Auswirkungen hat). Stattdessen überwiegt das Bewusstsein, die Wirklichkeit als Pluralität zu interpretieren, als ein Zusammen ganz vieler Faktoren, die in einem ständigen Austausch stehen, ohne dass man sagen könnte, dass es einen alles dominierenden Faktor geben würde.

Hier öffnet sich ein neuer Raum für den Gedanken der Differenz, den vor allem zwei Männer aufgegriffen haben: Jacques Derrida (1930-2004) in seiner “Dekonstruktion” und Niklas Luhmann (1927-1998) in seiner Systemtheorie.

Derrida

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Jaques Derrida war französischer Philosoph und griff den Differenz-Gedanken sehr theoretisch auf: Jedes Ding hat zwar eine Identität, die ist aber nicht genau beschreibbar und nicht genau erkennbar. Was man beschreiben kann, wird beschreibbar durch die Wahrnehmung der Differenz: der Differenz, die etwas zu den anderen Dingen hat bzw. der Differenz, die man selbst zu diesem Ding hat.

Da diese Differenz auch zu der in diesem Prozess entstandenen Interpretation vorhanden ist, entsteht ein endloser Interpretationsprozess: Interpretiertes und Interpretation werden immer wieder auf die Differenz hin neu analysiert. Die Wirklichkeit besteht genauso in einer unauffhebbaren Differenz wie unsere Versuche, sie zu interpretieren.

 

Luhmann

Der Differenzgedanke hatte aber auch deutlich praxisrelevantere Ausformungen: so etwa in der Systemtheorie Luhmanns, der in vielen Punkten auf Derrida zurückgreift. Das Grundphänomen ist das gleiche: ich kann eine Sache nicht für sich genommen erklären, sondern ich erkläre sie über ihre Wirkungen nach außen, über die Beziehungen, über ihr Verhalten gegenüber den Dingen, auf die sie einwirkt bzw. von denen auf sie eingewirkt wird. Also über die Differenzen.

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Hierbei entsteht um die zu erklärende Sache ein Netz von Beziehungen: ein System. Ein System ist ein Netz von Beziehungen. Diese Beziehungen sind Differenzen, die die einzelnen Teile des Systems erklärbar machen. Die Differenzen erklären das System und seine Teile. Das Leben im System bzw. die Erkenntnis eines Systems ist die Wahrnehmung bzw. das “Abtasten” von Differenzen: “Am Anfang steht die Differenz.”

Hier hat die systemische Therapie bzw. Beratung ihre Wurzel: eine Person oder ein Betrieb wird nicht für sich genommen, sondern wird untersucht auf die Beziehungen zu den anderen Teilen des Systems. Über diese Beziehungen – also über die Differenzen – wird dann versucht, eine Verbesserung der Lage zu erzielen.

 

Fazit

Es ist nicht selbstverständlich, wie wir versuchen, uns die Welt zu erklären. Wir müssen uns bewusst machen, dass unsere Erklärungen von Sachen immer davon abhängig sind, wie wir prinzipiell glauben, Sachen definieren zu können.

Wenn wir glauben, eine Sache für sich definieren zu können, dann gehen wir methodisch immer weiter in die Sache selbst rein und analysieren sie.

Dem metaphysischen Denken liegt der Glaube an eine Einheit zugrunde. Diese Einheit kann eine religiöse, eine ideologische oder auch eine rein gedanklich-logische sein. Veränderungen geschehen immer nur in dem Rahmen, den diese Einheit vorgibt. Hier liegt der Grund dafür, dass religiöse oder ideologische Gesellschaften Innovationen als solche nicht wirklich wahrnehmen wollen oder können. Alles geschieht nur im Rahmen der geglaubten Einheit. Punkt.

 

Wenn wir glauben, eine Sache über die Beziehung zu etwas anderem definieren zu können, dann schauen wir genau auf diese Beziehungen und schließen dann auf die Sache selbst. Dieser Weg ist eher in der Lage, existierende Entwicklungen zu erkennen und zukünftige Entwicklungen anzustoßen. Es gibt keinen festen Rahmen, sondern die Welt ist eine Welt ständiger Veränderungen und damit beeinflussbar.

Gerade diese Fähigkeit macht die „Differenz“ nicht nur zu einem theoretischen Gedankenkonstrukt, sondern auch zu einer Methode, die in der beraterischen Praxis erfolgreich angewendet wird. Sie erlaubt es, neue Möglichkeiten theoretisch zu denken und auch praktisch anzugehen.

Oder, um mit Heraklit zu beschließen:

„Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt,

jeder Schlummernde wendet sich nur an die eigene.“

 

Literaturempfehlungen:

Clam, Jean: Was heißt es, sich an Differenz statt an Identität zu orientieren? Zur De-ontologisierung in Philosophie und Sozialwissenschaft.

Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz.

Luhmann, Niklas: Soziale Systeme.