Im Laufe ihrer langen und spannenden Geschichte hat die Philosophie verschiedene Modelle und Denkschulen hervorgebracht, die mit je unterschiedlichen Akzenten und Gewichtungen die Wirklichkeit erklären wollen.

Eine sehr interessante Denkschule ist die des „Strukturalismus“, sozusagen der französische Bruder der „Systemtheorie“. Wie der Name Strukturalismus verrät: es geht um Strukturen. Die Wirklichkeit wird über Strukturen erklärt. Das heißt, ich erkläre nicht die Einzelteile jeweils für sich, sondern füge sie in einen größeren Gesamtzusammenhang ein.

 

Ferdinand de Saussure: Sprache als Struktur

Als Gründer des Strukturalismus gilt der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857-1913). Er revolutionierte die Sprachwissenschaft, indem er die Sprache nicht in ihre Einzelteile aufspaltete, sondern die einzelnen Elemente der Sprache – die Wörter – vor dem Gesamtsystem „Sprache“ her interpretierte.

Was heißt das konkret?

Ferdinand de Saussure, Quelle: www.wikipedia.org

Ich habe ein Wort „Baum“. Die Bedeutung dieses Wortes, so de Saussure, kommt nicht aus ihrem eigenen Gehalt (also nicht von dem Baum, der mit dem Wort benannt wird), sondern aus dem Verhältnis des Wortes „Baum“ zu anderen Wörtern. Sprache funktioniert nicht als Häufung von Bezeichnungen, sondern als eine Gesamtstruktur, die einzelne Bezeichnungen hervorbringt.

Ein Wort ist ein Zeichen, ein sprachliches Zeichen. Es steht für einen Gegenstand und soll ihn „bezeichnen“. Das Spannende ist nun, dass de Saussure den Wert eines Zeichens nicht danach bemisst, wie präzise es diesen Gegenstand bezeichnet, sondern wie es sich zu anderen Zeichen verhält.

Die Sprache steht erst einmal für sich und nur für sich. Es geht bei der Sprache nicht in erster Linie um Inhalt, sondern um Kommunikation, um Austausch, um das Verhältnis der Zeichen.

Hieraus ergibt sich natürlich eine andere Perspektive der Sprachwissenschaft und auch der Philosophie, wenn es um das Verstehen von Aussagen geht bzw. darum, ob eine Aussage Sinn macht oder nicht.

 

Die strukturalistische Welle

Der „Strukturalismus“ verbreitete sich in weiten Teilen Europas, vor allem in Frankreich war er in den 60er und 70er Jahren sehr einflussreich. Die strukturalistische Methode ließ sich nicht nur in der Sprachwissenschaft anwenden, sondern auch in der Philosophie, der Literaturwissenschaft, der Geschichte, der Ethnologie, der Soziologie, der Psychologie usw. Berühmte Vertreter waren Roland Barthes, Roman Jakobson, Claude Lévi-Strauss, Jacques Lacan und Gilles Deleuze.

In all diesen Wissenschaften wurden große Fortschritte erzielt, denn der Strukturalismus eröffnete neue Sichtweisen auf die zu untersuchende Materie. Neue Verbindungen zwischen verschiedenen Dingen konnten erkannt werden, viele bislang zusammenhanglose Dinge konnten nun als Teil einer gemeinsamen Struktur begriffen werden.

Roland Barthes (1915-1980) beschreibt die strukturalistische Forschung wie folgt:

„Der strukturale Mensch nimmt das Gegebene, zerlegt es, setzt es wieder zusammen; das ist scheinbar wenig (…). Und doch ist dieses Wenige, von einem anderen Standpunkt aus gesehen, entscheidend; denn zwischen den beiden Objekten, oder zwischen den beiden Momenten strukturalistischer Tätigkeit, bildet sich etwas Neues.“

Dieses Neue ist die Erkenntnis: zwischen den Dingen arbeitet etwas und dieses Etwas hat eine Struktur. Ich kann diese Struktur erkennen und diese Struktur hilft mir, die Dinge zu verstehen.

 

Claude Lévi-Strauss

Claude Lévi-Strauss, Quelle: www.wikipedia.org

Die Arbeitsweise der Strukturalisten lässt sich vielleicht am besten durch den Ethnologen Claude Lévi-Strauss (1909-2009) erklären (vgl. den Blog “Heiße und kalte Kulturen“). Er wollte die Mythen von Eingeborenen-Völkern erklären. Er sammelte diese Mythen und stellte in diesen Mythen immer wiederkehrende Muster fest. Diese Muster – die Strukturen – halfen ihm, die genaue Funktionsweise der Mythen zu erkennen.

Es ging Lévi-Strauss – wie de Saussure in der Sprachwissenschaft – nicht um den Inhalt des jeweiligen Mythos, sondern um die Struktur, die Mythen hervorbringt. Unabhängig vom Inhalt der Dinge lassen sich die Dinge durch ihr Verhältnis zu anderen Dingen erklären. Nur so kann man verstehen, warum die Dinge so sind und warum sie sich so verhalten: wie sie funktionieren.

 

Fazit

Wie auch die Systemtheorie schaut der Strukturalismus nicht so sehr auf die Dinge selbst, sondern auf ihr Verhältnis zu den anderen Dingen. Nicht, was die Dinge sind, sondern wie sie sich verhalten, ist hier entscheidend. Dieser Akzent, der auf dem Gedanken der Differenz beruht (vgl. dazu den Blog “Die Welt als Differenz“), kann sehr wichtig sein, wenn es darum geht, eine komplexe Situation oder einen komplexen Sachverhalt zu verstehen.

Natürlich muss man auch um die Grenzen der strukturalistischen Methode wissen: ich kann einen Menschen zwar sehr gut über seine Handlungen erklären und sehr vieles durch sein Verhalten über ihn verstehen: dennoch muss ich wissen, dass diese Dinge nicht seine Identität sind. Die Identität eines Menschen ist mehr.

Und so ist auch ein Unternehmen mehr als nur in Handlungen sichtbar wird bzw. in seinem Verhalten. Das Unternehmen ist nicht identisch mit seinen Strukturen und Handlungsmustern – aber ohne diese nicht verstehbar. Es braucht den Blick auf die Strukturen und hier kann der klassische Strukturalismus eine ebenso große Hilfe sein, wie es die Systemtheorie in vielen Feldern der Beratung bereits geworden ist.

 

Literaturempfehlungen:

Dosse, Francoise: Geschichte des Strukturalismus, Bd. 1 und Bd. 2.

Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken.

de Saussure, Ferdinand: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft.