Wie wird eigentlich aus der Theorie Praxis? Und welchen Sinn haben irgendwelche abstrakten Theorien, die keinen normalen Menschen interessieren?

Wir haben auf der einen Seite große Denker. Die brüten in ihrem stickigen Kämmerlein die größten und meist auch kompliziertesten Theorien aus, die maximal eine Hand voll Professoren oder übereifrige Studenten interessieren. Wenn überhaupt.

Und auf der anderen Seite haben wir die Praktiker. Die wissen, wie der Hase läuft. Die haben Erfahrung. Diese Erfahrung setzen sie um und haben oft auch Erfolg damit.

Warum sollten sie sich mit Büchern oder diesen Denkern beschäftigen? Und umgekehrt: welchen Sinn hat eigentlich das Nachdenken über Theorien?

Niklas Luhmann und die Systemtheorie

Eine gute Antwort darauf kann Niklas Luhmann geben, der vor einigen Tagen (am 8.12.) 90 Jahre alt geworden wäre. Er war ein großer Theoretiker, der mit seinem Denken die Soziologie auf den Kopf gestellt hat. Und der andererseits selbst mit der Praxis wirklich nichts zu tun hatte. Aber sein Denken fand den Weg in die Praxis, und dieser Weg des Denkens verrät uns sehr viel darüber, wie Theorie im Idealfall funktioniert.

Ganz grob zu dem, was er gedacht hat (für nähere Details einfach seine Bücher kaufen, etwa „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ oder „Soziale Systeme“, oder – für die Schnellen – bei Wikipedia gucken): Alles, was lebt, und aus mehreren Einheiten zusammengesetzt ist, ist ein System. Der Mensch ist ein System, eine Familie ist ein System, das Unternehmen ist System, die Gesellschaft ist ein System.

Was Luhmann nun interessierte: Wie funktioniert dieses System? Welche Regeln hat ein System? Mit welchen Mitteln will ein System überleben? Wie geht ein System mit Störungen um?

Niklas Luhmann (1927-1998), Quelle: www.ndr.de

Der Kitt, der ein soziales System, also ein System von Menschen, zusammenhält, ist die Kommunikation. Ein Unternehmen ist ein System, das durch den immerwährenden Austausch seiner Mitglieder am Leben erhalten wird.

Spannenderweise übernahm Luhmann auch Elemente aus der Biologie, um die Funktionsweisen eines Systems zu erklären. Ein lebendiges System, ein Tier etwa, hat die Fähigkeit, sich selbst am Leben zu erhalten und selbst dafür zu sorgen, dass das System intakt bleibt. Die beiden Neuro-Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela sprechen von einer „Autopoiesis“ um diesen Selbsterhaltungs- und bildungstrieb eines biologischen Systems zu beschreiben.

Diese „Autopoiesis“ wird zum zentralen Schlüssel im Denken Luhmanns. Nicht nur ein biologisches, sondern auch jedes soziale System folgt Regeln der Selbsterhaltung und Selbstbildung. Ein soziales System, von der Familie über das Unternehmen bis zur gesamten Gesellschaft, reagiert auf positive und negative Einflüsse von außen, auf Störungen von innen usw.

Luhmann hat in seinen umfangreichen Analysen versucht, die Naturgesetze solcher sozialen Systeme zu entdecken und zu beschreiben.

Von der Systemischen Familientherapie zur Systemischen Organisationsberatung

Ab Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts kam es zu einem inhaltlichen Umschwung in der therapeutischen Beratung. Man merkte, dass es nicht immer hilfreich ist, ein zu behandelndes Problem nur bei der betroffenen Person allein zu analysieren – wie es die Psychoanalyse getan hat. Stattdessen wurde immer klarer, dass auch das Umfeld einzubeziehen ist. Ein Problem entsteht häufig als soziales Problem, weil ein Mensch in einem bestimmten Umfeld in einer bestimmten Art und Weise reagiert – gut reagiert, manchmal aber eben auch schlecht oder krank.

Ab 1971 entwickelte Mara Palazzoli in Mailand die Systemische Familientherapie. Der Grundgedanke: wenn man das Umfeld einbeziehen muss, um einen Menschen wirklich zu verstehen, dann ist doch der Mensch als Teil dieses Umfelds Teil eines Systems! Und über solche Systeme hat die Systemtheorie Luhmanns entscheidende Dinge beizutragen, weil sie die Mechanismen solcher Systeme erläutert und deutlich macht, was eigentlich in diesem System passiert und was vielleicht passieren muss, damit es wieder reibungslos funktioniert.

Die Systemtheorie wurde so zur inhaltlichen Quelle der Systemischen Beratung, die sich dann im Laufe der Jahre aller Gebiete annahm, in denen es um soziale Systeme geht, so etwa die Systemische Organisationsberatung, die seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts von Eckard König zusammen mit Gerda Volmer in Deutschland entwickelt wurde, und im Feld der Unternehmensberatung aktiv ist.

Von der Theorie zur Praxis

Ein Blick auf diese „praktische“ Geschichte der Systemtheorie Luhmanns macht folgendes deutlich:

  • Eine Theorie entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern hat immer etwas mit der Praxis zu tun.
    Was Luhmann in seiner Systemtheorie erarbeitete, erschien ihm nicht im Traum, sondern in der Wirklichkeit. Er sah vor sich ein so komplexes Gebilde wie die Gesellschaft und dachte sich: wie kann ich die Regeln finden, nach denen eine Gesellschaft funktioniert? Er hörte von den biologischen Systemen und erkannte, dass ein soziales System eigentlich nach sehr ähnlichen Regeln funktioniert wie ein biologisches System: es ist komplex, es hat Regeln, die das Überleben sichern. Aus diesen Elementen entstand seine Theorie.
  • In der Praxis treten Fehler und Unzulänglichkeiten auf.
    Man stellte im therapeutischen Bereich fest, dass etwas nicht passte mit der bisherigen Arbeit. Aus der bloßen Praxis heraus merkte man, dass man auch das Umfeld einer Person miteinbeziehen muss.
  • Die Theorie verbessert die Praxis.
    Man fand die Systemtheorie, die genau erklärt, wie sich soziale Umfelder eigentlich verhalten. Diese Theorie half, das festgestellte Problem zu beheben.

Zusammenfassung

Theorien entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind Versuche, auf einer abstrakten Ebene die Wirklichkeit zu erklären. Sie können helfen, Probleme wahrzunehmen und Probleme zu lösen, weil sie auf einer anderen Ebene agieren als die bloße Praxis: sie sortieren, ordnen, analysieren und erklären.

Eine Praxis, die sich nicht von der Theorie beeinflussen lässt, ist kaum in der Lage, Probleme zu lösen oder Innovationen zu denken.

 

Literaturempfehlungen:

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaften.

Luhmann, Niklas: Soziale Systeme.

Maturana, Humberto; Varela, Francisco: Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens.